Ein Lied des Berliner Sängers Dirk Bojer beginnt mit folgenden Worten: "Komm, wir gehen heut zusammen in die Hasenheide, denn es regnet heute, und da sind wir beide allein." - Was soll das für eine Beziehung sein, wenn beide allein sind, denke ich, während ich, die Hasenheide-Melodie summend, bei strahlendem Sonnenschein durch den großen Neuköllner Volkspark schlendere. Die breiten Asphaltwege, die sich durch das Gelände ziehen, bieten genügend Auslauffläche für Radfahrer, Inline-Skate-Nutzer und Jogger. Radfahren ist nämlich erlaubt im Gegensatz zum Ballspielen. Obwohl dafür genügend Rasenfläche vorhanden wäre, doch diese wird vor allem von Hunden benutzt. Der Leinenzwang außerhalb des Auslaufgeheges wird missachtet. Ebenfalls verboten ist es zu grillen. Der Bezirk möchte sich offenbar nicht mit Tiergarten gemein machen. Auffällig viele gelangweilte Väter schieben Kinderwagen vor sich her. Ich überlege, was wohl die dazugehörigen Mütter gerade machen, da reißt mich ein markerschütternder Schrei aus dem Sinnieren. Nach Minuten entdecke ich einen Pfau, der gerade ein Rad schlägt. Dem angeberischen Federtier sitzt offenbar der Frühling im Nacken. Für die Trommler ist es glücklicherweise noch zu kühl. Wenn es wärmer wird, werden wie in jedem Sommer Gruppen von Menschen mit und ohne Rastafrisur die Rasenflächen bevölkern, kiffen bis zum Abwinken und ihre monotonen Rhythmen hämmern. Auch in anderen Parks werden dann wieder die Anwohner terrorisiert. Manchem mag diese Formulierung intolerant erscheinen, doch sie findet vielleicht Verständnis, wenn man bedenkt, dass ich unmittelbar nah an einer solchen Grünanlage wohne und saisonbedingt leide. Das Freiluftkino öffnet erst im Mai. Hier habe ich mir vor vielen Jahren mit meiner damaligen Freundin "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" mit Richard Burton und Elizabeth Taylor angesehen. - Einer der besten Filme, die es gibt, aber hinterher hatten wir aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen Riesenkrach. Nun zieht es mich unnachgiebig ins Zentrum der Hasenheide, zur Hasenschänke, einer Stätte nicht unähnlich einer Gelsenkirchener Trinkhalle, nur dass hier noch einige Tische davorstehen. Eigentlich ist die Hasenschänke ein Kiosk. Hier treffe ich endlich auf Mütter mit Kindern, hauptsächlich aber männliche Arbeitslose und Rentner, die sich mit einem Bier in der Hand angeregt unterhalten. Ich kaufe mir ebenfalls ein Bier und trete an die Gruppe heran, von denen, nebenbei bemerkt, keiner Jogginghosen trägt, um mal mit einem Vorurteil aufzuräumen. Als ich mich als Zeitungsschreiber zu erkennen gebe, geht ein Mann in den Vierzigern einige Schritte zur Seite, als hätte ich ihn gebeten, seine Taschen auszuleeren. Die anderen aber sind auskunftsbereit. Was ich in einem Beitrag über die Hasenheide unbedingt schreiben müsse, will ich wissen. "Dass es hier schön ist. Früher war es noch schöner. Aber jetzt ist es auch noch schön", sagt Werner. Und am schönsten sei es hier an der Hasenschänke. Die hätte er übrigens vor 50 Jahren mit aufgebaut. Seitdem wäre er jeden Tag hier. Willi bestätigt das, denn er wäre auch jeden Tag hier. "Die Leute sind so schön gemischt", sagt Willi, "die kommen von überall her. Aus Bayern, aus Schleswig-Holstein, sogar aus Reinickendorf." "Nur mehr Ausländer sind es als früher", meint Werner, "aber solange die sich ruhig verhalten ." Werner ist tolerant. Nur das Drogen-Verkaufen hier findet er nicht gut. "Guck, dahinten ist schon wieder einer." Ich sehe niemanden, aber ich befinde mich ja auch auf fremdem Terrain. Als ich nach der Polizei frage, winkt Willi ab: "Die können gar nichts machen. Nachts würd ich hier auch nicht alleine rumlaufen. Das ist nicht ratsam. Aber sonst is schön hier." Ich trinke noch ein Bier mit Werner und Willi, dann breche ich auf. Ich habe übrigens keinen einzigen Hasen gesehen. Keinen Hasen und keine Heide, aber was soll s. Auf dem Rückweg durch den Park zum Südstern sehe ich eine Hand voll Liebespaare auf abgelegenen Parkbänken. Ich denke an die Zeit zurück, als ich noch jung war. Ich denke: Ja, hier hast du auch viele Male gesessen oder gelegen; nicht allein sondern zu zwein. Mit Katja. Und Lena. Und Sabine. Andreas Scheffler ist regelmäßig zu Gast beim "Blauen Montag" imTempodrom.