FRIEDENAU. Unzählige Messer hängen an den Wänden - vom Original Bowie über Hirschfänger bis hin zu klitzekleinen Taschenmessern als Schmuck für eine Halskette. Mehr als 650 verschiedene Taschenmesser, 120 Sorten Besteck und 170 unterschiedliche Scheren, aber auch Sportwaffen und Dartspiele führt Klaus Görlich in seinem Laden an der Rheinstraße 18. Jetzt hat der Ausverkauf begonnen, Ende Mai schließt das Traditionsgeschäft "Aug. Nicolai" für immer - nach 164 Jahren.Die Ursprünge liegen dort, wo auch die Wiege der Stadt Berlin war: im Nikolaiviertel. 1842 wurde das Geschäft in der früheren Königsstraße gegenüber dem alten Berliner Rathaus gegründet. Von August Nicolai übernahm Görlichs Familie später den Laden, dem bis zum Zweiten Weltkrieg noch zwei Geschäfte folgten. Das Stammgeschäft und ein weiteres wurde durch Bomben zerstört, ein drittes nach 1945 in Ost-Berlin enteignet, weil die Familie im Westen bleiben wollte. "Meine Mutter hat dann einen Laden am Dürerplatz eröffnet", erzählt Görlich. Sie habe anfangs mit allem Verfügbaren aus Stahl und Blech gehandelt, von Nägeln bis zu Rollschuhen. Nach Umzug in die bessere Verkaufslage an der Rheinstraße, schräg gegenüber der Kaisereiche, übernahm Klaus Görlich die Geschäftsleitung.Jetzt gehen Messerschmiedemeister Görlich und seine Frau Sieglinde in den Ruhestand. Mehr als 40 Jahre standen die beiden hinter dem Ladentisch. Sechs Tage die Woche. Görlich verkaufte nicht nur, er schärfte auch stumpf gewordene Schneidwerkzeuge fachgerecht. Und er hatte immer Tipps für seine Kunden am Lager: Rostige Messer durch die Spülmaschine? - Na, die gehören da auch nicht rein. Der Stahl der Messerschneide verträgt das nicht.In einem dicken Album hat Görlich historische Fotos, manche schon etwas vergilbt und abgegriffen. Im Märkischen Museum gibt es sogar ein Gemälde vom Stammgeschäft. Görlich hat das Bild des unbekannten Künstlers abfotografiert: Es zeigt das alte Berliner Rathaus. "Doch rechts in der Ecke ist die Schrift Aug. Nicolai zu sehen, unser Ladenschild", sagt Görlich.Er bedauert, dass diese Tradition nun endet. Doch er hat keinen geeigneten Nachfolger gefunden. Die beiden Söhne haben eigene Firmen. Fachleute für Schneidwaren sind rar, Messerschmiede noch mehr. Klaus Görlich hätte gern jemanden angelernt, doch auch finanziell klappte es nicht. Niemand wollte den tausende Euro umfassenden Warenbestand übernehmen: "Banken geben Neueinsteigern dafür kaum Kredite", sagt Görlich. Jetzt verkauft er stückweise an die Kundschaft: "Alles muss raus."------------------------------Foto: Schere gefällig? Klaus Görlich bietet mehr als 170 verschiedene Sorten sowie 120 unterschiedliche Bestecke. Zum Monatsende schließt er seinen Laden.------------------------------Foto: Einer der Vorgänger-Läden in Mitte