Am Dienstagabend hat die Berliner Kulturbrauerei den für kommenden Mittwoch, den 9. April, geplanten Auftritt des Dancehall-Sängers Bounty Killer wegen dessen krass homophober Texte abgesagt. Vergebens hatte zuvor der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen und Schwulenrechtler Volker Beck versucht, die Einreise des 36-jährigen Jamaikaners zu verhindern. Schon in der letzten Woche waren nach lautem Widerstand von Schwulenvereinigungen einige Konzerte in Großbritannien abgesagt worden. Der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) wiederum erhob Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Was auch gut so ist. Nicht als Lösung des Problems natürlich, das seit vielen Jahren immer wieder für Kontroversen sorgt. Sondern als ein Signal, die Diskussion nicht länger einer Szene zu überlassen, die sich - wie übrigens auch die HipHopper - stets nur halbherzig mit den Hasstiraden auseinandersetzt und statt dessen gerne die künstlerische Freiheit bemüht.Bounty Killer ist unter den Schwulenhassern der Dancehall sicher einer der verbohrtesten und unangenehmsten. Aber eben bei Weitem nicht der einzige. Was einigen Fans möglicherweise gar nicht so bewusst ist, weil sie das Patois der Toaster, wie man Rapper im Dancehall nennt, nicht verstehen. Andererseits muss man schon sehr ignorant sein, um heute als Dancehall-Hörer nicht zu wissen, worum es geht, wenn in den Texten "Chichi-Men" oder "Batty-Boys" gefoltert oder getötet werden.1992 bereits löste Buju Banton die ersten breiten Proteste in Großbritannien aus, als er im Text von "Boom Bye Bye" zum Revolver griff, was seither immer wieder für Kontroversen sorgte, weil er das Stück weder zurücknahm noch bedauerte. Erst 2004 hatte der LSVD erfolgreich einige Auftritte Bantons verhindert. Immerhin gehört er nun, wie seine Kollegen Sizzla, Capleton und Beenie Man, zu den Unterzeichnern des Reggae Compassionate Acts, den sich britische Menschenrechtler im letzten Sommer ausgedacht haben. In diesem verpflichten sich die Künstler, zugunsten von "Love, Respect and Understanding" auf ihre Hasstexte zu verzichten.Bounty Killer will davon vorläufig nichts wissen. Um einer Absage zu entgehen, hatte er sich vor seinem Münchner Auftritt bereit erklärt, Schwulenfeindlichkeiten zu unterlassen - woran er sich, so ein Konzertbericht, genau fünf Minuten lang hielt.Ein Problem in der Diskussion ist natürlich die tiefverwurzelte Homophobie auf Jamaika, wo Homosexualität bis heute gesetzlich verboten ist. So argumentieren manche Fans mit dem Recht auf kulturelle Differenz und die Geschichte der Sklaverei. Allerdings hat man ja auch anderswo die westlich-christlichen Werte, mit denen man die Sklaven missionierte, einigermaßen modifizieren können.Doch für viele Dancehall-Fans gehört das Schwulen-Bashing zum authentischen Ausdruck und wird, wie im HipHop, als Formalie einer verbalen Wettbewerbskultur verharmlost. Sexismus und Homophobie sind dabei ja keine Spezialdisziplin von Dancehall und HipHop, nur weigert man sich dort am hartnäckigsten einzusehen, wo die Grenzen der Kunstfreiheit überschritten werden - hin zu bloß widerlichem, dummem und auch formal ganz überflüssigem Geschwätz. Die besten deutschen Soundsystems wie etwa Silly Walks aus Hamburg verzichten ganz selbstverständlich auf die entsprechenden Tracks. Auch der schwer authentische Kölner Dancehall-Star Gentleman, der sogar im jamaikanischen Idiom singt, wendet sich gegen die Hasskultur. Und ebenso jamaikanische Reggae-Altstars wie Freddie McGregor, der sich anlässlich des Compassionate Acts von den Dancehall-Kollegen distanzierte.Klar sollte dabei sein, dass es sich bei Reggae- und Dancehall-Musikern auch um internationale Geschäftsleute handelt, die man daher auch am besten über die Finanzen erreicht und bei denen man die - machen wir uns nichts vor: eigentlich gar nicht so hohen - Standards bezüglich Gewalt, Sexismus und Homophobie einfordern kann. Wer keine Alben verkauft, vor leeren Hallen spielt oder gleich ganz ausgeladen wird, der wird sich Gedanken machen. Dazu müsste allerdings zuerst die stets wachsende Reggae-Gemeinde nicht gleich beleidigt auf Strafanzeigen und Proteste reagieren. Sondern sich ein bisschen aufklären.