Der Freitag leitet sich als Begriff von der germanischen Göttin Frija her - von Freia der Holden, Holda der Freien (Richard Wagner, "Rheingold"). Die Völker des rauhen Nordens setzten am Ende der Antike einfach den Namen der bei ihnen für Liebe, Erotik und Sexualität zuständigen Gottheit an Stelle von Venus. Wie kaum anders zu erwarten, geht es auch mit Karlheinz Stockhausens "Freitag" um die Annäherung an die Sphäre der Aphrodite: um das Prinzip des Weiblichen als das der Liebe in vielerlei Gestalt, als Mütterlichkeit und Versuchung. Es geht um das schon seit mehr als 200 Jahren zauberbeflötete Verhältniss von Mann und Weib und Mann, um die Paarung in regulärer und unbotmäßiger Konstellation.Verhandelt wird, mehr in Gesten als in Worten, was die Bibel und Stockhausen den "Fall" nennen. In dessen Folge dann auch Reue, Versöhnung und Läuterung. Das künstlerische Bühnenpersonal schraubt sich auf einer kreisenden Wendeltreppe nach oben, dem Licht und den lichten Höhen zu.Mit diesem Abschnitt von Stockhausens siebenteiligem "Licht"-Zyklus, der wie die vier anderen bislang vorgelegten Teile auf ein herkömmliches Libretto verzichtet, wird weder die Planetenwoche mythologisch ausgelotet noch die im Süden ausgeprägte Unglücksdeutung, nach der man am Freitag im Andenken an den Tod des Religionsgründers büßen und fasten, aber nicht umziehen, reisen, säen, jagen oder sich die Haare schneiden lassen soll. Mit dem Historisch-Gesellschaftlichen freilich hat Stockhausen wenig im Sinn. Und mit Karfreitagszauber gar nichts. Der Kölner Komponist will vor allem die Musik weiterbewegen. Er möchte ihr und sich selbst neue Dimensionen öffnen, insbesondere auch "Quelle für eine neue Entwicklung der szenischen Musik sein". Dies missionarische Wollen, getragen von einer kosmologischen Privatreligion, stößt an gesellschaftliche Grenzen: "Die Opernhäuser distanzieren sich ganz bewußt von ,Licht`", klagte der Meister jüngst. Er bezeichnet es als "unglaublich, daß in 17 Jahren von etwas über 100 Opernhäusern in Deutschland bisher nur ein einziges Opernhaus einen Teil von ,Licht` aufgeführt hat". Und das war der "Dienstag" im Frühjahr 1993 in Leipzig.Die "Dienstags"-Deutung als Tag des Wettbewerbs, der elektronisch gestützten kriegerischen Auseinandersetzung konventioneller Instrumente, begann mit einem ausladenden Friedensgruß. Den Eingang in die "Freitag"-Musik macht ein im elektronischen Studio des WDR ausgearbeiteten Tonband, das auch im weiteren Verlauf das Rückgrat der musikalischen Handlung bildet: Über der entfernt an Maschinenhalle erinnernden Grundfolie erhebt sich aus den planvoll justierten Lautsprechern ein heftiges Gurren und Turteln. Dessen Muster wird später, in der großen Vokalise von Versuchung und "Fall", aufgegriffen und von den Gesangsstimmen überlagert.Die Produktion selbst präsentiert dann Paare und deren unreine Mischung (sowie deren Folge: die Kinder). Der Ausstatter Johannes Conen versah seine Figuren mit stark ausgeprägten Geschlechtsteilen: zwei als Menschen wie von einem anderen Stern, zwei als Bärenhund und Hasenkatze; dann Auto und Rennfahrer als ungleiches Duo im Aggressionsspannungsverhältnis. Die Schreibmaschine erschien als männliche allegorische Figur, und die Kopiermaschine dazu als weibliche; analog die Drogenspritze und der nackte Arm. Schließlich, als Höhepunkt der optischen Aufbereitung: der große, rote Frauenmund und die Eiswaffel mit vertauschten Geschlechterrollen.Zwischen all diesen neobarocken Figuren, die ihre äußere Gestalt der Welt der Fantasy-Hefte und -Filme entlehnten, bewegt sich die Sopranistin Angela Tunstall als Eva: als Urmutter der Musikerziehung. Sie dirigiert zusammen mit einem männlichen Versuchspartner die Kinderchöre, die zunächst zu friedlichem Rollenspiel aufeinandertreffen, dann zum Kinderkrieg, den das Feuer speiende Panzernashorn entscheidet.Den vorwiegend in die Farbe Orange getauchten "Freitags"-Musikszenen liegt nicht nur eine minutiös durchgearbeitete Partitur zugrunde, die alles - bis hin zum Licht - dem Kompositionsplan unterwirft, sondern daraus resultierend auch ein Musikband von hoher Dichte und feingewebter Farbigkeit. Stockhausen scheint sich, stärker als beim "Dienstag", auf seine genuinen Qualitäten als Klangschöpfer besonnen zu haben; demgegenüber treten die Theatermittel zurück und geht der Leipziger Opernabend immer wieder in szenisches Konzert über.Auch wenn in der Inszenierung von Uwe Wand der Darstellung in den erotischen Szenen etwas merkwürdig Steriles anhaftet und der Bilderreigen überstrapaziert wurde, gelang der Oper Leipzig mit dieser Stockhausen-Uraufführung etwas Singuläres: ein Ausblick auf die Tonkunst höherer Sphären. Zu erleben nur noch heute, morgen und übermorgen. Und dann vielleicht für immer versunken und nur noch als Legende fortlebend. Weitere Vorstellungen: 13., 14. und 15. 9., 19.30 Uhr. +++