Flankiert von mächtigen Kastanien und Linden steht die Jesuskirche auf dem Anger, zwei Straßen mit Kopfsteinpflaster führen vorbei. Das evangelische Gotteshaus ist das mit Abstand älteste Gebäude in Kaulsdorf, es zählt sogar zu den ältesten Dorfkirchen Berlins. Um 1250 wurde die Kirche errichtet, ihr Turm aber ist viel jünger - erst 1999 bekam die Feldsteinkirche ihre Spitze zurück. Die war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, und lange musste die Kirche mit einem provisorischen Faltdach auskommen. Bis Ende der 1990er-Jahre der Vorschlag kam, Geld für einen neuen Turm zu sammeln. Fast 450 000 Mark kamen zusammen, Privatpersonen und Firmen gaben, Christen und Atheisten, auch Bewohner aus dem Hellersdorfer Neubaugebiet.Die Spendenbereitschaft ist groß, sagt Christine Radziwill. Die 49-Jährige ist seit zehn Jahren die Pfarrerin der Kaulsdorfer Jesusgemeinde. Im vergangenen Herbst konnte die Kirche eine neue Orgel einweihen, auch Empore und Heizung wurden erneuert. Rund 100 000 Euro waren dafür gesammelt worden. Auch an den Spenden merke man, dass die finanziellen Möglichkeiten der Kaulsdorfer Gemeindemitglieder besser seien als anderswo im Bezirk, sagt Radziwill.Kaulsdorf hat sich nach der Wende zu einem begehrten Wohnort entwickelt. Hier zahlt man die höchsten Mieten in Marzahn-Hellersdorf, im Berliner Mietspiegel 2011 ist es das einzige Gebiet im Bezirk, das als "gute Wohnlage" ausgewiesen ist. Eigenheime wurden gebaut, Eigentumswohnungen bezogen. Bauernhöfe sind heute noble Wohnadressen. Die Kirchengemeinde hat, anders als der Trend, seit Jahren konstante Mitgliederzahlen. Für Plätze im 1999 eingeweihten neuen Gemeinde-Kindergarten, der an der Stelle des alten Pfarrhauses entstand, gibt es eine Warteliste. Junge Frauen kommen mit ihren Babys zur Müttergruppe in das sanierte Gemeindehaus, früher die alte Dorfschule; davor wurde ein historischer Brunnen freigelegt. Ein bisschen sieht er aus wie der Brunnen im Märchen "Frau Holle". Nur dass niemand hineinfallen kann, denn der Schacht ist verschlossen.Es gibt im Gemeindehaus eine Kreativwerkstatt für rüstige Ruheständler. Meist treffen sich Frauen dort, sie unternehmen auch gemeinsame Ausflüge. Vieles davon organisiert Annette Jacobi. Die frühere pharmazietechnische Assistentin kam 1998 mit ihrem Mann, der in der Bundestagsverwaltung arbeitet, aus Bonn nach Berlin. Sie wollte unbedingt im Ostteil der Stadt wohnen, erzählt sie: "Den Westen kannten wir ja, wir hatten Lust auf was Neues." Die alte Heimat vermisst sie kaum: "Wir fühlen uns wohl hier", sagt sie.Auch Maria Moese lebt gern in Kaulsdorf. Die ehemalige Fernsehansagerin und Sprecherin des letzten DDR-Außenministers Markus Meckel war 1967 in das Dorf gezogen zu ihrem Mann, dem inzwischen verstorbenen Zeichner Willy Moese. Ihr Haus in der Adolfstraße ist bis heute Anziehungspunkt für Künstler. Armin Müller-Stahl und Manfred Krug zum Beispiel sind langjährige Freunde der Familie. Maria Moese erinnert sich noch gut daran, wie grau das Dorf zu DDR-Zeiten war, viele Fassaden unsaniert, historische Häuser verfielen. "Aber es gab noch Weiden mit Kühen und richtige Bauern." Beide sieht man heute in Kaulsdorf nicht mehr. Dafür freut sie sich, dass die meisten Höfe denkmalgerecht saniert wurden. Eines ärgert sie allerdings: "An vielen der neuen Wohnanlagen steht ,Privatbesitz'." Dort einzutreten sei offenbar nicht erwünscht. Bei einer Führung mit Denkmalpflegern seien sie regelrecht weggejagt worden. "Das passt doch nicht zu einer dörflichen Gemeinschaft."Für die engagiert sich Moese gemeinsam mit anderen alten und neuen Kaulsdorfern. Sie organisieren seit einigen Jahren einen Weihnachtsmarkt, bei dem viele mitmachen: die evangelische Kirche und die johannitische, Gewerbetreibende, Vereine und der ortsansässige Spirituosenhersteller Schilkin. Sie haben gemeinsam einen Stammtisch gegründet. "Bürgerhaushalt Kaulsdorf" nennen sie sich, sie kämpfen dafür, dass Geld für Vorhaben im Dorf eingesetzt wird. Matthias Fischer ist mit dabei. Der 49-jährige promovierte Mediziner hat sich vor sechs Jahren gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, einer Belgierin, einen alten Bauernhof ausgebaut. Jetzt kämpft er mit den anderen vom Bürgerhaushalt um Spielplätze, um einen behindertengerechten Zugang zum Bahnhof Kaulsdorf. Ebenso wollen sie erreichen, dass zwei alte Bauerngehöfte, die seit Jahren ausgebaut werden sollten, in Ordnung gebracht werden. Es sind die letzten Schandflecken im Dorf.Auch um eine Verkehrsberuhigung geht es. Denn Kaulsdorf wird nämlich gern als Abkürzung Richtung Hellersdorf genutzt, selbst mit Tempo 80 rasen Autos über das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße. "Das wurde erst mit EU-Fördermitteln nach historischem Vorbild wieder hergerichtet", sagt Fischer. Ein Durchfahrtsverbot aber lehnten Bezirks- und Senatsbehörden bisher ab. Maria Moese hat eine Idee. Man könnte ja ein großes Schild aufstellen: Denkmalsdorf. Oder eine Spielstraße ausweisen. Schließlich sei Kaulsdorf neben Lübars das einzige Berliner Dorf, das noch in seiner originalen Struktur erhalten ist. "Vielleicht bringt das Autofahrer zum Nachdenken."Lesen Sie am Montag: Kinder statt Soldaten: Die Hüttenwegsiedlung in Zehlendorf zieht viele Familien an.Haben Sie eine Kiezkarte verpasst? Rufen Sie unter der Hotline 08002327024 an, wir schicken Ihnen die gewünschte Karte kostenlos zu.------------------------------Karte: Kaulsdorf / Alt - Kaulsdorf. Kaulsdorf wurde 1347 erstmals urkundlich erwähnt. Der historische Kern befindet sich rund um die Jesuskirche. Der Ortsteil grenzt an Hellersdorf und Köpenick. In den letzten 20Jahren entstanden dort viele neue Häuser, alte Gebäude wurden saniert.Foto: Maria Moese wohnt seit fast 45 Jahren in Kaulsdorf. Sie freut sich, dass die alten Bauerngehöfte an der Dorfstraße modernisiert wurden. Kritik gibt es jedoch daran, dass an vielen Eingängen steht: Eintritt verboten. Denn die denkmalgerecht sanierten Wohnanlagen sind Privatbesitz.