Das Aufsehenerregendste an dem Spielfilm "Das Leben der Anderen" ist nicht seine Thematik. Anders als es die vom Filmverleih Buena Vista fleißig gestreute Propaganda besagt, ist dies keineswegs der erste Kinofilm, der sich mit dem unerfreulichen Wirken der Staatssicherheit in der DDR auseinander setzt. Von hervorragenden dokumentarischen Arbeiten wie "Aus Liebe zum Volk" (2003) von Eyal Sivan und Audrey Maurion, diesen Repressionsapparat aufzuarbeiten, einmal ganz abgesehen, gab es doch schon vor Jahren Connie Walthers Spielfilm "Feuer und Flamme" (2001): Hier wurde sehr deutlich gezeigt, dass es genügte, einen vom staatlichen Dogma abweichenden Lebensstil interessant zu finden, um Unwillen und Tatendrang der Staatssicherheitsorgane zu aktivieren."Feuer und Flamme" ist nur ein filmisches Beispiel für den Versuch, das grundsätzlich Ideologische dieses Überwachungsapparates ernst zu nehmen: Ein paar Ostberliner Punks geraten hier in Schwierigkeiten, weil sie No Future in einem Land spielen, welches das Paradies auf Erden zu errichten vorgab. Nach Erich Mielkes "Punk-Erlass" von 1983 bevölkerten solche Jugendliche die DDR-Gefängnisse.In "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck sind es indes keineswegs extreme Positionen, die den staatlich anerkannten Dramatiker Dreymann ins Visier der Staatssicherheit geraten lassen. Vielmehr ist es einfach so, dass einer der Genossen Minister ein Auge auf Dreymanns Freundin, die gefeierte Schauspielerin Christa-Maria Sieland, geworfen hat und den sexuellen Konkurrenten Dreymann nun mit Hilfe der Genossen von "Horch & Guck" oder auch "der Firma" ausschalten will. Deswegen läuft die Maschine "Überwachen und Strafen" an. Deswegen sitzt in diesem Film der von Ulrich Mühe gespielte Stasi-Hauptmann Wiesler als Musterbeispiel eines Disziplinsubjekts tagaus, tagein mit seinen Kopfhörern vor den Abhöranlagen auf dem Dachboden des Hauses, in dem der Künstler Dreymann lebt.Ob es das tatsächlich so gegeben hat, ob die als die miefigsten und verklemmtesten Politiker aller Zeiten in die Geschichte eingegangenen DDR-Bonzen in Wahrheit notgeile Tiger waren, denen jedes Mittel zur Steigerung ihres erotischen Lustgewinns recht war, soll hier nicht die Frage sein. Denn längst wird die DDR-Geschichte als ein einziges großes Materiallager begriffen, aus dem sich jeder bedient, so gut es sich eben auszahlt. Erst recht in Zeiten einer Post-Spaßgesellschaft, da allzu viel nicht mehr zu holen ist. An diesem Umgang mit Geschichte ist nichts zu ändern; er betrifft alle historischen Epochen, und ob es einem nun passt oder nicht: Auch dieser Umgang mit Geschichte ist Ausdruck einer Demokratie. Sie erlaubt ihn nicht nur - im Interesse ihres Weiterbestands fordert sie, dass man Fragen an die ästhetischen Entscheidungen von Künstlern ebenso stellt wie an Medienmechanismen.Solche Fragen an Entscheidungen sollen gestellt werden, nachdem klar ist, dass "Das Leben der Anderen" keineswegs thematischen Sensationswert beanspruchen kann. Man darf allerdings behaupten, dass dies der bislang am prominentesten besetzte Film zum Thema ist, was ihm weder künstlerisch noch aufmerksamkeitstechnisch schadet: Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Sebastian Koch - fast ist es ein Aufarbeitungsgipfel der deutschen Schauspielelite. Erfreulich, dass sie alle sich einem Film mit ernstem Anliegen zur Verfügung stellten, der gleichzeitig gut unterhalten will. Tatsächlich hat sich Florian Henckel von Donnersmarck große Mühe gegeben, sich maximal in den Überwachungsalltag in der DDR einzufühlen: in das heikle Verhältnis zwischen Macht und Ohnmacht, Politik und Kunst, Observierern und Observierten, das so viele gebrochene Biografien verschuldet hat. Und da der junge Regisseur in Westdeutschland aufwuchs, wird dem Film dieses Bemühen um Komplexität auch gleich als besonders große Leistung angerechnet.Das sind so mediale Selbstläufer. Doch die Frage ist, warum "Das Leben der Anderen" die Verfolgung einer eigentlich linientreuen Figur mit dem Triebstau eines fetten Bonzen motiviert, wo der Film doch auch von einer gesellschaftlichen Verfasstheit sprechen will? Man könnte antworten: Natürlich um die ganze Willkür des Terrorregimes zu zeigen! Und es wird nicht wenige geben, denen das einleuchtet. Aber es ist wohlfeil. In der DDR war viel von "unseren Menschen" die Rede. Staat und Partei hatten kein Verständnis für Leute, die der staatlichen Verpflichtung auf ein Glück durch Anpassung nicht Folge leisten konnten oder wollten. Es genügte sehr viel weniger, um ins Visier zu geraten. Tatsächlich nimmt auch Florian Henckel von Donnersmarck die DDR in seinem Langfilmdebüt nicht wirklich ernst, denn er rechnet die Ideologie ja einfach auf das Private herunter. Das taten auch all die anderen Retrofilme, die in der DDR spielen - von "Sonnenallee" angefangen über "Helden wie wir" bis hin zu "Good Bye, Lenin!" und kürzlich "Der rote Kakadu". Und natürlich kann und darf man alles Politische aufs Private herunterrechnen, erst recht im Kino.Eine weitere Frage ist, was das für Folgen hat in der Wahrnehmung solcher Stoffe. In der Ost-West-Begegnung wurde und wird der Einzelne ja immer noch als Repräsentant des Systems erfahren, das ihn sozialisiert hat. Einige Folgen konnte man vor einer knappen Woche bei der Premiere des Films besichtigen, als der Ex-Beauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit Joachim Gauck wie ein Super-Model am roten Teppich posieren sollte und das auch tat. Überraschend - oder vielleicht doch nicht - war es, mitzuerleben, wie das Publikum immer auf den nächsten Gag wartete: Der vom Dogma abfallende Hauptmann Wiesler kehrt nach Hause zu seiner wenig geschmackvollen Schrankwand "Karat" zurück? Total abgefahren! Der Schreibmaschinenspezialist des Ministeriums für Staatssicherheit sächselt? Saukomisch! Die untergeordneten Stasi-Chargen sind ein bisschen schlicht im Oberstübchen? Krass, eh! Und der Stil der Stasi-Protokolle ist ja so lustig!Für die komplizierte Tragik, die Donnersmarck durchaus im Sinn hatte und die seinen Film unzweifelhaft heraushebt aus der DDR-Retro-Welle, zeigten sich die Zuschauer nur beschränkt empfänglich. Das wird in anderen Vorstellungen möglicherweise anders sein. Wenn der Film zu Ende ist und das Licht angeht, haben indes auch diese anderen Zuschauer wenig neue Erkenntnisse gewonnen: Sogar bei der Stasi war nicht alles schlecht; den Akten ist nur bedingt zu trauen. Es gab idealistische Täter wie Hauptmann Wiesler, die ihre Opfer zu schützen suchten. Es gab sogar Stasi-Aussteiger, schreibt der ebenfalls aus dem Westen stammende Fachberater des Films Manfred Wilke. Auch er spricht von außen über die Erfahrungen der Anderen.Die Gegenwart darf die Vergangenheit befragen. Aber die Vergangenheit darf die Gegenwart nicht in Frage stellen, schon gar nicht darf das die Vergangenheit der DDR. Das ist die klassische Verhörssituation. Geschützt vom Hype ist "Das Leben der Anderen" fast schon nicht mehr kritisierbar.------------------------------Das Leben der AnderenDtl. 2005. 137 Minuten, Farbe.Drehbuch & Regie: Florian Henckel von DonnersmarckKamera: Hagen Bogdanski,Produktion: Quirin Berg, Max WiedemannDarsteller: Martina Gedeck (Christa-Maria Sieland), Ulrich Mühe (Hauptmann Wiesler), Sebastian Koch (Georg Dreyman), Ulrich Tukur (Oberstleutnant Grubitz), Thomas Thieme (Minister Hempf) u.a.Ab morgen in den Kinos.Siehe auch Berliner Zeitung vom 17. und 18. März 2006.------------------------------Foto: Wiesler (U. Mühe) wacht über Christa-Maria Sieland (M. Gedeck).