Als Nancy Pelosi als neugewählter und erster weiblicher "Speaker of the House" unter tosendem Beifall in Washington auf die Rednerbühne marschierte, machte sie einen guten Eindruck. Die schicke und schlanke 66-jährige Demokratin aus San Francisco trug einen ihrer typischen Hosenanzüge, inzwischen eine Uniform, ohne die die mächtigsten Frauen der Welt kaum mehr auftreten mögen. Angela Merkel trägt sie täglich, genauso wie Ursula von der Leyen und Hillary Clinton.Die Feminisierung des Anzugs läuft seit Jahren ganz nebenbei, egal ob im Bundestag, in der Chefetage oder in einschlägigen Talkshows des Fernsehens. Wer ernsthaft und intellektuell wirken will, hat einen ganzen Schrank voller Zweiteiler - helle und dunkle, mit schmalen Hosen oder ganz weiten, mit langer loser Jacke, oder mit kurzem knappen Tailleur. Maibrit Illner liebt es beige und figurbetont, Sabine Christiansen ladylike und seidig, Sandra Maischberger dunkel und deftig. Alle Damen kombinieren dazu meist hochhackige Luxus-Sandaletten, denn der Kopf mag männlich denken, aber die Füße schreien "Wir sind Girls!"."Sie hat die Hosen an", ist eine der ältesten, beißend geäußerten Bemerkungen, die klar den weiblichen Übergriff auf ein einst strikt männliches Kostüm geißelt - was so pervers scheint, als würde der Mann mit einer Schürze beim Hausputz erwischt werden. Worte wie "Mannweib" lagen den sich bedroht fühlenden Männern vor Jahrzehnten noch auf der Zunge. "Alles nehmen sie uns weg", jammerten vor nicht allzu langer Zeit die entthronten Hosenhelden, "erst die Herrschaft, dann die Jobs und nun die Uniform." Und sie passte gut, heute besser denn je.Die erste Runde der alltäglichen Hosenerlaubnis für die Frau entstand aus einer praktischen Notwendigkeit in den 40er-Jahren. Es war Krieg, es war kalt, und die Frauen wurden als Arbeiterinnen in der Rüstungsindustrie gebraucht. Flirtige Eleganz wich dem Overall und der bequemen Bundfalten- Männerhose, die Jung und Alt jetzt aus Stoffmangel rund um die Uhr trugen.Hollywoods Hosenweiber Katharine Hepburn, Greta Garbo und Marlene Dietrich konnten besonders lässig den Glamour und androgynen Appeal gutgeschnittener Männeranzüge aus Tweed oder Gabardine vermitteln, ohne als verdächtigte Superlesben Schrecken zu verbreiten. Noch heute sind Dietrich und Hepburn, die nie ohne "Slacks" gesichtet wurde, ganz klar die Queens des zwiespältigen Zweiteilers - und heißgeliebte Stilikonen. Ihnen gelang die schwierige Kombination von Sex, Strenge und charmanter Weiblichkeit.Die Sehnsucht nach Hosen, also auch nach Freiheit und Bequemlichkeit, ist so alt wie Korsetts und Krinolinen. Die einengende Kostümierung abzuwerfen, um in die Abenteuerwelt der Männer einzudringen, sich als Pirat oder Cowboy zu fühlen - das gehörte immer zur Fantasie der Frauen. Hosenweiber nannte man sie gerne abfällig, all die Frauen, die breitbeinig auf dem Pferd sitzen wollten und die nach Abenteuern dürsteten und sogar so weit gingen, dass sie sich als Mann verkleideten, so wie die Schriftstellerinnen George Sand und Isabelle Eberhardt.Aus der typischen Welt der Frauen ist inzwischen ziemlich viel rausgeflogen: das Waschbrett, der Teppichklopfer, der Strumpfhalter. Der Griff nach der Männerhose im Zeitalter des Unisex und der Gleichberechtigung war da nur natürlich, und amerikanische Blue Jeans und Beatnik-Röhrenhosen waren für die weiblichen Teenies die ersten Befreiungsschritte weg vom niedlichen Kleidchen. Für die Mutti war es nach dem Krieg das adrette Kostüm der 50er-Jahre mit dem peniblen Stewardessencharme, die erste Arbeitsuniform der in die Büros drängenden Frauen. Es blieb allerdings bei Zubringer-Jobs, die höheren Etagen waren für die echten Hosenträger reserviert, und es geschah nur zu Hause, dass den Männern die Hosen von den Ehefrauen ausgezogen wurden - nämlich zum Bügeln.Bis Mitte der 70er-Jahre waren Hosen am Arbeitsplatz dann auch einfach nicht akzeptiert, und die Frauen hielten sich zunächst gerne daran. Wie konnte man denn als Frau auf die beste Waffe verzichten, nämlich das nylonbestrumpfte Bein? Aber dann passierte wieder eine kleine Revolution. Die Architekten der Haute Couture nahmen sich des Anzugs an und konstruierten ihn neu und ganz nach weiblichen Prinzipien, streng und stark, tailliert, aber aus weichen Stoffen. Für viele Frauen gelten die Hosenanzüge von Yves Saint Laurent und Giorgio Armani aus dieser Ära immer noch als die besten überhaupt.Anzüge sind nicht nur praktisch und bequem, sie sind auch demokratische Gleichmacher, weil sie, wie alle Uniformen, zugleich gnädig Mängel überdecken, die anderweitig nicht nur schmeichelhafte Schlüsse auf Figur und Geschmack ziehen lassen würden. Angela Merkel wird sehr wegen ihrer Kleidung kritisiert und könnte gut ein Update ihrer formlosen Jacken gebrauchen. Aber mal ehrlich - was soll sie denn sonst anziehen? Ein Twinset mit Schottenrock? Oder ein Seniorinnenkleid mit Bindegürtel?Der Wunsch nach weiblicher Selbstdarstellung durch ultra-feminine, sexy Kleidung hat im Berufsleben stark nachgelassen. Der Kostümklau ist längst vollzogen und akzeptiert, denn der Hosenanzug ist die Message: Ich bin der Boss, ich arbeite, ich bin Profi, keine Ablenkungsmanöver, bitte. Guckt mir ins Gesicht und read my lips, denn Business wird mit dem Kopf gemacht und nicht mit der nett gefüllten weißen Bluse.Natürlich haben Frauen, die Anzüge tragen, immer etwas - ha! - Anzügliches an sich, das die Fantasie der Männer anregt, denn es ist spannend und sexy, wenn es um Kleidertausch und ambivalente Identitäten sowie um Dominanz und Unterwerfung geht. Es ist ein bisschen so wie: Eigentlich gehört der Anzug nicht auf ihren Körper, ich sollte ihn ihr ausziehen. Aber selbst wenn sie splitternackt wären, die neuen Hosenanzug-Heroinen - ist es nicht die wirkliche Angst der Männer, dass die Hirne der Frauen die Hosen anhaben?------------------------------Foto: Die erste Frau an der Spitze des US-Repräsentantenhauses: Nancy Pelosi lässt sich in würdigem Flanellgrau ernennen.------------------------------Foto: Und gleich ein Salto! Konnte Katharine Hepburn wirklich.