Das Mühlviertel ist eine arme Gegend. Die österreichische Grenzlandschaft zwischen Bayern und Böhmen hat eine bäuerliche Welt bewahrt, die fast überall in Mitteleuropa sonst hinter Glasbausteinen und Kunststoffputz ihr Gesicht verloren oder aber ins Touristische, karikaturhaft Renovierte hochgeschminkt hat. Die Höfe liegen einsam, sie sind groß und trutzig, aber das Leben darin, das Gerhard Trumler meisterhaft, ohne Sentimentalität und falsche Begeisterung fotografiert hat, ist von einer überwältigenden Kargheit. Der Bauer schneidet das Brot mit der typischen Bauerngeste, wie sie schon auf den Bildern der Breughels zu sehen ist; die Tapeten sind vom Anfang des Jahrhunderts, die Hoftore vielleicht aus dem siebzehnten; und manches, was nur ins neunzehnte zurückreicht, ist doch genauso gemacht, wie es schon im Mittelalter gemacht wurde.Armut bewahrt die Tradition. Das mag zynisch klingen, aber es ist der gesellschaftliche Zusammenhang, der zynisch ist. Die Bilder Trumlers zeugen nämlich nicht nur von Rückständigkeit, sondern auch von dem schrecklichen Preis, den der Fortschritt im Zeichen des Kapitalismus fordert. Man betrachtet die Bilder nicht mit Mitleid, sondern mit Staunen und Sehnsucht.Die Bauerngesichter sind nicht nur von harter Arbeit gezeichnet, sondern auch von der Selbständigkeit und dem Stolz auf eigenen Grund und Boden. Es wäre schwer, in den Physiognomien von Angestellten, deren Monatseinkommen das Zehn-, vielleicht Zwanzigfache beträgt, vergleichbare Würde zu finden. Wie die Bäuerin auf unserer Abbildung das Huhn trägt, nicht als Hätscheltier, aber auch nicht als Schlachtvieh allein, führt eine längst verlorene Selbstverständlichkeit vor Augen. Sie trägt sozusagen das Huhn als Huhn. Beide sind ganz bei sich selbst. Fast sehen sie sich ähnlich. jgj Gerhard Trumler: Katzensilber. Land zwischen Mihel und Aist: Mühlviertel. Texte von Adalbert Stifter. Verlag Bibliothek der Provinz, Großwolfgers/Weitra 1996. 144 Mark.