F ür Heinrich Köhler ist es immer noch "sein Laden", wie er das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin etwas respektlos nennt. Mehr als 15 Jahre ist es jetzt her, daß er hier das letzte Mal Cello gespielt hat, es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit. Die jungen Kollegen würden ihn schon wie einen Fremden ansehen, sagt er, aber die Alten natürlich nicht, mit denen sei er verbunden durch jahrzehntelanges, gemeinsames Musizieren. Heinrich Köhler darf bis an sein Lebensende alle Konzerte des Orchesters umsonst besuchen, so ist der heute 82jährige noch immer auf dem laufenden.Der alte Cellist registriert alle Veränderungen im Orchester, auch die klanglichen. "Früher konnte ich selbst am Radio das Radio-Symphonie-Orchester von den Berliner Philharmonikern unterscheiden. Das geht heute nicht mehr", sagt er. "Heute klingen die Aufnahmen romantischer, nicht mehr so klar. Eben so, wie ein hervorragendes Symphonieorchester klingen sollte." Was auch daran liege, so Köhler, daß die Leute am Regietisch mit den Reglern sehr viel manipulierten.Heinrich Köhler kam mit Beginn der Konzertsaison 1949/50 zum RIAS-Symphonie-Orchester Berlin. Der ungarische Chefdirigent Ferenc Fricsay hatte ihn damals ohne Probespiel engagiert. Die Musiker kannten sich, seit der Dirigent zum ersten Mal in die viergeteilte Sektorenstadt kam und das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester dirigierte. Dort war Heinrich Köhler seit 1945 Cellist in den hinteren Reihen. Er spielte ein Remy-Cello aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Später lieh ihm das Düsseldorfer Schumann-Museum bis zum Ende seiner Orchesterzeit ein Guarneri-Cello.Es war kein geradliniger Weg, auf dem sich Heinrich Köhler der Musik genähert hatte. 1914 in Berlin geboren, folgte er zunächst dem Wunsch seines Vaters (Köhler: "Ein konservativ denkender Sozialdemokrat"), einen "anständigen" Beruf zu lernen. Er begann eine Lehre als Chemigraph, spielte nebenbei in einem Laienorchester, nahm Privatunterricht bei Richard Klemm, Stunden, die er später bezahlen durfte. Später, wenn er mit seiner Musik Geld verdienen würde.Das sollte eine Weile dauern. Nach dem Wehrdienst bewarb er sich um eine Stelle am Stadttheater Stralsund, die er nie antreten konnte, denn inzwischen war der Krieg ausgebrochen. Köhler mußte an die Ostfront. Er überstand alle Schlachten und Rückzüge, kam in russische Kriegsgefangenschaft, floh, kam zurück nach Berlin - und hatte Glück. Seine erste Anstellung bekam er beim Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester, das von russischen Kulturoffizieren geleitet wurde, bevor er zum RIAS-Symphonie-Orchester wechselte.Dies war der erste Berliner Klangkörper, der nach dem Krieg ins Ausland geschickt wurde. Nie vergessen wird er ein Konzert in Brüssel. Als das Orchester auf der Bühne erschien, hob ein Pfeifkonzert an, das andauerte, bis die Polizei einschritt. Zahlreiche Belgier wollten damals noch keinen deutschen Musikern zuhören. In Paris dagegen gab es keine Probleme, die Leute waren begeistert, "als hätte es nie einen Krieg zwischen beiden Ländern gegeben", sagt Köhler.Unter Fricsay entwickelte das Orchester rasch einen besonderen Klang. Der "General" war ein Präzisionsfanatiker, legte Wert auf Durchsichtigkeit, bei der jede einzelne Stimme zu hören sein mußte. Zum Kummer der Tonmeister war Ferenc Fricsay immer mal wieder zu ihnen in den Abhörraum gekommen, während das Orchester spielte. Der Chefdirigent selbst hantierte dann an den Schiebern, erreichte so den Sound, der ihm vorschwebte. "Nicht den 08/15-Klang, der normalerweise im Radio zu hören war. Da pflegte Fricsay seine Eigenheiten, ging keine Kompromisse ein", sagt Köhler.Mit den Musikern arbeitete der Dirigent hart. Im Orchester fürchtete man, seinen Ansprüchen nicht zu genügen. Aber Fricsay war auch nicht undankbar: "Es war scheen mit die Herren, vielen Dank!" pflegte er nach einer erfolgreichen Probe zu sagen.Köhler erinnert sich an eine Probe von Bartoks Concerto für Orchester mit der Zeile "Heut' gehn wir ins Maxim". Fricsay war hingerissen von dem Solo-Flötisten, wünschte sich aber eine weitere Steigerung: "Ich möchte die Töne doch mehr taubengrau haben!" Sonderbarerweise bekam das Stück die gewünschte Klangfarbe, Fricsay war sprachlos, und der Solist behauptete: "Dazu muß man die Zunge einrollen." Nie vorher und selbstverständlich nie nachher hat ein Flötist mit eingerollter Zunge geblasen. Aber Fricsay war beeindruckt.Als der Dirigent 1954 sein Amt quittierte, stürzte das Orchester in eine schwere Krise, es fehlte der Kopf. Die amerikanische Plattenfirma Remington produzierte in der Zeit Billigaufnahmen. Bei einem Termin von drei Stunden sollte mindestens eine Stunde fertige Musik auf Band sein. Unbekannte Dirigenten bewältigen das Pensum mit Mühe. Köhler erinnert sich an einen besonders schlechten Dirigenten, der von einem Musiker mit folgenden Worten gemaßregelt wurde: "Meester, schlagen se uf eens runter, allet andere machen wir schon!"Einmal stand Günter Wand am Pult, schon damals ein gefürchteter Perfektionist, der an jedem Detail feilte. Dem Aufnahmeleiter wurde das schnell zuviel: "Mensch, fang' Se schon an!" Wortlos legte Wand seinen Taktstock hin, nahm Hut und Mantel und ging.Die Lage des Orchesters konsolidierte sich, als Dr. Wolfgang Stresemann 1956 Intendant wurde. Er machte in Bonn Geld locker für das Orchester, wechselte aber schon wenig später zu den Philharmonikern. 1959 kam Fricsay glücklicherweise zurück. Aber als er wenige Jahre später krank wurde und monatelang ausfiel, wollte er verhindern, daß das Orchester mit anderen international bedeutenden Dirigenten musizierte. Er sträubte sich gegen diverse Anwärter, darunter Otto Klemperer. Fricsay starb 1963.Danach ging ein junger Wirbelwind ans Pult: Lorin Maazel. "Er ist der genialste Dirigent, den ich je erlebt habe", schwärmt Köhler von dem damaligen Chef. Technische Finessen interessierten Maazel eigentlich wenig. Aber einmal, bei der Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte von Bach, empfand er die Akustik des Festsaals im Spandauer Johannesstift als zu trocken. Die Techniker mußten das fertige Band in den Raum der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem einspielen und die Musik nochmals aufnehmen. "Da war das plötzlich präzis und absolut perfekt", schwärmt Köhler heute noch.Leider stand sich der Dirigent zunehmend selbst im Wege, wurde launenhaft und nervend. Es gab zunehmend Spannungen mit dem Orchester. Auf einer Konzertreise in Nürnberg erschien Maazel eine halbe Stunde zu spät im Konzertsaal. Das Flugzeug aus Paris, wo er zwischendurch schnell noch ein Violin-Konzert aufgenommen hatte, kam verspätet an. Während er seinen Frack anzog, erkundigte sich Maazel: "Und was spielen wir heute?" Seine Konzerte waren zunehmend von Routine geprägt.Die Krise eskalierte, als Maazel nach einem Assistenten verlangte, der mit dem Orchester die Werke einstudieren sollte. Er selbst wollte dann nur noch die Generalprobe und die Aufführung leiten. "Herr Maazel, gerade das wollen wir nicht. Wir wünschen, daß Sie mit dem Orchester arbeiten, auch wenn es für alle Teile beschwerlich ist", erklärte Heinrich Köhler, indessen zum Orchestervorstand gewählt. Man trennte sich schließlich im gegenseitigen Einvernehmen vor Vertragsende.Die Ära Riccardo Chailly, der das Orchester von 1982 bis 1989 leitete, erlebte Heinrich Köhler nicht mehr, nur sein Probekonzert. Als Orchestervorstand empfahl er den neuen Chefdirigenten allerdings ausdrücklich, er selbst, Köhler, verabschiedete sich indessen vorzeitig in den Ruhestand. Nicht ohne sich vorher ein Autogramm von Chailly geben zu lassen - in Köhlers Autogrammbüchern finden sich die Unterschriften von 2 000 Prominenten, darunter Dirigenten und Solisten des Orchesters. Außerdem sammelt Köhler Taktstöcke, sorgfältig aufbewahrt in einem Bogenfutteral. Es sind die Stöcke von Lorin Maazel, Wolfgang Sawallisch, Karl Forster, Paul Hindemith, Karl Böhm. Nur von Günter Wand fehlt ihm so ein Souvenir. Doch der Pensionär ist schon in der Spur. +++

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