August 1950. Veronika Dankschön hat Schmerzen und weiß nicht warum. Wie ferngesteuert radelt die Sechzehnjährige zum Siethener See in der Mark Brandenburg. Es treibt sie ins Wasser; dort, im Urelement, bringt sie ihren Sohn Hans Kielkropf zur Welt. Auch das vermag sie sich nicht zu erklären, aber sie freut sich: "das ist ein Glück, dass mir das Kind passiert ist." Bestimmt werden die Kollegen aus der Nudower Konsumgenossenschaft, dem eigentlichen Zuhause der verwaisten Veronika, angetan sein. In der Tat gibt es eine Feier mit Tanz und Schlipsen. Gabelstapler-Jochen erfüllt seine Heiratspflicht. Nur ist er eine verbunkerte Null wie so viele Männer in Kerstin Hensels Romanen und Erzählungen; die erfreulicheren Vertreter des Geschlechts finden sich in Hensels Gedichten. Eine zweite Handlung des Romans "Gipshut" setzt auch im August am Siethener See ein, aber 1997. Die Geologen Paul Norg und Anna Fricke erforschen das Gewässer und zunehmend auch die Umgebung bis nach Berlin. Norg kommt aus Potsdam, Fricke angeblich aus Garmisch, in Wirklichkeit aber aus Grimma in Sachsen. Im Auftrag eines Garmischer geologischen Instituts sollen die beiden herausfinden, ob nicht die Mark Brandenburg und Teile Polens auf einem Vulkan liegen, dessen Krater der See sein könnte. Der wäre dann wie Fontanes Stechlin: "wenn es weit draußen in der Welt zu rollen und zu grollen beginnt", spränge wohl auch bei Nudow "ein Wasserstrahl" auf "und sinkt wieder in die Tiefe". Die ganze Welt wäre poetisch mit der Mark verbunden. Die wehrt sich allerdings gegen den wissenschaftlichen Zugriff. Paul und Anna geraten in ein unkomfortables Märchen, das ihnen raue Prüfungen abverlangt. Politisch ist "Gipshut" eine bittere Geschichte. Veronika weiß nicht viel, man kann sich aber blind auf sie verlassen, bloß will das niemand. An ihrem Sohn hat sie auch nicht viel Freude. Kielkropf lebt nicht, sondern glaubt: an die FDJ, die NVA und so weiter. Als es nur noch den Westen gibt, bricht er zusammen ("So schafft er hin" auf Büchners "Lenz" hatte Kerstin Hensel bereits im Gedichtband "Gewitterfront" von 1991 zwei Mal angespielt); Veronika hat schon vorher ihren selbstverständlich scheinenden Lebensmut an die graue DDR verloren. Der Westen ist auch nicht gut: Anna und Paul geben die Geologie auf, beschlafen sich seltener und machen Public Relations. Freilich ist das alles nicht Kerstin Hensels einziges Wort. Sie glaubt daran, dass Frauen und Männer sich tief innerlich gut tun können, konkret und übertragen: "Den Donnerkeil treibt er mir/Zwischen Herz und Kalotte", hieß es in "Gewitterfront". Ohne dass die Hoffnung zur These erstarren würde: Geschlechtliche Menschen sind widerständiger. Als Anna und Paul sich gefunden haben, wird ihr Projekt abgebrochen, aber sie forschen einfach weiter: Sie brauchen keinen Auftrag mehr. Erst später lassen sie sich einkaufen. Wer viel über Lust schreibt, benötigt eine mehrdeutige Sprache, sonst wird es platt. Kerstin Hensel erfreut uns unter anderem mit Bohrern, Lötrohren sowie natürlich wieder im See Aalen und Muscheln: Wo Norg "eben noch von Größe nichts wissen wollte, ragt jetzt beinhart das Ziel". Die Symbole sind nie peinlich und immer witzig, Hensel trifft den Ton. Weil sie mehrdeutig schreiben kann, hat sie einen kurzen Weg zur Satire. Der Roman ist sehr genau konstruiert. Die Handlungsstränge sind gekonnt durch kleine Leitmotive aufeinander bezogen. Es gibt nichts Eindimensionales, gerade die großen Symbole haben mehrere Schichten: Der Vulkan steht für sexuellen Aus- und politischen Aufbruch, aber auch für die Katastrophe zweier schlechter deutscher Staaten, und der See bedeutet mindestens Zeit, Zeitlosigkeit, Geburt, Liebe und Tod. Trotzdem liest sich alles ganz leicht. Die 1961 geborene Kerstin Hensel, die mit der kurzhaarigen, nickelbrillenfrechen Krankenschwester Christine ein nettes Selbstporträt in den Text geschmuggelt hat, ist ihren Themen treu geblieben. In der Erzählung "Im Schlauch" (1993) zum Beispiel ist im Kern alles schon da: die vergammelnde Stadt, die nichtsnutzigen Männer und stickigen Familien, die Bedienung Semmelweis-Märrie und der Polizist Paffrath, die in "Gipshut" wieder auftreten, und als zarte Gegenkraft die sechzehnjährige Natalie, die ihre Familie zu verlassen versucht. Aber es ist alles noch kleiner. Die Erzählung ist eine gelungene Vorstudie, der Roman ein Hauptwerk.Kerstin Hensel: Gipshut. Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1999. 227 S. , 32 Mark.