SCHÖNEBERG Das Haus Belziger Straße 53 c, auch bekannt als "das schiefe Haus von Schöneberg", muß vom Eigentümer saniert werden. Das entschied jetzt das Landgericht Berlin in der Berufungsverhandlung. Gleichzeitig erteilte das Bezirksamt eine Abrißgenehmigung.In seinem Urteil verpflichtet das Gericht Eigentümer Axel Gutzeit, das sich senkende Haus neu zu gründen, um die Standsicherheit weiter zu gewährleisten. Mängel wie Risse im Haus oder kaputte Fenster sind demnach zu beseitigen.Die Richterin bezeichnet die Schadensbehebung als zumutbar für den Eigentümer: Schließlich, so nimmt sie an, war der Kaufpreis für das 1988 bereits baufällige Gebäude sehr niedrig. Insofern hätte investiert werden können, um den Verkehrswert des Hauses entsprechend zu steigern. "Die Vermieter können sich in diesem Zusammenhang nicht darauf berufen, das Haus abreißen zu wollen, und es zu diesem Zweck gekauft haben", heißt es im Urteil. Der Vermieter sei nämlich verpflichtet, "alles zu tun, um die Fortsetzung des Mietverhältnisses nicht zu gefährden". Eine Berufung gegen die Entscheidung ist nicht möglich. Ständig Reparaturen Weiterhin wird dem Eigentümer eine "Teilzerstörung" vorgeworfen. Seit dem Erwerb des Hauses im Jahre 1988 habe er nichts unternommen, um eine grundsätzliche Sanierung durchzuführen. Mehrkosten, die dadurch im Laufe der Jahre entstanden sind, würden nicht berücksichtigt.Erste Risse in dem 1907 gebauten Haus zeigten sich schon kurz nach seiner Vollendung. Das Haus wurde damals auf Pfähle gebaut, die das Gebäude im weichen Grund des Urstromtals halten sollten. Die Baupolizei räumte 1929 das Gebäude, für zehn Jahre sollte niemand mehr dort wohnen. Aber es passierte nicht, Mieter durften wieder einziehen. Der damals noch existierende Seitenflügel blieb weiterhin gesperrt.Das Haus senkte sich weiter. Die Mieter gewöhnten sich an schiefe Wände und Böden. Immer wieder mußten die Fenster repariert werden, weil sie nicht mehr richtig schlossen. Fingerdicke Risse zierten Fassade und Innenwände. Seit 1987 wurde die Absenkung regelmäßig gemessen. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde das schiefe Haus abermals geräumt. Das Amt für Prüfstatik hielt die Standsicherheit für nicht mehr gewährleistet und mahnte zur Eile. Das Gebäude sei akut einsturzgefährdet, hieß es in dem Gutachten.Den Mietern wurden Ersatzwohnungen angeboten, aber die großen, preisgünstigen und direkt am Park gelegenen Wohnungen waren natürlich nicht zu ersetzen. Sie verklagten ihren Vermieter auf Instandsetzung und verloren den Prozeß in der ersten Instanz. Daß der zweite Prozeß gewonnen wurde, ist eine kleine Sensation.Mit dem Urteil, mit dem anscheinend niemand ernsthaft gerechnet hat, ist jetzt eine groteske Situation entstanden. Axel Gutzeit denkt im Augenblick nicht daran, seiner Verpflichtung nachzukommen. "Ich habe eine Abrißgenehmigung", sagt er. Einen Antrag dafür stellte der Hausbesitzer, nachdem man sich vor Gericht auf einen Vergleich geeinigt hatte: Jede Mietpartei sollte 20 000 Mark bekommen. Der Vergleich wurde zurückgezogen, als die Genehmigung für den Abriß auf dem Tisch lag. Rechtsamt soll prüfen "Wir mußten genehmigen", so Günter Kube, Leiter der Bauaufsicht. Von dem laufenden Verfahren habe er nichts gewußt. Doch ungültig wird die Entscheidung durch das jetzige Gerichtsurteil auch nicht. Das Rechtsamt soll jetzt prüfen, ob der Bescheid widerrufen werden kann.Ein weiterer Stolperstein: Mittlerweile ist für das Grundstück ein Bebauungsplan festgesetzt worden. Das Verfahren wurde eingeleitet, nachdem die ersten Abrißpläne Gutzeits auf dem Tisch lagen. Statt des Neubaus mit 50 Wohnungen, den der Architekt geplant hat, soll jetzt für eine nahegelegene Schule eine Freifläche entstehen. Die Rechtslage ist sehr kompliziert. "Das neue Planungsrecht kann nur vollzogen werden, wenn der Bestandsschutz für das Haus erlischt", so Siegmund Kroll, Leiter des Stadtplanungsamtes. Dazu müßte die Standfestigkeit noch einmal geprüft werden. Ein Kauf des schiefen Hauses käme zwar in Frage. "Aber sanieren würden wir es nicht", so Kroll.Es scheint, als sei der Bezirk um eine Ruine reicher geworden: Abreißen geht nicht, in dem Haus darf niemand wohnen, und sanieren will es auch keiner. +++