Frau Thalbach, in Ihrem neuen Film "Die Quittung" sagen Sie, am liebsten würde ich den ganzen Tag essen.Der Satz stand nicht im Drehbuch, der ist von mir. Ich könnte wirklich den ganzen Tag essen. Aber nicht jeden Tag. Wenn ich hart arbeite, dann esse ich überhaupt nicht.Wir haben Ihnen etwas mitgebracht.Was ist das denn?Entenleberpastete.Oh geil. Das esse ich sehr gerne. Das löffel ich.Waren die Delikatessen in dem Film wenigstens echt?Da war alles echt.Sie trinken Cola zur Entenleber.Die Kommissarin in dem Film ist eben keine perfekte Genießerin. Bin ich ja auch nicht. Ich verstehe zum Beispiel nichts von Weinen.Kochen Sie gerne?Schöne Innereien, Nieren, Leber, Pansen. Auch fette Sachen. Dann steht ein Glas Essiggurken neben mir und wird im Laufe des Tages langsam konsumiert.Sie leben ziemlich ungesund, oder?Ach was. Das Einzige, was ich nicht lassen kann, ist das Rauchen.Sie sind ein Suchtmensch?Es gibt Leute, die sagen, na eine Zigarette am Tag, und wenn es mal einen geselligen Abend gibt, einen guten Schluck Wein. Das ist mir nicht gegeben. Wenn schon, dann richtig. Das ist vielleicht so ein bisschen DDR-Mentalität, das ist einfach eine andere Zeit gewesen, man war nicht so gesundheitsbewusst. Und was sollte man auch sonst machen. In der DDR haben wir Wodka getrunken oder Korn. Wein hat mir nie geschmeckt. Mein erstes Bier hatte ich mit 24. Da war ich schon im Westen.Haben Sie mit allem so spät angefangen?Gott, mit 24 war ich schon verheiratet und längst wieder geschieden. Und ich hatte eine Tochter.Der Koch im Film ist ein Mörder. Sie wissen, dass er schuldig ist. Aber Sie können ihm das nicht beweisen. Vielleicht wollen Sie auch nicht. Lieber gehen Sie gut bei ihm essen. Richtig gedeutet?Ja, wer weiß, vielleicht kommt der Tag noch, wo ich ihn dann zur Strecke bringe. Nachdem ich alles gekostet habe.Was mögen Sie an Ihrer Rolle?Die Kommissarin ist ein etwas merkwürdiges Wesen. Sie ist nicht die klassische Polizistin, die mit ihren Moralvorstellungen und ihrem Gerechtigkeitsempfinden daherkommt und Delikte schwerstens ahndet. Der Trieb, wirklich aufzudecken, steht bei ihr nicht so im Vordergrund. Man fragt sich, wie sie zu diesem Beruf gekommen ist. Und wie hoch eigentlich ihre Erfolgsquote ist.Was schätzen Sie denn?Ich glaube, sie ist eigentlich sehr hoch.Wir sitzen in der Kantine des Berliner Ensembles. Können Sie sich noch daran erinnern, wie es hier früher gerochen hat?Holz. Hier war alles mit dunklbraunen Holzpaneelen getäfelt. Und Helli, die Weigel, hatte wunderschöne alte Eichentische reingestellt. Ich verstehe nicht, wie hier solche Geschmacklosigkeit einziehen konnte. Dieses Schickeriazeugs. Das sieht ja aus wie in jeder mittelmäßigen Bar in Mitte.Hat die Weigel auch hier gegessen?Die hat in ihrem Zimmer oben gesessen und aufgepasst, dass über die Kellertreppe kein Schnaps zur Bühne hoch geschmuggelt wurde.Wurde aber doch.Na klar. Und dann kam sie runter und hat gezetert.Die Kantine war für Sie so etwas wie ein Kinderzimmer.Ja, meine Mutter, die hier engagiert war, hat mich viel ins Theater mitgenommen. Ich weiß noch genau, hier war eine richtige Theke. Einmal kam Heinz Schubert zu mir, der war damals noch am Berliner Ensemble, später wurde er als Ekel Alfred berühmt. Ich habe gerade eine Fassbrause getrunken und der kam auf mich zu und sagte: Jetzt platzt gleich der Bauch. Was man so sagt zu Kindern. Ich habe das bitterernst genommen und fand das so gemein, dass er mir die Brause verdorben hat.Stimmt es, dass Brecht Sie auf dem Arm gewiegt hat?Das hat mir meine Mutter erzählt. An den Brecht kann ich mich wirklich nicht erinnern.Wer war besonders nett zu Ihnen?Die Domröse. Die war ganz jung, sechzehn oder siebzehn, und immer zauberhaft mit mir. Sie hat mir wunderbare Geschichten erzählt. Ich mochte sie sehr. Wir waren später befreundet. Ernst Busch hat mir ins Poesiealbum geschrieben. In der Garderobe gab es solche Heizungsrohre. Da habe ich immer sehr gern mit dem Ohr drangehangen. Vor der Aufführung des "Galileo Galilei" ist Busch lange seinen Text durchgegangen, und ich habe über die Heizungsrohre gelauscht. Das war so schön. Eines Tages habe ich mich getraut, mit meinem Poesiealbum zu ihm in die Garderobe hoch zu gehen. Seinen Satz habe ich aufgehoben: "Der große Galileo und die kleine Katharina konnten zusammen leider nicht kommen, denn er war viel zu alt. " Lauter nette Leute.Ich habe in den Garderoben natürlich auch viel mitbekommen an Neid, bösen Sprüchen über Kollegen, Intrigen - was im Theater so läuft. Als Kind wird man ja nicht für voll genommen. Da habe ich mich gewundert, dass Leute, die so ekelhaft über Andere daherredeten, zu mir so nett sein konnten. Das fand ich schockierend, weil ich nicht mehr so genau wusste, was ich glauben soll.Als Sie zwölf waren, starb Ihre Mutter.Sie ist sehr plötzlich gestorben, es war kein Krebs oder so etwas. Sie starb an Thrombose.Und Sie haben aufgehört zu wachsen.Ich war einen Meter fünfundfünfzig, so groß wie heute. Bis 22 habe ich noch gehofft zu wachsen. Dann habe ich aufgegeben. Wenigstens einen popligen Zentimeter hätte ich ja noch kriegen können. Ein Arzt, den ich gefragt habe, hat gesagt, es könnte mit dem plötzlichen Tod meiner Mutter zu tun haben, denn ich hätte relativ große Hände und Füße. Später hat mich sehr beruhigt, dass Brigitte Bardot auch nur 1,58 ist.Wer hat Sie nach dem Tod der Mutter groß gezogen?Ich mich selbst.Sie hätten zu Benno Besson gehen können, Ihrem Vater.Das wollte ich nicht, weil ich nie mit ihm gelebt hatte. Ich wollte zu meiner Oma nach Westberlin. Das haben mir die Behörden verweigert. Ich schrieb darauf einen Brief an Walter Ulbricht. Drei Jahre später bekam ich eine Antwort.Ein langer Postweg.Fand ich auch. Man hat mir gesagt, ich müsste mich innerhalb von drei Tagen entscheiden, ob ich gehen will. Ich habe dann freiwillig entschieden, dass ich hier bleibe. Bei einer Pflegefamilie bekam ich ein Zimmer. Das war nur als Überbrückung gedacht, doch die Überbrückung dauerte länger und länger.Was waren das für Leute?Sehr einfache Leute. Der Vater arbeitete bei der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Die Mutter hatte Kinderlähmung, deren Mutter war Rentnerin. Sie hatten in der Reinhardtstraße eine riesige Wohnung und haben untervermietet. Meistens an Bauarbeiter.Fröhliches Jugendleben.Das ist an mir vorbeigegangen. Hat mich auch nicht besonders interessiert. Ich bin lieber ins Pergamonmuseum gegangen, wenn ich nicht in der Schule oder am Theater war. Ich hatte am Berliner Ensemble ja auch schon meinen Ausbildungsvertrag.Wer stand Ihnen in dieser Zeit nahe?Das war schon die Weigel, dann ihre Tochter, die Barbara, die war mit meiner Mutter sehr befreundet. Meine Oma, die kam mit Passierschein aus Charlottenburg rüber.Keine Männer?Nee, eher die Frauen. Hat sich so ergeben.Wenn Sie an die Weigel denken. . .. . . rieche ich ein bestimmtes Parfüm, ich weiß gar nicht, wie das heißt. Wenn ich sie noch nicht gesehen hatte, konnte ich sie schon riechen. Dieser Geruch ist mit ihr verschwunden.Wie war sie?Auf der einen Seite die absolute Obermutter, die sich um alles kümmerte. Wenn ich keine Taschentücher hatte, wurden sie von ihr besorgt und zwar höchstpersönlich. Wenn man sich wehtat, wurde man von ihr verbunden. Aber sie war auch irrsinnig streng. Ich weiß noch, bei meiner ersten Probe mit dreizehn hatte ich nur zwei Sätze zu sagen. "Immer noch die schwarzen Paspeln. Ach Mac. " Ich war zu leise. Sie hat mich angeschrien. Von der Bühne geschickt. Ab zur Sprecherziehung. Ich habe so geheult. Aber es war gut. Nach der Polly hat sie gesagt: "Jetzt werd bloß nicht eingebildet. Das heißt noch gar nichts. " Sie haben die Polly in der "Dreigroschenoper" schon mit 15 Jahren gespielt.Eigentlich war ich engagiert worden für die jüngste Hure, die Baby Doll. Da war ich dreizehn. Und dann wurde eines Tages kurz vor Weihnachten Angelika Waller krank, die Polly. Da roch ich eine Chance.Haben Sie sich selber vorgeschlagen?Nein, die Weigel hat mich gefragt: Pupperl, traust du es dir zu, in drei Tagen die Rolle zu übernehmen. Und ich habe rotzfrech ja gesagt. Darauf sie: Pupperl, du weißt, das ist ein Ritt über den Bodensee.Die Kritiken waren sehr positiv. Da kann man schnell abheben.Es war wirklich von Vorteil, dass ich im Theater aufgewachsen bin. Ich fand die Leute immer unangenehm, die abgehoben sind. Die Angeber mochte ich als Kind schon nicht.Wer waren die großen Angeber am Berliner Ensemble?Das sage ich nicht.Angenommen, die Kritiken wären nicht so gut ausgefallen. Hätten Sie sich das mit der Schauspielerei überlegt?Mit Sicherheit. Ich war so jung. Ich singe da, dass ich mich von den Männern flach legen lasse. Und ich hatte doch im wahrsten Sinne des Wortes von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ich hab das alles instinktiv gemacht. Es hätte alles Mögliche schief gehen können. Ich weiß nicht, ob man das verträgt, wenn man sich vor 700 Leuten blamiert.Sie waren nie auf einer Schauspielschule.Ich glaube, da führen viele Wege zu Lenin. Es gibt auch Leute, die sagen, die Schule hat mir eher geschadet.Sind es bei Ihnen die Gene?Vielleicht. Mütterlicherseits sind sie bis zu meinem Urgroßvater nachweisbar. Der war Sänger, genannt von Thalbach. Den Namen hat er von dem verrückten Ludwig bekommen, dem Bayernkönig, der ihn zum Hofopernsänger ernannt hat. Thalbach ist ein kleines Dorf in Bayern. Aber ich weiß gar nicht, ob ich Schauspielerin geworden wäre, wenn meine Mutter länger gelebt hätte.Was denn sonst?Ich wollte Archäologie studieren. Wollte reisen und buddeln.Haben Sie mal bedauert, das nicht getan zu haben?Nein. Studieren will ich ja sowieso noch. Geschichte.Welche Epoche interessiert Sie besonders?Ich schwanke zwischen Renaissance, Mittelalter und den Ägyptern. Hab mich noch nicht entschieden. Es ist ja noch Zeit.Damals gab es für Sie das Berliner Ensemble und es gab drumherum die DDR. Beides hatte natürlich miteinander zu tun und unterschied sich doch voneinander. Wie haben Sie die DDR wahrgenommen? Geliebt, gehasst?Es gab eine Zeit, in der ich sie sehr gehasst habe. Das hatte ganz simple Ursachen - ich durfte nicht zu meiner Oma. Ich hatte natürlich wie alle DDR-Bürger das Gefühl, hinter dieser Mauer lauern ganz andere Dinge, die einem verborgen bleiben und ganz merkwürdige Sehnsüchte wecken.Als Sie dann mit 16 hätten gehen können, sind Sie in der DDR geblieben.Das lag am Berliner Ensemble und daran, dass ich das erste Mal verliebt war.Haben Sie diese Entscheidung mal bedauert?Nein, im Westen hätte ich nie diesen Weg nehmen können, an diesem Haus, mit diesen Leuten.Sieben Jahre später sind Sie dann aber doch gegangen.Es waren vielleicht die wichtigsten sieben Jahre meines Lebens: Heirat, Kind, Scheidung, die Begegnung mit Thomas Brasch.Wann begann Ihre politische Zeit?Eindeutig mit Brasch. Wir hatten damals das Gefühl, es bricht eine Zeit an, in der eine junge Generation in Gemeinsamkeit das Land ernst nimmt. Und wenn man sich zusammentut, kann man es auch anders leben. Daran haben wir wirklich geglaubt. Wir liebten den Kommunismus und wollten ihn leben, aber zunehmend merkten wir, dass im Staat etwas ganz anderes praktiziert wird. Wir haben vieles probiert und sind dabei gescheitert. Brasch wurde auch massiv bedroht. Wenn er so weiter gemacht hätte, wäre er im Gefängnis gelandet. Wir wollten bleiben. Aber es ging nicht mehr.1976 haben Sie die DDR verlassen.Brasch ging und ich ging mit.Ist Ihnen das schwer gefallen?Ich fand es am Anfang im Westen ganz grauenhaft.Was war so grauenhaft?Es war so grell, laut. Er war mir fremd. Ich habe auch vieles anfangs nicht verstanden. Als ich zu arbeiten begann, habe ich gemerkt, dass es um ganz andere Fragen ging, als wir sie uns gestellt hatten. Kunst hatte einen anderen Stellenwert. Bei den so genannten Linken habe ich erstmal nur Bahnhof verstanden.Da wurden bei der Probe Marx und Adorno diskutiert.Nein, nein, ach. Die haben so Fragen gestellt wie: Ja wie komme ich in dem Stück vor? Da habe ich gesagt: Auf dem Programmzettel. Die: Nein, das meinen wir doch nicht. Was soll so eine dumme Bemerkung. Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll. Es war so humorlos.Wie hat sich Ihr Freundeskreis verändert?Eher erweitert. Da ich viel rumgekommen bin, habe ich jetzt sehr verschiedene Freunde, auch verschiedener Nationalitäten. Da bin ich doch einsamer losmarschiert, als ich jetzt on the road bin.Was ist aus Ihren Utopien geworden?Die hab ich nicht verloren. Das muss nicht unbedingt eine gesellschaftliche Utopie sein. Manchmal ist es auch ein kleiner Glaube. Ein schönes Bild. Wenn ich die Welt nicht für veränderbar halten würde, wäre es doch ziemlich trist. Die Schwierigkeit, so etwas umzusetzen, gab es doch schon immer, da kann ich zurückgucken bis Echnaton. Es hat immer wieder Versuche gegeben, über eine gerechtere Verteilung nachzudenken oder andere Formen des Zusammenlebens. Es ist immer wieder gescheitert. Aber es ist auch immer wieder passiert. Es hat nicht aufgehört. Ich habe keine Lust, zynisch zu werden, zu sagen, es hat eh keinen Zweck.Sie können ein Stück inszenieren, mehr nicht.Ich weiß gar nicht, ob man nicht mehr tun könnte. Ich hab schon darüber nachgedacht, mir mal eine Knarre zu nehmen und wenigstens ein paar Leute umzulegen. Sowas darf man gar nicht sagen, das ist ja Aufruf zum Mord. Könnte man belangt werden. Ich habe in letzter Zeit sehr interessante Leute aus der Anti-Globalisierungsbewegung kennen gelernt, junge Leute, die sehr aufklärerisch arbeiten und auch Drecksarbeit machen. Denen gegenüber empfinde ich meine persönliche Situation doch als sehr luxuriös. Weil ich meine Nischen habe und es mir einigermaßen gut gehen lassen kann.Heiner Müller galt als Zyniker.Ich hab mich oft mit Heiner gestritten. Mir macht es keinen Spaß, so zu leben.Und so zu inszenieren?Ich kann das nicht. Ich kann nicht nur kalt denken, ganz ohne Humor. Ich brauche Liebe, Sehnsucht.Fehlt Ihnen was im Leben?So eine riesige Kommune vielleicht. Ein schönes, großes Areal mitten in der Stadt, wo ein Tor ist, darüber steht Kommune 001. Da leben alle möglichen Leute zusammen, von Gärtnern bis zu Sängern, man hat ein eigenes Orchester. Dann geht man von dort in die Welt, guckt sich das an, und wenn man zurückkommt sagt man: Ach, jetzt bin ich wieder zu Hause.Was würden Sie in der Kommune machen?Theater, wahrscheinlich. Oder einen guten Puff.Solche Kommunen haben nie funktioniert.Ich würde eine optimale Kommune gründen. Eine Spießerkommune, in der jeder so sein soll, wie er ist.Hauptsache intelligent.Intelligenz hat für mich etwas mit Vergnügen am Denken zu tun und nicht damit, dass ich den Adorno rauf und runter gelesen habe. Das ist es für mich überhaupt nicht. Ich will das Leben von Leuten durchsichtig machen. Ob es nun eklige Leute sind, tolle Leute, schöne, ob es Loser sind oder Gewinner - wir sind alle in einem Netz verwoben. Das mit dem Vergnügen ist ja nicht von mir, das ist von Brecht. Wenn das Wort Vergnügen fällt, weiß ich schon immer, da ist was in Ordnung.Sind Sie eigentlich lieber Regisseurin oder Schauspielerin?Bevor ich selber Regie geführt habe, habe ich viel mehr gemeckert. Da bin ich jetzt etwas bescheidener geworden, weil ich weiß, was das für ein Knochenjob ist. Aber wenn ich wählen müsste, wäre es immer die Schauspielerei und immer die Bühne. Ich hoffe nur, es zwingt mich nie jemand zu wählen.Leiden Sie an Kritik?Ich lese freiwillig keine Kritiken mehr. Leute, denen ich traue, sagen mir, die kannst du dir angucken und dann tue ich das. Es trifft einen doch stärker, als man zugeben möchte. Mir ist Kritik von Leuten wichtig, die ich schätze.Ein Satz von Ihnen: Ich weiß mehr, als ich leben kann.Stimmt leider.Was macht man mit dem Rest?Man träumt.Wovon träumen Sie?Das sage ich Ihnen nicht.Muss man mehr wissen, als man leben kann?Ich kenne es ja nicht anders.Sie haben sehr früh mehr gewusst, als Sie leben konnten.Ich war schon immer ein altes Kind.Sie werden erst fünfzig. Und spielen schon seit 45 Jahren Theater. Wie alt kommen Sie sich denn vor?Das wechselt. Manchmal denke ich, eigentlich könnte ich jetzt sterben. Jetzt reicht s. Da komme ich mir uralt vor. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben. Weil ich ja auch so viele alte Kollegen kenne und die Ufa-Filme immer so gern gesehen habe. Ich fühle mich ja sogar dort noch zu Hause, obwohl ich diese Zeit gar nicht erlebt habe. Also ich fühle mich nicht alt im Sinne von: Ich kann nicht mehr, sondern: Ich bin schon so lange auf der Welt. Aber es gibt auch Zeiten, in denen denke ich, ich fange gerade erst an.Wie erleben Sie das Altern?Man kriegt ein paar Falten. Es sterben leider Gottes einige Freunde um einen herum. Ich merke, dass die Zeit weniger wird. Die Zeit ist es in erster Linie, die ich spüre. Nicht die gelebte, sondern die, die ich noch vor mir sehe. Da wird s eng.Sie haben als junge Frau manchmal schon so altklug gewirkt, und jetzt als Kommissarin im Film so kindisch.Ich habe mich nie jung gefühlt.Die Welt will belogen werden, haben Sie mal gesagt. Welche Legende würden Sie gern über sich verbreitet wissen?Oh Gott, mir fällt nichts ein. Ruft nochmal an.Das Gespräch führten Frank Junghänel und Thomas Leinkauf.Zur Person // BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (3) KATHARINA THALBACH wurde am 19. Januar 1954 in Berlin geboren. Ihre Mutter Sabine Thalbach war zu dieser Zeit als Schauspielerin am Berliner Ensemble engagiert. Ihr Vater ist der Regisseur Benno Besson.BEREITS MIT VIER JAHREN spielte Katharina Thalbach Kinderrollen auf der Bühne und im Film. Nach dem frühen Tod der Mutter 1966 nahm Helene Weigel sie in ihre Obhut. Sie wurde Meisterschülerin der Prinzipalin. Mit fünfzehn verkörperte sie ab 1969 alternierend die Hauptrolle der Polly in der "Dreigroschenoper".AN DER VOLKSBÜHNE BERLIN avancierte Katharina Thalbach zum Liebling von Publikum und Kritik. In Egon Günthers Goethe-Filmen "Lotte in Weimar" und "Die Leiden des jungen Werthers" spielte sie Hauptrollen.1973 wurde ihre Tochter Anna geboren.1976 siedelte Katharina Thalbach mit ihrem Mann Thomas Brasch nach Westberlin um. Sie gastierte und inszenierte am Schiller-Theater und spielte in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen, unter anderem in Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel"."DIE QUITTUNG" ist am Montag, den 19. Januar, um 20. 15 Uhr im ZDF zu sehen.Vertraute Umgebung: Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach im Foyer des Berliner Ensembles.