Der Star des Abends kam auf Krücken. Als Thomas Häßler humpelnd das Karlsruher Wildparkstadion betrat am Dienstag nachmittag um halb fünf, wich mit einem Male die erwartungsfrohe Feierabendstimmung der 21 000 Zuschauer, und kurzzeitig brandete in der Arena authentische Europapokalatmosphäre auf. Häßler nahm die Huldigungen dankbar entgegen und ließ sich auf der Ersatzbank nieder.Das lädierte Bein in Ruhestellung lagernd, wollte er von dort aus ganz entspannt im Hier und Jetzt betrachten, wie seine Kollegen ihrem allseits erwarteten Auftrag gerecht würden: Dänemarks Vorzeigemannschaft Bröndby IF nach dem 3:1-Sieg in Kopenhagen im Achtelfinale des UEFA-Cups aus dem Wettbewerb zu befördern. "Ehrensache" sollte das Gelingen sein, schrieb KSC-Präsident Roland Schmider im Editorial der Stadionpostille, "das sind wir 'Icke' nach seiner schweren Verletzung schuldig". Besagter "Icke" hatte vor zwei Wochen in Kopenhagen eines seiner besten Spiele für die Karlsruher gezeigt und zwei Tore erzielt.Aus der Reha-Maßnahme für den geplagten Häßler wurde nichts. 0:5 (0:2) ließen sich die Karlsruher Kicker von den Dänen abfieseln. Das Schauspiel zu beschreiben, das die Zöglinge des Winfried Schäfer von der ersten bis zu 90. Minute boten, heißt Synonyme für den Überbegriff Katastrophe zu sammeln: Desaster, Debakel, Demontage, etc. "Es ist der bitterste Augenblick, seit ich Trainer in Karlsruhe bin", raunte Schäfer mit aschfahlem Gesicht in die Mikrofone. Immerhin geht Schäfer der Tätigkeit, Karlsruhes Fußball auf gehobenes Niveau zu trimmen, seit mehr als einer Dekade nach.Ganz besonders bitter dürfte für Schäfer die unwiderlegbare Erkenntnis gewesen sein, daß seine Mannschaft mit Häßler alles sein kann, ohne ihn aber nichts ist. Mittelfeld-Kollegen wie Michael Tarnat oder Thorsten Fink, die es im Sog des kleinen Dribbelgenies bis zum Nationalspieler gebracht haben, offenbaren ohne Häßlers hilfreiche Füße erschreckende Mängel. Berti Vogts, der Augenzeuge der Abreibung wurde, schob die niederschmetternde Vorführung seiner zwei Kandidaten auf deren "Selbstgefälligkeit". Der klare Vorsprung aus dem Hinspiel habe die gesamte Mannschaft des KSC in trügerischer Sicherheit gewogen, mutmaßte der Bundestrainer. Berti Vogts wollte nicht unangenehm auffallen als offizieller Gast. Sonst hätte er offen eingestehen müssen, daß in der Mannschaft des KSC im Augenblick nur der Eingegipste den gehobenen Ansprüchen eines internationalen Wettbewerbs genügt.Das Experiment des KSC, um seinen Paradekicker eine halbwegs taugliche Mannschaft zu gruppieren, droht nun nach zwei Jahren zu scheitern. Häßler hat sich bisher geweigert, dem KSC die Zusage für sein Mitwirken über den kommenden Sommer hinaus zu geben. Im Poker um den letzten gutdotierten Kontrakt seiner Karriere ist der Knöchelbruch für den 30 Jahre alten Mittelfeldspieler kein Hindernis. Sollte die Heilung planmäßig vonstatten gehen und er spätestens Anfang März wieder spielen können, würden ihn interessierte Vereine auch unbesehen verpflichten. Bei Thomas Häßler weiß man, was man hat.Den Karlsruhern fehlt beim Werben um Häßler nicht das nötige Geld. Präsident Schmider betonte ausdrücklich, mit den Einnahmen aus dem Europapokal "nicht kalkuliert zu haben". Dafür könnte es an der sportlichen Perspektive mangeln, die Häßler ebenfalls zur Bedingung seines Bleibens macht. Er möchte nicht nur gute Bälle spielen, sondern auch gut angespielt werden. Möglicherweise hat ihn die Hilflosigkeit seiner Kollegen gegen Bröndby dermaßen abgeschreckt, daß er innerlich den Rückzug bereits vorbereitet hat.Wahrhaben will das noch niemand rund ums Wildparkstadion von Karlsruhe. "Icke, Icke", skandierten die Fans sehnsüchtig nach dem vierten Gegentor. Doch da hob der entgeisterte Häßler nicht einmal mehr die Hand zum Gruß. +++