Katharina Thalbach spielt in Bernd Böhlichs Film "Der Mond und andere Liebhaber" die herzenswarme und zupackende Hanna, die einer Reihe schwerster Schicksalsschläge ausgesetzt ist. Doch bleibt sie entschlossen, ihr Glück zu suchen und festzuhalten, wenn es sich zeigt. Dazu ein Gespräch mit Katharina Thalbach, 54, und Uwe Hassbecker, 49, der mit Silly die Musik beisteuerte und auch in dem Film auftritt. Beide haben in ihrem Leben mit großen Verlusten fertig werden müssen.In dem Film himmelt Hanna einen Rockstar auf der Bühne an. Nach dem Konzert erscheint sie in seinem Wohnwagen und wird eingelassen. Von Ihnen, Herr Hassbecker, Sie spielen einen Gitarristen. Wie oft passiert so etwas tatsächlich?Hassbecker: Och, das kommt schon vor.Thalbach: Erscheinen auch ältere Damen?Hassbecker: Na ja, das ist unterschiedlich. Also normalerweise bin ich da schon eher reserviert. Früher war das manchmal anders.Da durfte ein Groupie dann nächtens bleiben?Hassbecker: Früher, also ganz ganz früher. Auch im Film war ja anfangs eine Bettszene geplant.Wollten Sie die nicht, Frau Thalbach?Thalbach: Doch, doch, ich hätte mich immer für die Bettszene entschieden, ist doch klar.Wie war Ihr Leinwanddebüt, Herr Hassbecker? Sie wirkten auf herrlich unbeholfene Art nett und selbstverständlich.Hassbecker: Ich hatte ja keinerlei Anleitung, auch keinen Text. Es hieß nur: Mach mal. Mir war auch nicht klar, dass alles zig mal wiederholt werden würde, aus verschiedenen Kameraperspektiven. Aber Katharina hat mich sehr schön geführt.Thalbach: Das wusste ich gar nicht. Bernd Böhlich bringt einen auf eine angenehme Art da hin, dass man nicht mehr das Gefühl hat, zu spielen - eine extreme Qualität.Sie sind auch Theater- und Opernregisseurin, denken Sie nie daran, selbst einen Film zu machen?Thalbach: Ich habe Angebote. Aber es gab noch nicht die Situation, wo ich dachte, das erfordert mich, dafür habe nur ich die Bilder. Da bleib ich lieber, wo ich mich auskenne. Und ein Leben ohne Theater kann ich mir gar nicht vorstellen.Hassbecker: Nach der langen Bühnenabstinenz muss ich sagen, mir geht es ähnlich - die Live-Auftritte sind das Eigentliche. Man zehrt davon.Frau Thalbach, Ihre Mutter, die Schauspielerin Sabine Thalbach, starb, als Sie zwölf waren. Sie sagten später: "Ich war früh gezwungen, mich zu entscheiden, ob ich an etwas kaputt gehe oder nicht". Haben Sie wirklich eine bewusste Entscheidung getroffen?Thalbach: Meine Enkeltochter ist jetzt 13 und ich sehe - sie ist kein Kind mehr, sondern irgendwie schon fertig. Vielleicht fühlt man in dem Alter intensiver als manche Erwachsenen. Zu meinen Gedanken gehörte damals auch, ob es nicht besser wäre, dem Ganzen frühzeitig ein Ende zu machen. Meine ganze Familie war ja in Westberlin, nur meine Mutter und ich lebten im Osten. Ich wollte zu meiner Oma, das ging nicht. Der Schmerz, der Verlust gehören seitdem zu mir. Ich wollte trotzdem leben.Was hat Ihnen geholfen?Thalbach: Mich hat schon als Kind die Kunst überleben lassen. Ich bin wahnsinnig viel ins Museum gegangen, habe mich mit Geschichte befasst, fing schon in meinen jungen Jahren an, Voltaire zu lesen, Beaumarchais. Komischerweise habe ich da gemerkt, das ist das Leben, da gehört Sterben dazu. Ich war ein Teil des großen Ganzen. So ging mir das. Das hat mir eine Demut gegeben, ich fühlte mich dadurch auch groß.Wie haben Sie das Gleichgewicht wiedergefunden, Herr Hassbecker, nachdem Tamara Danz, Ihre Frau, die Band-Sängerin, vor elf Jahren starb?Hassbecker: Es hat lange gedauert, Jahre. Zwei Wochen nach Tamara starb ihre Mutter. Meine Mutter starb zwei Jahre später. Das war ein ganz schönes Päckchen. Ich habe mich sofort in Arbeit gestürzt. Alles verdrängt, gearbeitet wie verrückt, ein Studio gebaut, viel für andere produziert. Irgendwann ist das umgeschlagen, ich hatte schreckliche Krisen. Es war nicht immer klar, ob ich sie aushalten würde. Ich hab auch Therapien gemacht. Es waren letztlich meine Kinder, die mir zeigten, dass ich es bin, der für sie wichtig ist. Man darf dann auch nicht nur an sich denken, sich selbst bemitleiden. Andererseits hat auch das seinen Sinn, ich war ja auch wichtig. Die Trauer über den Verlust wird bleiben.Thalbach: Ich bin bis heute neidisch auf Leute meiner Generation, die noch Eltern haben. Wo Mama die Suppe kocht, wo sie anrufen können, wenn es ihnen dreckig geht. Diese Leute ängstigt der Gedanke, dass sie einmal verlassen werden. Ich weiß, das hab' ich hinter mir. Meine Tochter sagt, Mama, du musst uralt werden. Und ich sage: Kann ich nicht garantieren.Hadert man mit den fremdbestimmten Geschicken? Überwiegt Demut ?Hassbecker: Ich finde, das Schicksal verteilt ungerecht, aber so ist es nun mal. Ich hätte es lieber anders gehabt.Thalbach: Welchen Göttern will man zürnen, wenn einer Krebs kriegt? Also wenn mir das passierte, würde ich mich nicht wundern, so wie ich gelebt habe (steckt sich eine neue Zigarette an). Aber es ereilt ja auch die Braven und Anständigen. Das Leben ist nicht gerecht.Machen Schicksalsschläge letztlich lebensstark?Hassbecker: Mich haben sie verändert. Ich glaube, ich bin härter geworden und entschlossener. Ich nehme die Dinge heute einfach in die Hand, wie früher Tamara. Die hatte Ideen, sie hat dann einfach gemacht. Auch, wenn sie vorher ahnungslos war.Thalbach: Ich weiß noch genau, welche Angst ich hatte, 34 zu werden. Mit 34 ist meine Mutter gestorben. Jeder Geburtstag danach war für mich ein Sieg. Aber diese Panik, oh Gott, ich werde 39!, die kenne ich nicht. Jedes Jahr, das ich mehr habe als meine Mutter, finde ich großartig. Ich bin dankbar, dass ich nicht so früh sterben musste. Mit Thomas (Thomas Brasch starb 2001, d. R.) war ich 30 Jahre zusammen, seit ich 15 bin. Wenn man das Gefühl hat, man wird gekannt, ohne viel erklären zu müssen, ist das ein Privileg gemeinsamen Älterwerdens. Das war schwer, dass das auf einmal vorbei war. Ich habe Glück, er war Schriftsteller und ich kann mich bis heute mit seinen Stücken, Gedichten, Übersetzungen auseinandersetzen. So habe ich das Gefühl, ich arbeite weiter mit ihm.Was bedeutet das für Sie, Lebensglück?Hassbecker: Ich bin glücklich, dass ich meine Musik machen kann, davon leben kann. In meiner Familie bin ich jetzt der Silberrücken. Das ist doch viel.Thalbach: Das Wichtigste ist, dass meine Tochter und meine Enkelin glücklich sind. Ich hatte ja schon ein reiches Leben, das wär' nicht so schlimm, wenn ich sterben müsste.Aber bitte, Sie werden doch noch etwas vorhaben.Thalbach: Ja, ich will auch gern alt werden, wie ein Baum mit Furunkeln und Narben. Es wird sich auch noch eine schöne Alte für mich finden, hoffe ich, eine Miss Marple oder so. Ich freu mich auf die Rente, die nehme ich als Bafög, und dann studiere ich Geschichte. Noch zehn Jahre.Zwölf. Sie müssen schon bis 66 auf die Rente warten, glaube ich.Thalbach: Die Schweine.Heute haben Sie noch keine Zeit für Ihr Studium?Thalbach: Heute muss ich Geld verdienen, bin ja nicht reich. Arbeiten muss ich.Hassbecker: Ohne Arbeit geht es gar nicht. Obwohl man sich auch ständig selbst am Schopf packen und antreiben muss. Weil sonst nichts passiert, nichts.Thalbach: Bei mir ist es anders, ich bin eine Second-Hand-Künstlerin. Das sage ich ganz wertfrei, aber ich sitze nie vor einem leeren Blatt, wo Noten oder Buchstaben raufgehören. Ich habe Sparringspartner, an denen ich mich abarbeiten kann.Das Gespräch führte Birgit Walter.------------------------------"Ich hätte mich immer für die Bettszene entschieden, ist doch klar."Katharina Thalbach------------------------------Foto : Katharina Thalbach und Uwe Hassbecker, in Böhlichs Film "Der Mond und andere Liebhaber" beinahe ein Paar.