Länder und Kommunen wollen das fast Unmögliche geschafft haben: Wenn am 1. August der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige in Kraft tritt, sollen fast alle Eltern ihre Kinder in Kitas und bei Tagesmüttern unterbringen können. 813.000 Plätze haben die Länder dem Familienministerium gemeldet, das sind bundesweit etwa 30´.000 mehr als der veranschlagte Bedarf, teilte Ministerin Kristina Schröder am Donnerstag in Berlin gut gelaunt mit. Die Gefahr einer Klagewelle empörter Eltern wenige Wochen vor der Wahl scheint damit gebannt.

Die Plätze sind ungleich verteilt

Die CDU-Politikerin wollte aber nicht so weit gehen, dass damit wirklich jeder, der ab diesem Sommer sein ein- oder zweijähriges Kind in einer Krippe betreuen lassen will, auch tatsächlich einen Platz bekommt. Die Angebote sind regional sehr ungleich verteilt, räumte Schröder ein. Vor allem in Großstädten werden Plätze fehlen, soviel ist jetzt schon sicher. In Frankfurt am Main geht der Städtetag zum Beispiel von einer Betreuungsquote von rund 38 Prozent zum 1. August aus. In Nürnberg werden es nur 30 Prozent sein, in Düsseldorf 38,5 Prozent.

Das dürfte deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf liegen, der in Großstädten bis zu 60 Prozent beträgt. Die Ministerin sprach deshalb auch lieber von „zahlenmäßig nahezu ausreichenden Kitaplätzen“. Nicht jeder Platz werde zudem schon am 1. August zur Verfügung stehen. Viele Träger warten noch auf die Betriebserlaubnis der Behörden.

Die offizielle Zielmarke war, Betreuungsplätze für 39 Prozent der unter Dreijährigen zu schaffen. Damit hoffte das Familienministerium, den Bedarf zu decken. Wie die Plätze sich aber regional genau verteilen, konnte die Ministerin nicht sagen. Da dürfte es noch manche Überraschung nach dem 1. August geben.

Die Ankündigung, dass die Länder tatsächlich binnen weniger Monate so viele Plätze geschaffen haben, ist umso erstaunlicher, als das Statistische Bundesamt just am Donnerstag neue Zahlen zum Kita-Besuch veröffentlicht hat. Danach wurden zum 1. März 597.000 Kinder unter drei Jahren betreut. Treffen die Zahlen zu, dann würde das bedeuten, dass Länder und Kommunen binnen weniger Monate mehr als 200.000 neue Plätze aus dem Boden stampfen.

Bildungsexperten wie Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung sind deshalb nicht ganz so optimistisch, was die Qualität der Kitaplätze betrifft. „Es ist schön, dass es die Plätze gibt, aber wichtig ist, dass die Qualität stimmt. Und da gibt es noch erheblichen Verbesserungsbedarf in einigen Bundesländern.“ So kritisiert Bertelsmann im „Länderreport frühkindliche Bildungssysteme“, dass schon jetzt kein einziges Bundesland den empfohlenen Betreuungsschlüssel von 1:3 bei Kindern unter drei Jahren erfüllt. Die Zahlen beruhten auf Daten, die zum 1. März 2012 erhoben wurden.

In ostdeutschen Krippen betreut eine Vollzeitkraft danach sogar sechs Kinder. In westdeutschen Bundesländern kümmern sich Erzieher und Erzieherinnen in den Krippen um statistisch 3,7 Kinder. Die Frage, für wie viele Kinder ein Erzieher zuständig ist, ist entscheidend für die Qualität der Betreuung. Die Kinder lernen einfacher, fühlen sich wohler und können sich besser entwickeln, wenn sie genügend Bezugspersonen in der Kita haben.

Über die Zahl der vielen neuen Erzieher und Erzieherinnen, die eingestellt werden müssen, wurde am Donnerstag aber kein Wort verloren. Anette Stein hat Zweifel, dass es zum 1. August wirklich genügend Pädagogen geben wird. „Wie viel Erzieher hinter diesen neuen Plätzen stehen, weiß keiner.“

Die Jüngsten haben das Nachsehen

Nicht wenige fürchten, dass jetzt durch die Hintertür der ohnehin schon zu niedrige Personalschlüssel noch schlechter wird. Zum Beispiel, indem die Gruppen geöffnet werden und die Kleinen mit den älteren Kindern gemischt werden. In den altersgemischten Gruppen braucht man weniger Erzieher, die Jüngsten haben das Nachsehen.

Dass die Bedenken nicht unbegründet sind, zeigen Beispiele aus einigen Bundesländern. So sollen in Baden-Württemberg künftig auch Sozialarbeiter, Dorfhelfer, Hebammen oder Grundschullehrer als Erzieher arbeiten können. In Hessen scheiterte der Versuch, den Engpass durch Fachfremde zu beheben. Dort sollten Quereinsteiger wie Förster oder Schreiner ohne Erzieherausbildung in den Kitas arbeiten. Nach heftigen Protesten wurden die Pläne zurückgenommen.

„Es zeichnet sich ab, dass eine Reihe von Ländern die Fachkräfteverordnung lockert oder aufhebt“, sagt Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der Erziehungsgewerkschaft GEW. Nun habe eine Hebamme zwar einen ehrenwerten Beruf, aber für eine Kita sei sie nicht ausgebildet. „Deshalb ist es problematisch, dass hier fachfremdes Personal in den Kitas die Lücke stopfen soll.“

Ähnlich kritisch sieht Norbert Hocke auch die sogenannte externe Prüfung, bei der Fachfremde das Erzieherexamen ablegen, ohne eine Fachschule besucht zu haben. „Wir bekommen Kollegen, die überhaupt nicht an einer Schule ausgebildet wurden, sondern in einer Art Schnellbesohlung die Erzieherausbildung machen. Dieser Trend wird sich verstärken in dem Maße, in dem die Fachkräfte fehlen werden“, sagt Hocke. Er fürchtet Qualitätseinbußen gerade in dem Bereich, „wo wir dringend Qualität brauchen, nämlich bei den ganz Kleinen“.