Herr Kolat, hat Thilo Sarrazin nicht leider auch ein Stück weit recht, wenn er die Integrationsprobleme von Berliner Türken offen anspricht?Wir sprechen die Probleme selbst seit Jahren offen an. Wir nehmen deshalb aktiv am Integrationsgipfel der Bundesregierung teil. Sarrazins Äußerungen sind ausgrenzend, diskriminierend, stigmatisierend und beschädigen das gesamte Verhältnis von Deutschen und Migranten in unserem Land. Deshalb fordern wir, dass er seinen Vorstandsposten in der Bundesbank aufgibt.Aber jetzt sprechen wir wenigstens mal offen über die Integration von türkischstämmigen Menschen in Deutschland.Das tun wir seit Jahren und machen auch konkrete Vorschläge. Ich spreche übrigens lieber von Partizipation als von Integration.Wie meinen Sie das?Integration wird von der Mehrheit als vollständige Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und in Teilen als Assimilation verstanden. Partizipation ist dagegen die Teilhabe an allen möglichen Lebensbereichen. Beide Seiten sind dann aufgefordert, sich zu beteiligen. Auch die deutschstämmige Bevölkerung muss sich auf die Zuwanderer einlassen. Manche Lehrer insbesondere aus dem Ostteil Berlins müssten sich zum Beispiel mehr interkulturelle Kompetenz aneignen, um besser auf die migrantischen Schüler eingehen zu können. Und wir unterstützen seit einigen Jahren türkische Eltern, damit sie sich stärker an den Schulen ihrer Kinder engagieren. Damit wir zueinander finden, brauchen wir in Deutschland, wie zu Zeiten der Frauenbewegung, eine besondere Förderung. Denn alle Migranteneltern wollen eine gute Bildung für ihre Kinder.Wie erklären Sie sich dann den geringen Schulerfolg türkischstämmiger Jugendlicher in Berlin? 30 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss, nur elf Prozent machen Abitur. Dabei machen heute fast 40 Prozent eines Jahrgangs Abitur.Das ist ein Unterschichts-, also ein soziales Problem. Einige Untersuchungen zeigen, dass die türkischen Jugendlichen aus diesen Schichten sogar besser abschneiden als Schüler aus den entsprechenden deutschen Schichten. Das deutsche Schulsystem ist eben mittelschichtorientiert; wir müssen alles tun, um eine Chancengleichheit für alle Jugendlichen zu erreichen.Wie erklären Sie es sich, dass die vietnamesischen Kinder der zweiten Einwanderergeneration dagegen überdurchschnittlich häufig das Abitur mit besonders guten Noten machen? Die DDR-Vertragsarbeiter waren ja auch keine Akademiker.Das ist eine berechtigte Frage. Wenn wir die Hintergründe der Eltern uns anschauen, können wir Antworten finden. Solange wir die sozialen Fragen aber ethnisieren, kommen wir nicht weiter. Der Anteil der türkischen Abiturienten ist gemessen an der sozialen Schicht, aus der sie kommen, nicht gering. Es gibt mittlerweile viele Türken in Leitungspositionen. Allein 3 500 in der deutsch-türkischen Community im Internetnetzwerk Xing können wir finden. Und die haben Äußerungen wie die von Sarrazin satt. Dies führt nicht dazu, dass sie sich mehr engagieren.Viele Nachziehende sprechen kaum Deutsch. SPD-Innensenator Ehrhart Körting hat noch 2008 festgestellt, dass in einem Monat 131 Ehegattinnen vorwiegend aus den ländlichen Gebieten der Türkei nach Berlin kamen. 81 dieser Frauen seien ohne Schulabschluss gewesen.Ja, das ist ein Problem. Wenn jedoch der Zuzug gestoppt werden soll, müsste man aber das Grundgesetz noch weiter aushöhlen, sogar ändern. Da dies nicht gehen wird, müssten wir versuchen, wie wir die Menschen, die einen Anspruch haben, zu uns zu kommen, besser fördern. Übrigens die Zahl des Ehegattennachzugs aus der Türkei ist in den letzten zehn Jahren von über 30 000 im Jahr auf 8 600 im letzten Jahr zurückgegangen. Diejenigen, die in den letzten Jahren durch Familiennachzug nach Deutschland kamen, zeigen höhere Bildungsabschlüsse auf. Die im Ausland erworbenen Abschlüsse werden jedoch hier nicht anerkannt.Aber wieso heiraten so viele türkischstämmige Berliner unter sich oder holen Bräute aus den ländlichen Gebieten der Türkei nach?Wir haben drei verschiedene Formen von Migration. Zum einen den Pull-Faktor, die Leute werden also von einem Staat gezielt angeworben, wie es in den 60er-Jahren auch in Deutschland der Fall war. Dann den Push-Faktor, wenn in einem Land die Lage sich verschlechtert und somit eine Ausreise unvermeidlich wird. Und dann die Netzwerk-Migration.Was ist Netzwerk-Migration?Die Menschen, die in einer Gegend leben, entscheiden gemeinsam über eine Migration und nehmen ihre Verwandten und Bekannten mit. Dies ist in Teilen der Türkei auch der Fall. Das ganze Dorf siedelt in eine Großstadt um. In diesem Rahmen heiraten Menschen untereinander. Das ist in der östlichen Türkei noch stark ausgeprägt, geht aber zurück.An Schulen in Wedding oder Neukölln sind Kinder nichtdeutscher Muttersprache schon jetzt unter sich. Kann das gutgehen?In 20, 30 Jahren werden wir in Berlin keine einzige Schule haben, bei der der Anteil der Schüler mit Migrationsgeschichte unter 50 Prozent ist. Wir müssen die Mehrsprachigkeit als Chance aufgreifen. Unser Bildungssystem muss damit endlich umgehen. Der Berliner Senat schafft es immer noch nicht wirklich, Lehrer mit Migrationsgeschichte einzustellen. Dabei brauchen viele türkischstämmige Schüler solche Vorbilder.In der heutigen Wissensgesellschaft muss es doch darum gehen, dass deutlich mehr türkischstämmige Jugendliche ihr Abitur machen. Wie können Sie den Eltern helfen, ihr Kind auf diesem Weg zu bestärken?Es gibt Schulen, da kommt kaum jemand zu Elternabenden. Das betrifft dann sowohl die Türken, die dort die Mehrheit der Eltern stellen, aber auch die deutschen Eltern. Die soziale Herkunft spielt die entscheidende Rolle. Das Problem hat aber auch mit einem gewissen Schamgefühl zu tun, das unter türkischen Eltern besonders stark verbreitet ist. Man redet nicht gerne über die eigenen Defizite. Wir müssen die Eltern, die vielleicht nicht so gut oder kaum Deutsch sprechen, dazu bringen, sich stärker mit den Potenzialen ihrer Kinder zu beschäftigen. Jedes Kind hat irgendeine Qualität. An 13 Schulen in Berlin setzen wir uns als türkische Organisationen aktiv für mehr Elternmitarbeit ein. An der Weddinger Schule, an der wir begonnen haben, lag die Beteiligung anfangs nur bei zwei bis fünf Prozent pro Klasse. Heute machen 90 Prozent der Eltern mit.Wie haben Sie das erreicht?Wir klingeln an der Tür und sagen: "Wir wollen mit Ihnen über Ihr Kind sprechen." Darauf kommt oft die Antwort: "Mein Kind hat keine Probleme." Einmal, als ich mit dabei war, hab ich sogar meinen Fuß in die Tür gestellt, weil der Vater die Tür gleich wieder zumachen wollte. Dann hat er mich reingelassen und ich habe eineinhalb Stunden drinnen mit ihm geredet. Nach einem Jahr ist er jetzt sogar Elternvertreter.Sie fordern, dass die deutsche Gesellschaft auf die türkischstämmigen Migranten zugehen müsse. Sollte man in den deutschen Kalender nicht auch einen muslimischen Feiertag aufnehmen?Ich fände es gut, wenn man an einem Tag, etwa dem muslimischen Opferfest zum Ende des Ramadans, allen Kindern frei gibt. Die muslimischen Kinder haben an diesem Tag, der auch Zuckerfest genannt wird, ohnehin frei. Das wäre ein Zeichen der Toleranz. Vielfach wollen die türkischen Kinder ja im Dezember zu Hause auch einen Weihnachtsbaum. Das lehnen strenggläubige türkische Eltern zwar ab, stellen dann aber trotzdem einen auf. Ich finde es toll, dass Kinder sogar ihre Eltern überzeugen können.Das Gespräch führte Martin Klesmann.------------------------------Foto: Kenan Kolat ist hauptberuflich Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Kolat, 50, stammt aus Istanbul und besuchte dort ein deutschsprachiges Gymnasium. 1981 kam er als Student der Seeverkehrstechnologie nach Berlin. Kolat, ein bekennender Muslim, besitzt die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft.