Manch einer reibt sich möglicherweise derzeit in Deutschland die Augen. Die Alternative für Deutschland (AfD) als zweitstärkste Kraft im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern? Zweistellige Umfragewerte für die Partei um Spitzenkandidat Georg Pazderski auch in Berlin, der aufgeklärten Großstadt? Das Erstarken der Rechtspopulisten kann wie ein böser Traum erscheinen - oder wie ein schlechter Scherz. Vielleicht war es ein ähnlicher Gedanke, der die Berliner SPD zu ihrem kürzlichen veröffentlichten Anti-AfD-Video inspiriert hat.

In dem Clip geben Prominente Zitate von AfD-Politikern wieder, die sie als Witze präsentieren. "Kennste den?", fragt zum Beispiel Alec Völkel, Sänger des Country-Rock-Duos The Bosshoss. "Der gesamte Flüchtlingsstrom nach Europa bleibt in Deutschland. Das ist unserer Bevölkerung auf gar keinen Fall zuzumuten. Es gibt noch eine Möglichkeit: Auch Deutschland muss seine Grenzen schließen." Prustendes Gelächter, der Band-Frontmann grinst übers ganze Gesicht.

Auch die TV-Stars Oliver Kalkofe, Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, der Schauspieler Clemens Schick und Sascha Vollmer von The Bosshoss geben ähnlich amüsiert AfD-Ansichten zum Besten. Doch leider sind das keine Witze, resümiert das Video und löst auf, dass es sich um Original-Sätze handelt.

"Das Video ist Teil der Kampagne 'Eine Stimme für Vernunft'", erklärt SPD-Landesverbandssprecherin Marisa Strobel. "Sie setzt gezielt darauf, Menschen für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft zu gewinnen." Das Prominenten-Video schließt mit einer rhetorischen Frage: "Willst du das, Berlin?" Die Antwort sollen Wähler am Sonntag mit ihrem Kreuz geben.

Grüne mit Anti-AfD-Webseite

Die SPD ist nicht die einzige Partei, die mit einer virtuellen Kampagne gegen das AfD-Wählen mobilisiert. In der vergangenen Woche schalteten die Berliner Grünen eine „Anti-AfD-Webseite“ frei. Sie solle gezielt Menschen ansprechen, die verunsichert seien und überlegten, die AfD zu wählen, erklärte die Partei.

„Ja, die vielen Menschen die zu uns kommen sind eine Herausforderung. Und ja: Die Große Koalition in Berlin hat vielfach versagt!“ heißt es auf der Seite. Und dann: „Aber AfD wählen? Wirklich?“ Demokratie dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden.

„Arsch hoch!"

Auch gesellschaftliche Initiativen und Vereine in Berlin warnen vor der Stimme für die Rechtspopulisten. Anfang September erweiterten mehrere Lesben- und Schwulenorganisationen ihre Kampagne gegen den Einzug rechter Parteien ins Abgeordnetenhaus um weitere Unterstützer.

Unter dem Motto „Arsch hoch! Du hast die Wahl. Keine Stimme den Blauen und Braunen“ appellierten sie an queere Wähler, zur Wahl zu gehen. „Die Parteien vertreten ein repressives Familien- und Frauenbild, das nicht mehr zeitgemäß ist“, kommentiert Ute Hiller von der Berliner Aids-Hilfe den Aufruf.

Das von Wissenschaftlern und Journalisten aufgesetzte "Berliner Manifest" richtet sich ebenfalls an Schwule und Lesben. Prominente Unterzeichner wie Comedian Thomas Hermanns, Schauspielerin Maren Kroymann, Opernintendant Barrie Kosky sowie die Politiker Volker Beck (Grüne) und Johannes Kahrs (SPD) mahnen, sich nicht von Rechtspopulisten vereinnahmen zu lassen.

Auch die Clubszene engagiert sich

Ausnahmsweise einmal nicht mit lauten Tönen, sondern mit Worten, wenden sich die Berliner Clubs an ihre Kundschaft. Unter anderem beteiligten sich die Party-Institutionen Golden Gate, Yaam und Magdalena an der Aktion, die 2000 Plakate mit Slogans wie "Lieber vereint tanzen als getrennt hetzen. Wähle nicht AfD!" über die Stadt verteilte.

"An der Tür, hinter Bar und am DJ-Pult arbeiten in den Clubs dieser Stadt locker hundert verschiedene Nationen", sagt "Zug der Liebe"-Organisator Jens Schwan, der die Aktion initiiert hat. Daher sei es selbstverständlich, dass in den Berliner Clubs kein Platz sei für diskriminierende Verhaltensweisen. 

Migration nutzen, um Feindseligkeit zu schüren

Während die Berliner Profi-Sportvereine mit ganzseitigen Anzeigen - unter anderem in der Berliner Zeitung - generell die Wichtigkeit des Wählens herausstellen, positionieren sich evangelische und katholische Kirche, die Diakonie sowie der Deutsche Gewerkschafts-Bund direkter gegen Rechts.

Am Donnerstag wollen sie das "Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ vorstellen. Mit großer Sorge erfülle sie die Tatsache, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen das Thema Flucht und Migration derzeit nutzen, um Feindseligkeit zu schüren, heißt es von den Bündnispartnern. 

Wie viele verunsicherte Wähler die Parteien, Vereine und Initiativen mit ihren Kampagnen erreichen, bleibt abzuwarten. Die aktuellste Wahl-Prognose zum Abschneiden der AfD stammt vom Institut Insa und sagt den Rechtspopulisten 14 Prozent voraus.