Am 12. April 1953 wurde im Dresdner Filmtheater Schauburg die Sportgemeinschaft Volkspolizei Dresden in SG Dynamo Dresden umbenannt. Klaus Sammer stand als Spieler und Trainer dreißig Jahre bei Dynamo Dresden im Sold. Zum Jubiläum ein Gespräch über Freude und Leid, über Erich Mielke und die Bundesliga: Herr Sammer, am Sonnabend wird Dynamo Dresden 50 Jahre alt. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?Erstens denke ich an die Meistermannschaft von 1953, die später komplett nach Berlin verfrachtet wurde. In Dresden haben sie dann wieder eine neue Mannschaft aufgebaut. Damit ist mein zweiter Punkt verbunden: In Dresden hatten über Jahrzehnte viele Leute Anteil an einer großartigen Nachwuchsarbeit. Drittens fällt mir ein, dass die gute sportliche Entwicklung von Dynamo 1981 brutal unterbrochen wurde, als die drei Nationalspieler Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller lebenslang gesperrt wurden. Davon hat sich Dynamo lange nicht erholt.Sie denken nicht an die Zeit nach der Wende, an die Jahre in der Bundesliga, an den Lizenzentzug?Absolut nicht. Diese Zeit wurde ja durch Personen beeinflusst, die sich hier nur profilieren und die profitieren wollten. Die Verbrechen wurden immer größer. Daran will ich mich gar nicht erinnern.Schmerzt es noch, dass Dynamo nur in der Regionalliga herumkrebst?Kein Schmerz, es tut mir nur Leid. Das war ja schon schlimmer. Zurzeit haben die zwar auch wieder Geldsorgen, aber man sieht wenigstens wieder eine gewisse Perspektive. Die Leute strömen noch ins Stadion, und sie hängen am Namen Dynamo. Das wundert mich etwas, denn ich hätte kurz nach der Wende den Namen abgeschafft.Weshalb?Das hat vor allem mit Weber, Kotte und Müller zu tun. Die Karrieren dieser drei Spieler hat man 1981 zerstört. Es kann doch nicht sein, dass man den Namen Dynamo noch in Ehren trägt, wenn so schlimme Sachen passiert sind.Die Olympiasieger Weber und Kotte sowie Matthias Müller wurden 1981 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wegen angeblicher Fluchtgefahr verhaftet. Weber musste ein Jahr ins Gefängnis. Alle drei durften nie wieder in der Oberliga spielen.Da stand Erich Mielke dahinter. Dynamo Dresden sollte geschadet werden. Und tatsächlich ist damals ein Riss eingetreten, an dem Dynamo unheimlich zu kauen hatte. Man konnte ja keine neuen Spieler einkaufen in der DDR, man musste sie ja selbst ausbilden.Das ist nur die sportliche Seite. Hat diese Geschichte nicht auch eine Atmosphäre der Angst ausgelöst?Weber wollte ja wirklich abhauen. Das Schlimmste an dieser Geschichte war, dass die Kotte und Müller mitbestraft haben, zwei Unschuldige. Das war ein Warnschuss. Das hat Angst ausgelöst, das war brutal und brandgefährlich. Ich habe mir Sorgen um Matthias gemacht, der schon ein großes Talent war, dessen Karriere aber wegen lächerlicher Sachen schon im Nachwuchsbereich hätte schnell beendet werden können. Wir haben danach die Westpäckchen nicht mehr direkt empfangen, sondern über viele Umwege. Sicher ist sicher.Der Mythos des Polizeivereins Dynamo Dresden wurde durch eine gewisse Opposition zum Stasi-Verein BFC Dynamo geprägt. Chef der gesamten Sportvereinigung Dynamo war Erich Mielke, jener Mann, der Ihnen mal nach einem Sieg gegen den BFC gesagt hat: "Leider hat heute der falsche Verein gewonnen. " Das klingt alles sehr bizarr.Aber das war damals kein Spaß. Natürlich waren wir Dresdner keine Widerstandskämpfer. Wir waren bei der Bezirksbehörde der Polizei angestellt. Wir hatten regelmäßig Politunterricht, und wir sind sogar zweimal im Jahr auf den Schießplatz gegangen. Aber Mielke hat uns gehasst, mich ganz besonders.Er hat auch die Oberliga-Schiedsrichter entsprechend instruiert.Wir haben den BFC ja lange Zeit beherrscht, bis 1979, bis dann die zehn Jahre anbrachen, wo jedem klar wahr, dass es nur einen Meister gibt. In dieser Zeit bin ich mit Dynamo zweimal Zweiter geworden hinter dem BFC und habe zweimal den FDGB-Pokal gewonnen. Mehr war in der DDR nicht zu erreichen.Haben Sie sich als wahrer DDR-Meister gefühlt?Das war für mich nie ein Diskussionspunkt. Sich als Märtyrer hinzustellen, wäre dumm in höchster Vollendung gewesen. Dann wäre ich weg gewesen, vielleicht sogar im Knast. Ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ich habe Mitte der achtziger Jahre Ulf Kirsten, Jörg Stübner und später Matthias in die Mannschaft integriert. Siebzehnjährige Burschen, die Nationalspieler wurden. Zehn Jahre später, als ich noch mal Bundesligatrainer war, habe ich Alexander Zickler ins Team eingebaut. Das macht mich richtig stolz. Diesen Jungen geholfen zu haben, ist mir das Wichtigste in meiner Trainerlaufbahn. Wichtiger als alle gewonnenen oder entgangenen Titel.Sie haben damals lange gezögert, der SED beizutreten. War Ihnen damals klar, dass Sie deshalb nicht zu den Olympischen Spielen 1972 nach München und nicht zur WM 1974 in die Bundesrepublik durften?Absolut. Ich behaupte nach wie vor, dass ich dabei gewesen wäre, wenn die Spiele und die WM in Frankreich oder sonstwo stattgefunden hätten. Aber die BRD war der Klassenfeind Nummer eins, das war etwas Anderes. Mit Dresden durfte ich immer in den Westen fahren, ich war schließlich kein Staatsfeind. Für die Nationalmannschaft hat dann die Stasi irgendwann gesagt: Dem werden wir mal zeigen, wie s lang geht. Der hat eine Schwiegermutter im Westen und ist nicht in der Partei, das ist doch eine Frechheit. Dennoch haben mich diese Dinge nicht geschwächt, die haben mich eher stark gemacht.Anfang der achtziger Jahre sind Sie dann in die SED eingetreten.Aber nicht, um jetzt groß Karriere zu machen. Ich wollte nur im Nachwuchsbereich bei Dynamo weiterarbeiten. Anders wäre das nicht mehr möglich gewesen. Andernfalls hätte ich 1983 auch nicht die Chance bekommen, Dynamos erste Mannschaft zu trainieren.Wer hat damals eigentlich das Sagen gehabt: Der Trainer Sammer oder sein Parteisekretär, der Torhüter Bernd Jakubowski?Sammer natürlich. Aber der Bernd hat mich manchmal ganz schön genervt. Der musste seine Parteisitzungen abhalten, und ich hatte das Problem, zwischen Oberliga-Spielen, Reisen, Training, Nationalmannschaft und Europapokal noch Termine für das Parteilehrjahr zu finden. Ich habe damals zu meiner Frau gesagt: Oh je, wenn da mal was schief geht, bin ich verschwunden. Verliert Dynamo, fliege ich raus, egal ob ich die Parteilehrjahre pünktlich veranstalten ließ. Lasse ich das Parteilehrjahr ausfallen, ist es auch nicht gut, egal wie gut wir in der Tabelle stehen.Half im Zweifel nicht das Argument der Planerfüllung?Ja freilich, was Anderes ging nicht. Ich konnte nur immer die Arbeit vorschieben. Man hat sich von Ausrede zu Ausrede gehangelt. Denn das Dumme war ja, dass es neben den Parteiversammlungen für alle zusammen - für Parteilose und SED-Mitglieder - noch extra den Politunterricht gab. Da durfte der Trainer auch nicht fehlen.Haben Sie damals gewusst, dass in der Kabine auch immer ein halbes Dutzend Stasi-IM anwesend waren und somit jedes Wort, das Sie an Ihre Spieler gerichtet haben, gleich in den Spitzel-Berichten auftauchte?Man kannte seine Pappenheimer im Verein. Dass einige Spieler IM waren, hat mich später dann doch überrascht. Aber wissen Sie, ich schere da nicht alle über einen Kamm. Wenn so ein junger Bursche zu einer Unterschrift überredet wurde, dann trage ich dem nichts nach. Es gab allerdings auch Leute, die nicht nur belangloses Zeug weitergegeben haben, die sogar versucht haben, Aussagen zu interpretieren, die hinzugedichtet haben. Die waren gefährlich.Die Stasi hat einen richtigen Plan entworfen mit dem Ziel, den Oberligatrainer Klaus Sammer abzulösen, was dann 1986 auch geschah.Wir waren im Europapokal nach einem unglaublichen 3:7 in Uerdingen ausgeschieden. An dem Tag ist auch noch der Spieler Frank Lippmann abgehauen. Mielke hatte den Daumen gesenkt. Da haben einige IMs Dreck zusammengescharrt. Die haben eine Menge dummes Zeug aufgeschrieben. Aber wissen Sie, ich will da nicht nachtreten. Da stehe ich drüber. Ich habe einiges in den Akten gelesen. Die haben damals ja nicht mal die Sache mit Jena richtig kapiert.Welche Sache?Matthias und ich hatten ein für DDR-Verhältnisse sensationelles Angebot, gemeinsam als Spieler und Trainer nach Jena zu wechseln. Aber ich habe die Aktion abgeblasen, weil ich nicht wollte, dass Matthias, der erst neunzehn war, in irgendeiner Weise darunter zu leiden gehabt hätte. Irgendwie hätten sie ihm die ganze Last aufgebürdet. Deshalb habe ich Nein gesagt, darauf bin ich heute noch stolz. Die Stasi hat das nicht kapiert.50 Jahre Dynamo - was bleibt?Was hier geleistet wurde, hat den deutschen Fußball geprägt. Und dabei hat Dynamo bis auf wenige Ausnahmen nur auf das Einzugsgebiet des Bezirkes Dresden zurückgreifen können. Dynamo fehlte eigentlich nur der ganz große Erfolg, ein Europapokalsieg. Sonst würde man heute im Nachwuchsbereich europaweit nicht nur von der Ajax-Schule sprechen, sondern auch die Dynamo-Schule rühmen.Geht es mit Dynamo erst wieder richtig aufwärts, wenn irgendwann Ihr Sohn Matthias zurückkommt?Er hat zwar gerade im MDR-Fernsehen gesagt, dass er irgendwann dem Verein, der ihn geprägt und ausgebildet hat, etwas zurückgeben will. Aber das sind erst Mal nur positive Gesten, die Mut machen sollen. Matthias allein könnte nichts ausrichten. Bevor die Wirtschaft nicht einsteigt, wird Dynamo nicht wieder eine gute Adresse.Gespräch: Jens Weinreich"Die Leute hängen am Namen Dynamo. Das wundert mich etwas, denn ich hätte kurz nach der Wende den Namen abgeschafft. ".CAMERA 4/EBERHARD THONFELD 8. Juni 1985, Stadion der Weltjugend, Berlin: Dresdens Spieler Häfner, Döschner, Minge, Dörner und Pilz (v. l. ) bejubeln das 3:2 im FDGB-Pokalfinale gegen den alten Rivalen BFC Dynamo. Dresden gewann nicht nur gegen Erich Mielkes BFC, sondern auch gegen einen von der Stasi instruierten Schiedsrichter. Zwei Wochen später traf sich wegen der skandalösen Entscheidungen des Pfeifenmanns Manfred Roßner die Führung des DDR-Fußballverbandes zu einer Video-Auswertung der Partie. 17 grobe Fehler wurden Roßner nachgewiesen, ein Drittel aller Entscheidungen wurde teilweise haarsträubend gegen Dresden getroffen. Ein Wunder, dass die damals von Klaus Sammer trainierten Dresdner die Oberhand behielten. Es war eine Ausnahme seinerzeit.CAMERA 4/EBERHARD THONFELD Berlin, Mai 1985: Klaus Sammer auf der Trainerbank im Endspiel um den FDGB-Pokal gegen den BFC Dynamo.BERLINER ZEITUNG/JENS WEINREICH Dresden, April 2003: Klaus Sammer arbeitet als Nachwuchskoordinator für den Deutschen Fußball-Bund.