Sein Kinn hat er emporgereckt. Aus Sicht des Zylinders auf seinem Kopf ist das eine riskante Haltung. Noch um ein weniges höher und der steife Graue purzelt auf den Boden. Doch Karl-Heinz Richter weiß, was er tut. Seit über sieben Jahren stolziert der hagere, hoch gewachsene Herr in der hellgrauen Uniform durch die Eingangshalle des Kaufhauses des Westens. Immer mit emporgerecktem Kinn, immer auf der Suche nach Rat erstrebenden Kunden. Nie ist ihm dabei der Zylinder vom Kopf gefallen. Noch kein einziges Mal. Richter ist deutschlandweit der einzige Kaufhausportier. Einer Leuchtboje gleich ragt sein behüteter Kopf aus dem Menschenmeer. Und wirklich nennt man ihn hier auch den "Leuchtturm" oder die "Symbolfigur unseres Hauses". Hetzende Frauen, wuselnde Kinder, Männer im zielstrebigen Schritt, eine sich zur Tür heraus- und her- einschiebende, lebende Knetmasse. Mitten in ihr steht Richter und wenn besonders viele Menschen da sind, wirkt er wie ein Verkehrspolizist, der mit weisender Hand Ordnung in das Knäuel bringt.Er verstehe sich nicht als "doorman", als bloßen Portier, betont der 58-Jährige. Vielmehr sei er Kundenbetreuer, eine mobile Informationssäule, fünf Sprachen sprechender Dolmetscher, Berater für Touristen und manchmal gar Seelsorger. "Manche Kunden müssen einfach ihren Frust loswerden. Dann höre ich zu", erzählt Richter und blickt milde lächelnd hinter den hängenden Lidern hervor. Von dem einen, dem schönsten Erlebnis als Portier will der gelernte Dolmetscher zunächst nicht sprechen. Jedes Lächeln, jedes Dankeschön sei ein besonderes Erlebnis. Und dann redet der ruhige Mann, doch von seinem schönsten Erlebnis: "Einmal besorgte ich einem Blinden das gewünschte Produkt. Seine Freude werde ich nie vergessen." Richter eilt in die Damenabteilung, um für eine russische Kundin zu übersetzen, erklärt einem Paar, wie ein Einkaufsgutschein eingelöst werden kann oder zeigt einem Mann den Weg zum Hotel. Er eskortiert den Fragenden zur Ausgangstür. Ruhig und bedächtig deutet er nach links, beschreibt einen Halbkreis, deutet nach vorne. Gleich wird er wohl den Zylinder abnehmen und den Kunden bis zum Hotel geleiten, vermutet man. Doch Richter verlässt seinen Arbeitsplatz nie vor Dienstschluss. Er zieht lediglich seine Mundwinkel weit in die Wangen hinein und verabschiedet sich. Lachfalten graben sich in seine Haut. Ein armer Umherirrender weniger in der Stadt. Richter ist zufrieden.Wenn das Gedränge nachlässt, wirkt der letzte Mann im KaDeWe plötzlich nicht mehr wie ein ordnender Verkehrspolizist. Mit steifen Armen, suchenden Augen und schlurfendem Schritt mäandert er vor den Glastüren umher. Kurz verirrt er sich sogar in die Lederwarenabteilung und prüft vor dem Spiegel den Sitz seiner Krawatte. Fast sieht es so aus, als habe er mit schwindenden Besuchermassen die Orientierung verloren. Richters Gesicht wird glatt, von den weichen Augenlidern sieht man viel. Ein trauriger Clown ohne Publikum. "In gewisser Weise bin ich ja auch ein Einzelgänger", sagt er. In ganz Deutschland hat er keinen einzigen Berufskollegen.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Karl-Heinz Richter und sein Zylinder sind gut zu sehen im Foyer des KaDeWe. Der hoch gewachsene Mann ist der bundesweit einzige Kaufhausportier.