Nein, er hat damals nicht am Ende der Nachrichten so etwas wie "Und das war der Scheiß von heute" gesagt. Er habe auch nicht gelallt, wie viele behaupten, nur "etwas bedächtiger gesprochen vielleicht, aber dafür um so heiterer bei den Erfolgsmeldungen über die hervorragenden Leistungen der Werktätigen". So beschreibt es Klaus Feldmann, der Chefsprecher der "Aktuellen Kamera", in seinem neuen Buch.28 Jahre lang, von 1961 bis 1989, hat Feldmann die Hauptnachrichtensendung im DDR-Fernsehen um 19.30 Uhr gelesen. Zunächst noch brillenlos und ohne Parteiabzeichen, später dann mit beidem. Der stets akkurat gescheitelte Feldmann war beliebt beim Publikum, das zwischen Nachricht und Überbringer unterscheiden konnte. Insgesamt 13 Mal wählten ihn die Zuschauer bei der jährlichen Umfrage zu einem ihrer Fernsehlieblinge.Krach mit Schnitzler"Das waren die Nachrichten" heißt das Buch, und natürlich darf die Geschichte vom Februar 1976, als Klaus Feldmann die Nachrichten sichtlich beschwipst vortrug, nicht fehlen. Am Nachmittag besagten Abends war er auf der Geburtstagsfeier eines Kollegen, schreibt Feldmann, "und obwohl ich um 19.30 Uhr die 'Aktuelle Kamera' zu sprechen hatte, prostete ich ihm nicht nur einmal zu". So kann man es natürlich auch bezeichnen.An solche Anekdoten aus Funk und Fernsehen erinnert sich Klaus Feldmann am liebsten. Er berichtet von Versprechern wie "nachts leichte Bevölkerungszunahme" oder schildert seine erste Begegnung mit Karl-Eduard von Schnitzler, den alle nur Kled nannten, und der einmal in eine Aufzeichnung reinpolterte, worauf ihn Aufnahmeleiter Feldmann zurechtwies, was schon damals, Ende der Fünfzigerjahre, ein Sakrileg gewesen sein muss. Doch Feldmann kam ungeschoren davon. Und nicht nur das: "Vor jeder Aufnahme rief nun seine Sekretärin an, ob Kled kommen könne."Oder die Schnurre aus den Sechzigern, als Feldmann ins Haus des SED-Zentralkomitees sollte, um im Namen der Mitarbeiter einem Politbüro-Mitglied zum 75. Geburtstag ein Sandmännchen-Plüschtier zu überreichen. Weil ihm das Präsent für einen Genossen aus dem Politbüro zu popelig erschien, ließ Feldmann den Sandmann im Fahrstuhl liegen. Als er dann ohne Sandmann die Grüße und Glückwünsche überbringen wollte, entrüstete sich der Jubilar über etwas ganz anderes: "Hat man denn noch nicht mal zum Geburtstag seine Ruhe vor den Nachrichten!", soll der hochrangige Genosse vor versammelter Mannschaft gerufen haben. Es scheinen lustige Zeiten gewesen zu sein.Es ist Feldmanns zweites Buch, vor zehn Jahren hat er bereits seine "Nachrichten aus Adlershof" vorgelegt. Doch wer hier wie da nach selbst- oder sonstwie kritischen Gedanken zum Medienbetrieb in der DDR fahndet, wird enttäuscht. Er habe sich nichts vorzuwerfen und würde alles wieder so machen, sagt der 70-Jährige, der nach der Wende beim Autoprüfdienst Dekra in der Pressestelle unterkam und später nochmal einige Zeit bei einem Cottbusser Lokalsender vor der Kamera stand. Heute bespricht Klaus Feldmann hin und wieder Hörbücher, er moderiert diese und jene Veranstaltung oder liest aus seinen Werken.In denen nimmt der Autor für sich in Anspruch, nur der "Verkünder von Fakten und Ereignissen" gewesen zu sein. Und die Frage, was er sich denn bei den Nachrichten gedacht habe, kann Feldmann überhaupt nicht leiden. Die werde immer nur ihm gestellt, den Kollegen von der "Tagesschau" dagegen nie, beklagt er sich in dem Buch. "Im Sinne der verfassungsrechtlichen Gleichbehandlung lehne ich nunmehr die Beantwortung einer solchen Frage ab." Schade eigentlich.Halbherzige FluchtgedankenImmerhin muss man dem Autor zugute halten, dass er sich nicht, wie viele andere in ihrer Erinnerungsliteratur, noch zu einem heimlichen Gegner des Sozialismus macht. Zwar berichtet Feldmann auch von Überlegungen, in den Westen zu gehen, aber schon beim Lesen spürt man die, wenn überhaupt, Halbherzigkeit solcher Gedanken. Einmal will er im September 1961 die DDR verlassen, da kommt ihm der 13. August dazwischen. Statt zu fliehen, verliest Genosse Feldmann die Deklarationen der Partei- und Staatsführung zur Grenzschließung. Das andere Mal plant er, von einer Reise auf dem FDGB-Urlauberschiff "Arkona" nicht mehr zurückzukehren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November fliegt er nach Zypern, wo das Schiff vor Anker liegt. Am selben Abend geht die Mauer auf.Der Mann hatte nicht immer so viel Pech. In der Alkohol-Geschichte kam er mit einem dreiviertel Jahr Bildschirmverbot relativ glimpflich davon. Feldmann fand die Strafe "völlig in Ordnung", denn "auf Live-Sprecher muß sich ein Sender hundertprozentig verlassen können", schreibt er in dem Buch.Auf Klaus Feldmann war Verlass.Klaus Feldmann: Das waren die Nachrichten. Erinnerungen, Verlag Das Neue Berlin, 224 Seiten, 14,90 Euro------------------------------Foto: Noch ohne Brille und Parteiabzeichen: Klaus Feldmann im Januar 1971.