Ich will ins Internat!" Zum Befremden der Eltern waren es seit den späten 1960er-Jahren vor allem Mädchen, die diesen Wunsch äußerten. Schuld daran war damals natürlich noch nicht Joanne K. Rowlings, sondern die ebenfalls englische und einflussreiche Kinderbuchautorin Enid Blyton. Denn während die Jungs nach ihrer "Fünf Freunde"-Lektüre alle zu kleinen Detektiven mutierten, wollten die Mädchen unbedingt mit den Internatsschülerinnen "Hanni und Nanni" befreundet sein. Das war nun ein in vieler Hinsicht nicht zu realisierendes Projekt: Unter anderem wären die Zwillinge zum Zeitpunkt der ersten deutschen Übersetzung ihrer Schulabenteuer wohl schon Mitte dreißig gewesen; und reine Mädcheninternate waren zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr der letzte Stand der Erziehungswissenschaft.Ganz anders war das 1941, als Enid Blyton mit "The Twins at St. Clare's" den ersten Band über die Lehrjahre der äußerlich identischen aber mit unterschiedlichen Temperamenten ausgestatteten zwölfjährigen Zwillinge Patricia und Isabel O'Sullivan veröffentlichte. Das Internat St. Clare, im herrlichen Cornwall gelegen, ist hier allerdings noch als strenge anglikanische Erziehungsanstalt erkennbar. In der deutschen Übersetzung von 1968 sind dann aber nicht nur Zucht und Ordnung nahezu verschwunden - von den Namen bis hin zu den typischen Freizeitbeschäftigungen wurde auch so ziemlich alles eingedeutscht. Die heimelige Atmosphäre kam bei den jungen Leserinnen offensichtlich gut an, die "Hanni und Nanni"-Serie boomte vor allem in Deutschland.Als die Einladung zur Pressevorführung der Kinoadaption von "Hanni & Nanni" eintraf, waren wir einerseits ziemlich aufgeregt, andererseits aber auch nervös - schließlich geht es hier um (ehemalige) beste Freundinnen! Und dann sahen wir: Berlin-Mitte 2010; zu dröhnender Pop-Musik liefert sich eine Clique schicker junger Mädchen, darunter die Zwillinge, ein illegales Hockeymatch quer durch die schöne neue Shopping-Welt der Friedrichstraße. Das Spiel endet schließlich in der Damenmodeabteilung der Galeries Lafayette. Der Film "Hanni & Nanni" setzt also vor allem auf Lautstärke, Aussehen und Ausstattung. Um die richtige Kulisse für die wechselnden Outfits zu schaffen, müssen die Zwillinge Hanni und Nanni aber erst einmal ins Internat, also nach "Lindenhof" verbracht werden. Wer erst jetzt ins Kino kommt, wähnt sich allerdings in einer Art Hogwarts fürs kleine Budget - das Internat von Harry Potter stand hier sichtlich Pate, inklusive des verschrobenen Personals. So anbiedernd geht es auch weiter: Die Schuluniform etwa - weiße Bluse, weiße Kniestrümpfe, Faltenminirock - scheint aus einem Mädchen-Manga nachgeschneidert, und die zarten weißen Schlafanzüge könnten glatt vom Mädchenkörper-Erotisierer David Hamilton fotografiert worden sein. In den Umziehpausen lernen die Zwillinge dann mal eben ein Instrument, werden zu respektierten Mitgliedern der Schulgemeinschaft und retten als solche schließlich noch ihr von der Schließung bedrohtes Institut. "Lindenhof ist ein magischer Ort", schwärmt Mutter O'Sullivan zu Beginn. Ein solches Lob kann dieser Film hier mit seiner Fernsehwerbungsästhetik jedenfalls nicht für sich beanspruchen - so viel willenlose Ideenlosigkeit war selbst im deutschen Kinder- und Jugendfilm lange nicht zu sehen.Hanni & Nanni Dtl. 2010. Regie: Christine Hartmann, Kamera: Alexander Fischerkoesen, Darsteller: Sophia Münster, Jana Münster, Hannelore Elsner, Heino Ferch, Suzanne von Borsody u.a.; 85 Minuten, Farbe. FSK o. A.------------------------------Foto: Wer ist wer? Hanni (Sophia Münster) und Nanni (Jana Münster)