Zu Beginn eine einfache Aufgabe: Beschreiben Sie das Leben eines Malers in Allgemeinplätzen! Wird er manikürte Fingernägel haben und Maßanzüge tragen (wenn er nicht Markus Lüpertz heißt)? Nein, er wird im schmuddeligen Morgenmantel dastehen und beginnen, seine Farben auf der Palette anzureiben, wenn er sein totes Lieblingsäffchen auf der Türschwelle entdeckt hat. Er wird Schmeichler aus dem Atelier werfen - also das Selbstmarketing stets herrisch verabscheuen - und seine Frau des Nachts allein im Bett liegen lassen. Er sieht im Früchteteller zum Frühstück nur das potenzielle Stillleben und in der Sezierung eines toten Kleinverbrechers nur eine Möglichkeit zum anatomischen Erkenntnisgewinn. Er ist also stets in unschuldiger Gewissenlosigkeit der eigenen göttlichen Gabe hingegeben, und alle anderen in seiner Umgebung tun gut daran, diesem kreativen Mann nicht mit Rechnungen oder kleinlichen Einrichtungsfragen zu kommen, sondern beständige Hingabe an den Tag zu legen.Haben Sie mindestens vier dieser Merkmale des typischen bildenden Künstlers richtig memoriert? Prima, dann dürfen Sie mit unserer Erlaubnis von einem Kinobesuch absehen. Sie wissen nämlich bereits befriedigend Bescheid darüber, worum es in Charles Mattons "Rembrandt" geht: um einen Maler, wie ihn sich Klein Erna und "Bild der Frau" vorstellen - irgendwie charakterlich wankend, aber sich stetig läuternd im nimmermüden, geradezu exerzitienhaften Schaffen. Der von Klaus Maria Brandauer verkörperte Rembrandt ist das Produkt einer derartigen Anhäufung von Plattitüden: ein Popanz ohne individuelle Prägung, ein Maler, der malt und sonst gar nix. Derlei Berauschung am Lebendigen, Lebensstrotzenden erschöpft sich allerdings auf Zelluloid dann doch recht schnell; auch Kirk Douglas hatte als ständig hyperventilierender Vincent van Gogh - "Da! die Krähen über dem Kornfeld!" - ja nicht gerade seine beste Rolle zu erfüllen."Rembrandt" vollbringt das denkwürdige Kunststück, kein Klischee auszulassen. Im Rausch der Ölfarben schwillt üppig die Musik an, der Pinsel rührt, die Hand erfasst die weibliche Brust, erst von Saskia (Johanna Ter Steege), früh verstorben, dann - aus Gram darob - von diversem Hauspersonal. Der fixen Idee von der unverfeinerten Naturgewalt haben sich auch die historischen Fakten unterzuordnen: Rembrandt ist bei Matton natürlich Analphabet; nur ein Kreuz vermag er unter seine Verträge zu setzen. Er wird das Lesen und Schreiben ja auch sicher nicht gelernt haben beim Besuch der Lateinschule von Leiden und ebenso wenig bei seinem zweijährigen Studium der Alten Sprachen - von plumper und recht dumpfer Bauernschläue hat er hier zu sein, und damit basta. Brandauer war wohl nicht auszureden, dass er heute noch einen Twen spielen kann - denn mit der Ankunft des 28-jährigen Rembrandt in Amsterdam setzt der Film ein, um sich getreulich chronologisch bis zum Lebensende abzuspulen. Auch ist der Darsteller so beseelt von der eigenen mimisch-gestischen Performance, dass man immer den Klaus-Maria hinter dem Rembrandt sieht. Anders gesagt: Brandauers Interpretation ist dialektisch, weil sie doch immer die Kunstfertigkeit des Handwerk durchscheinen lässt. Noch mal anders gesagt: Das alles ist ziemlich eitel.Dieser Rembrandt zeigt stets einen schelmenhaften Durchblick aus Schweinsäuglein, der auch dann nicht futsch ist, als ihm Hab und Gut unter dem Hintern weggepfändet werden, als die vornehme Gesellschaft ihren störrischen Darling fallen lässt und den ehedem Vermögenden erst vor Gericht - Verhandlungssache: mangelndes Konformitätsstreben - und dann in den Ruin treibt. Der Regisseur Charles Matton will, große Überraschung!, die total unverbrauchte Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Genies erzählen, und über Rembrandt gibt es ja auch wirklich noch nicht genug Filme. Etwa ein Dutzend vermochte bereits die im April gezeigte Arsenal-Reihe "Rembrandtiana" zu versammeln - darunter die kunstgeschichtlich sehr präzise Verfilmung von Alexander Korda (1936), für die Carl Zuckmayer das Drehbuch verfasst hatte, sowie Dokumentationen, die beispielsweise aus Rembrandts zahlreichen Selbstbildnissen (Bert Haanstra: "Rembrandt, Maler vom Menschen", 1957) die wechselvollen Visionen seiner selbst herleiteten.In Mattons Film jedoch geht es mehr um das Kunstgewerbliche, die Borte auf einem Busen oder das blinkende Kristall eines Weinkelchs. Rembrandts Werke wurden mit den Gesichtszügen der Hauptdarsteller kopiert, das wäre eine schöne Aufgabe für Konrad Kujau gewesen, der das qualitätsvoller hinbekommen hätte. Auch die Amsterdamer Straßenzüge - nachgebaut in Köln-Ossendorf - hätten unter seiner Kuratel vielleicht nicht gar so nach Pappmaché ausgesehen. So ist zuletzt alles von braver Handwerklichkeit, so recht für s Bildungsfernsehen geeignet, aber von keinerlei Willen zur Dramaturgie beseelt.Rembrandt Frankreich/Deutschland/Holland 1999. Regie: Charles Matton, Drehbuch: Charles & Sylvie Matton, Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Johanna Ter Steege, Jean Rochefort u.a.; 103 Minuten, Farbe.AUS: "REMBRANDT" VON MICHAEL BOCKEMÜHL, TASCHEN, KÖLN, 2001Man sollte sich besser das Originalwerk ansehen: Rembrandts "Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen", 1630, (Ausschnitt).

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