Wenn die Rolling Stones in die Stadt kommen, geht es zu wie beim Zirkus. Erst rollt eine Karawane bunter Wagen auf die Festwiese. Dann kommen verwegene braungebrannte Kerle mit allerlei Werkzeug am Gürtel und errichten in Rekordzeit die Arena. Am Abend der Aufführung legt sich eine geruchliche Melange von niedergetretenem Gras, Dieselkraftstoff, Bier, Schweiß und Erwartung auf das Gelände. Die Stars der Manege warten in ihren privaten Zelten bis es dunkel wird. Einer der Artisten, Keith Richards, war vor vier Wochen von der Leiter gefallen und hatte sich zwei Rippen gebrochen. Ohne ihn konnte der Zirkus nicht losgehen. Die Premiere des neuen Programms mußte verschoben werden, bis die Rippen geheilt waren. Gegen 21.30 Uhr zog sich Keith Richards seinen Leopardenmantel über und intonierte die Fanfare "Baa baa, bababa ". Mit "Satifsfaction" und einem ersten Feuerwerk starteten die Rolling Stones auf dem Nürnberger Zeppelinfeld ihre Europa-Tournee "Bridges to Babylon".Zirzensisches GelageDer Ort des zirzensischen Gelages hat seine besondere Geschichte an diesem bunten Abend freilich unter einer Glocke des Frohsinns erstickt. Neben den T-Shirt-Ständen verweist eine Tafel auf die "Topografie des Terrors", von der dieses Gebiet vor 60 Jahren geprägt wurde. Auf dem Reichsparteitagsgelände hatte die NSDAP ihre Massenaufläufe inszeniert. Von hier aus wollten die Nazis die Welt erobern. Die grauen Steintribünen stehen noch und bieten eine bizarre Kulisse für den Auftritt einer Rockband, die von ihren Bewunderern gern die "größte der Welt" genannt wird. Pop-Konzerte werden auf dieser Freifläche seit mehr als 20 Jahren veranstaltet, das ist nichts Besonderes, aber die Rolling Stones vor 90 000 Zuschauern auf dem früheren Reichsparteitagsgelände wirken dann doch etwas befremdlich. Keith Richards selbst weiß am besten warum. "Mir soll keiner was von Massenhysterie erzählen, die hab ich erlebt", sagte er kürzlich einer Musikzeitschrift. "Warum soll ich mir ansehen, wie Adolf Hitler gearbeitet hat? Ich kenne das Gefühl. Er hat die Massen bewegt. Ich verdiene mir damit mein Leben." Nun sollte man Richards Worte nicht auf die sozialpsychologische Goldwaage legen, sehen wir uns lieber an, wie die Rolling Stones in Nürnberg arbeiten. Sie sind heute keine totalitären Herrscher über die Gefühle ihres Publikums, auch wenn mal ein paar tausend Menschen die Arme im Takt ihres Zeremonienmeisters Mick Jagger bewegen. Die Stones sind nichts anderes als Artisten, allerdings tänzeln sie nicht auf dem Hochseil, sondern rocken und rollen, mit Netz und doppeltem Boden gesichert, einen halben Meter über dem Fußboden entlang. Sie arbeiten ohne Risiko und geben dem zahlenden Publikum, was es haben will. "Gimme Shelter","Start me up", "Honky Tonk Women", "It s only Rock n Roll". It s immer dasselbe. Vom neuen Album sind in Nürnberg fünf Songs zu hören, und es sind bis auf "Anybody Seen My Baby" und "Out Of Control" nicht gerade die besten Stücke. Sie werden vom Auditorium mit mäßigem Interesse aufgenommen. Mick Jagger hat einmal gesagt, es gebe für ihn nichts Unbefriedigenderes, als einen neuen Song zu singen, und in die leeren Augen der Leute in den ersten Reihen sehen zu müssen. Jagger ist süchtig nach jener "Satisfaction", die er seinem Publikum gibt. Der Künstler mit der Narrenkappe sieht sich als Dienstleister für Fröhlichkeit.Falls es wirklich einmal so etwas wie Magie, Verzauberung und Gefahr für Leib & Seele bei einem Auftritt der Rolling Stones gegeben hat, von denen die Veteranen der Pop-Kultur in triefenden Texten ihrer frühen Tagebücher schwärmen, so ist das alles natürlich längst vorbei. Wer heute zu den Stones geht, will sich für 100 oder 150 Mark Eintritt zwei Stunden lang optimal amüsieren und danach die Heimreise antreten. Knapp eine Million Menschen werden in diesem Sommer allein in Deutschland die Stones bei ihren Konzerten zu sehen bekommen. Für das ungebrochene Interesse fast aller Bevölkerungsschichten und Altersgruppen gibt es eine einfache Erklärung. Die Rolling Stones sind schon jetzt ein historisches Ereignis des 20. Jahrhunderts, wie Mondlandung oder Mauerfall. Nur haben sie für den Beobachter gegenüber genannten Events den Vorteil, alle paar Jahre wiederzukommen. Man kann sie nicht verpassen.Wo die Stones auftreten, ist das "Man-muß-sie-mal-gesehen-haben"-Publikum reichlich vertreten. In Nürnberg sind viele Schulkinder mit ihren Eltern dabei. Wie andere Kinder ins Museum für Verkehr und Technik geschickt werden, um sich den ersten Computer von Konrad Zuse anzuschauen, hören sich die Kinder bei den Stones die klassischen Gitarren-Riffs von Keith Richards an. Die Band ist ein lebendiges Museum, was allerdings keine Frage ihres Alters, sondern ihres Repertoires ist. Sie werden gemeinsam spielen, bis der Tod sie scheidet. Egal, wie alt sie dann sind. Wenn Joschka Fischer mit 50 Jahren seinen ersten Marathon läuft, wird es doch niemanden ernsthaft verwundern, daß Keith Richards mit 54 noch seine Gitarre halten kann.Ohne FirlefanzRichards meldet sich mit seinem lächelnden Korsarenblick, "Sorry, I m late", aus dem Krankenstand zurück und spielt in seiner Solonummer nach einer Stunde Laufzeit das Konzert endlich heiß. "I Wanna Hold You" kracht wie man es sich bei den etwas schalen Titeln zuvor nur wünschen konnte. Danach wechseln die kompletten Stones über eine Metallbrücke von ihrer riesigen Bühne auf eine kleine Plattform mitten ins Publikum, und nun fängt der Abend an. Ohne bunte Lichter, ohne Laser, ohne Firlefanz, lediglich von weißen Spotlights angestrahlt, bringen sie Rücken an Rücken "Little Queenie", "The Last Time" und "Like A Rolling Stone". Mit dem kleinen Podium blenden sich die Stones im Zeitraffer zurück in ihre frühen Jahre, als sie 1963 auf bierdeckelgroßen Bühnen in Londoner Vororten ihre ersten Auftritte absolvierten. Der Trick funktioniert. Jetzt passiert plötzlich das, was vielleicht nur bei den Rolling Stones passieren kann. Ein bis eben noch mittelmäßiges Konzert explodiert von einem Moment zum anderen. Ron Wood macht jetzt mit den Armen keine Erwärmungsübungen mehr, sondern reicht konzentriert seine Parts an Richards weiter. Charlie Watts am Schlagzeug kaut an der Unterlippe. Mick Jagger löst sich für ein paar Minuten von der Choreografie, die ihm sein Tanzlehrer beigebracht hat, und gerät anscheinend in echte Ekstase. Es war der genesene Keith Richards, der das Konzert mit einem Anfall von Spiellaune gerettet hat. Ausgerechnet die langweiligen Greatest Hits vor dem Finale klingen hart, rauh, laut und schmutzig. Das muß man wirklich gesehen haben, wie auf einmal ein Ruck durch die Band geht, nach 36 Jahren Übung. Bei seiner Verbeugung greift sich Keith Richards an die linke Brust. Ist es die Rippe? Ist es das Herz? Man weiß es nicht. Zum Schluß gibt es Konfetti- regen und Feuerwerk. Die Kinder sind glücklich. Der Zirkus war in der Stadt.Am 26. August spielen die Rolling Stones im Berliner Olympia-Stadion.