Kita-Erzieherinnen klagen über Lärm, Rückenprobleme und zu wenig Geld: Zu wenig Zeit für Kinder

KREMMEN. Eigentlich bräuchte Sabine Seiert überall Augen im Kopf, um zu sehen, was "ihre" Kinder ständig machen. Sie steht im Garten der Villa Kunterbunt in Kremmen (Oberhavel) und schaut den Mädchen und Jungen beim Spielen und Toben zu. Ab und an kommt ein Sechsjähriger zu ihr. Es ist Freitag - der Tag nach dem Streik der Erzieherinnen. Nun herrscht in der Villa Kunterbunt wieder reger Betrieb. Das bedeutet für Sabine Seiert: Auf 13 Mädchen und Jungen aufpassen, mit ihnen spielen, singen, essen. "Es ist eine sehr schöne Arbeit", sagt die 46-Jährige. Aber die Rahmenbedingungen, der Druck, das alles sei nicht mehr in Ordnung.Darum hatten sich Sabine Seiert und ihre 13 Kolleginnen aus Kremmen auch am Streik beteiligt, zu dem die Gewerkschaft Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufgerufen hatte.Viel zu große GruppenBundesweit können Eltern seit Wochen ihre Kinder immer wieder nicht in kommunale Kitas bringen, weil gestreikt wird. Mal in Schleswig-Holstein, mal in Bremen, nun auch in Brandenburg. Sabine Seiert sagt, in Kremmen habe es eine Notbesetzung gegeben. Die Eltern wurden frühzeitig über den Streik informiert. "Wir wollen weder den Eltern noch den Kindern, noch der Stadt schaden", sagt sie. Aber die Forderungen der Erzieherinnen seien berechtigt. Es geht um einen besseren Gesundheitsschutz und um mehr Lohn, den man vom Kommunalen Arbeitgeberverband einfordert."Wir brauchen mehr Personal, damit die Gruppen kleiner werden", erklärt Sabine Seiert. Da sei die Politik gefragt. Brandenburg hat bundesweit in den kommunalen Kindertagesstätten den schlechtesten Betreuungsschlüssel. So muss sich bei den größeren Kindern eine Erzieherin um 13 Kinder kümmern - wenn alle Betreuer anwesend sind. Das sei aber selten der Fall wegen Urlaub, Krankheit oder Überstunden abbummeln. "Es fehlt immer mindestens eine aus dem Team, deren Gruppe aufgeteilt werden muss", sagt sie. Notwendig sei auch eine Vor- und Nachbereitungszeit, wie sie bei Lehrern üblich ist. "Wenn die Kinder spielen, müsste ich sie eigentlich beobachten. Doch da muss ich meinen Schreibkram machen", sagt sie. Es bleibe immer weniger Zeit für die Kinder.Sabine Seiert, die selbst zwei erwachsene Kinder hat, ist seit 25 Jahren Erzieherin. Und sie ist auch Personalratsvorsitzende. Sie sagt, bei den Streiks gehe es zwar auch um mehr Geld, aber nicht so sehr für die "alten Hasen". In der Villa Kunterbunt gibt es nur eine junge Kollegin. "Der Berufsstand veraltet, weil es sich für junge Leute nicht mehr lohnt, Erzieherin zu werden", sagt Seiert. "Sie können von dem Gehalt nicht leben." So gebe es den sogenannten Bewährungsaufstieg, der im Bundesangestelltentarifvertrag geregelt war, nicht mehr. "Früher haben wir alle zwei Jahre mehr Geld bekommen. Das fällt jetzt weg." Das heißt: Die jungen Kolleginnen bekommen nur noch die tariflichen Lohnerhöhungen."Im neuen Tarifrecht sind die Erzieherinnen ganz schlecht weggekommen", sagt auch Andreas Splanemann, der Sprecher der Gewerkschaft Verdi. Mehr als ein Drittel von ihnen verdient weniger als 1 500 Euro brutto. Das zu ändern, sei Ziel der Tarifverhandlungen. Ebenso wie ein besserer Gesundheitsschutz: Der Lärm und die großen Gruppen in den Kitas seien ein ernstes Problem. Daher müsse es geräuschdämmende Böden und Wände sowie kleinere Gruppen geben. "Fast alle Erzieherinnen über 50 haben zudem Rückenprobleme, weil sie sich zu den Kindern bücken oder sie heben müssen", sagt Splanemann.Sabine Seiert wird bald eine neue Gruppe bekommen, weil "ihre" Kinder in die Schule kommen. Dann wird sie kleinere Kinder betreuen und wieder gebückter um den Essenstisch laufen müssen. Aber sie muss nicht - wie viele ihrer Kolleginnen - auf einem Ministuhl "in Augenhöhe mit den Kindern" sitzen. Denn wegen gesundheitlicher Probleme hat sie bereits einen absenkbaren Stuhl.Den Beruf zu wechseln, daran hat Sabine Seiert noch nie gedacht. Sie könnte als Finanzkauffrau arbeiten. Das hatte sie zunächst gelernt - weil ihre Eltern es so wollten. "Es wäre sicher leichter, jeden Tag im Büro zu arbeiten", sagt sie. "Trotzdem ist es in der Kita schöner."------------------------------"Es wäre leichter, im Büro zu arbeiten. Trotzdem ist es in der Kita schöner." Sabine Seiert, Kita-Erzieherin------------------------------Foto: Sabine Seiert betreut in der Kita die Sechsjährigen - gern würde sie sich intensiver um sie kümmern können.