Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi engagiert sich seit 1990 für die ostdeutsche Wirtschaft. Er half als Aufsichtsratschef bei der Privatisierung und Entflechtung des Schwermaschinenbauers Takraf und bemühte sich um die öffentliche Auftragsvergabe an ostdeutsche Firmen. Für die Treuhandnachfolgerin BvS ist Dohnanyi als Markt-Beauftragter aktiv.Herr von Dohnanyi, können Sie sich noch an Ihren ersten Tag als Aufsichtsrat beim ehemaligen DDR-Schwermaschinenbauer Takraf erinnern?Ich kann mich daran sehr gut erinnern, weil ich noch zu DDR-Zeiten in den Aufsichtsrat gewählt wurde. Damals gab es die Treuhand noch nicht. Aufsichtsratschef wurde ich am Tage der Währungsunion, also am 1. Juli 1990. Es herrschte damals in der Belegschaft eine Stimmung aus Erwartung, aber auch aus großer Besorgnis. Es war vielen klar geworden, welche Schwierigkeiten Schwermaschinenbaufirmen im Osten unter dem Wettbewerbsdruck der westeuropäischen Konkurrenten haben würden. Was ist aus Takraf geworden? Wir haben die Entflechtung von Takraf 1994 abgeschlossen. 17 der ehemals 26 Unternehmen sind teilprivatisiert, zwei oder drei geschlossen und die übrigen zusammengelegt. Unterm Strich konnten wir 9 800 von einst rund 28 000 Arbeitsplätzen bewahren, so viele Mitarbeiter arbeiten wohl auch heute noch in den Unternehmen. Und einige der Firmen sind heute wieder Weltmarktführer in ihren Sparten. Insofern ist die Privatisierung bei Takraf nicht so schlecht gelaufen wie das ansonsten vielfach im Maschinenbau der Fall gewesen ist.Nicht nur im Maschinenbau gab es Probleme. Heute müssen Bautzner Senf oder Florena-Creme als Synonyme für den Aufschwung herhalten. Kann man diesen Aufbau-Ost eine Erfolgsgeschichte nennen?Ein Erfolg ist, dass die Vereinigung überhaupt möglich war. Die drastischen wirtschaftlichen Konsequenzen, die der Einheit folgten, hatten ihre Ursache viel früher. Ostdeutschland war 1945 Westdeutschland wirtschaftlich mindestens ebenbürtig. Die systematische Zerstörung dieses Gebietes durch die schwachsinnige kommunistische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ist das eigentlich Tragische. Es gab 1989 kein einziges funktionierendes Unternehmen, es waren Betriebsstätten mit einer Planungsorganisation, aber ohne Markt. Die konnten 1990 praktisch an niemanden verkaufen, weil sie nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen und Qualität produzierten. Das ließ sich nicht in wenigen Jahren ausgleichen.Was war die größte Leistung, was der größte Fehler beim Aufbau Ost?Die größte Leistung war der konsequente Ausbau der Infrastruktur und dass der gesamte Prozess von einem relativen sozialen Ausgleich begleitet wurde - die Rentner wurden in das Rentensystem West einbezogen und das Gesundheitssystem wurde ausgebaut usw. Der größte Fehler liegt in der Entindustrialisierung der ostdeutschen Länder, dem Mangel an Industriebasis, die ja wiederum die alleinige Basis für ausreichende Dienstleistungen ist. Es wäre richtig gewesen, wenn man Ostdeutschland Anfang der 90er-Jahre auf Zeit zum steuerfreien Gebiet für die industrielle Produktion erklärt hätte. Stattdessen gab es Abschreibungsmodelle, die keinen Anreiz für industrielle Investoren schufen.Mit der Folge entsprechender Fehlinvestitionen, Büroüberkapazitäten und so weiter...Die Büroüberkapazitäten werden sich eines Tages positiv niederschlagen, weil dadurch die Mieten sinken. Aber es ist eben nicht ausreichend in industrielle Fertigung investiert worden. Das war nicht wirklich interessant, weil man mit den Abschreibungen bei einem überflüssigen Hotel oder einem zusätzlichen Bürogebäude genauso gut oder gar besser fuhr als mit der mühsamen Investition in ein Industriegebiet. Ist man damals zu sehr von dem einen Extrem der kommunistischen Planwirtschaft in das andere Extrem der freien Kräfte des Marktes verfallen?Ich denke ja. Man hat gedacht, der Markt werde alles heilen. Nun vertraue ich zwar auf den Markt, aber ich weiß auch, dass er eine sehr robuste Kraft ist......auch eine zerstörerische.Natürlich, es ist ja der Sinn, dass der Markt zerstört, was nicht Stand halten kann. Das ist seine Funktion, um Neues dafür entstehen zu lassen. Wenn man aber eine ganze Region so heruntergewirtschaftet hat und abgehungert in einen Wettbewerb schickt mit gut trainierten und wohlernährten Athleten, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Athleten alle Preise holen. Man hat die Folgen des Marktes also nur positiv gesehen. Da hatte ich auch viele Ringkämpfe in der Treuhand zu bestehen.Wahrscheinlich auch in der eigenen Partei, denn das ist ja nicht gerade das, was zum Beispiel Oskar Lafontaine empfohlen hätte?Lafontaine versteht davon nichts. Er hat nie in einem Unternehmen gearbeitet. Seine ökonomischen Vorstellungen teile ich im Wesentlichen nicht. War es ein Fehler, die Löhne und Gehälter schnell an das Westniveau anzugleichen?Ja, zumindest so undifferenziert. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass die VW-Mitarbeiter in Mosel genauso gut bezahlt werden wie die in Wolfsburg. Aber es ist ein Fehler, ein solches Westniveau zum Maßstab auch für Unternehmen zu machen, die diese Produktivität und Marktposition nicht erreicht haben. Selbst bei gleicher Produktivität brauchen die Ostfirmen noch zusätzlich Geld, um Märkte zu erobern. Wer hat denn eher dafür gesorgt, dass es den Ostfirmen so schlecht ging: Die Einkaufspolitik der West-Unternehmen und der öffentlichen Hand oder der Ostdeutsche selbst?Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl hatte schon 1992 durchgesetzt, dass die Bundesregierung rund 20 Prozent im Osten einkauft. Die West-Industrie haben wir durch die Einkaufsoffensive Ost versucht, an die Ost-Firmen heranzuführen. Das zentrale Problem ist, dass die Ostdeutschen selbst ihre Produkte zunächst zurückgestellt hatten und daher der Ost-Handel mit West-Produkten überflutet wurde. Das kann man den Leuten nicht verübeln. Doch es war ein Fehler, die Ost-Handelsketten an Westfirmen zu verkaufen. Die haben gleich ihr ganzes Lieferantensystem mitgebracht. 1988 sind Sie als Bürgermeister von Hamburg zurückgetreten wegen des wachsenden Widerspruchs zwischen großen Worten und dem politischen Alltag...... richtig, das besteht fort.Wie ist heute ihre Sicht auf die Politik unter Rot-Grün?Ich glaube, seitdem die Kombination Schröder-Eichel besteht, wird den Leuten mehr die Wahrheit gesagt als vorher.Herr Schröder weckt Hoffnungen, indem er den Osten zur Chefsache erklärt. Tatsächlich aber klafft auf dem Arbeitsmarkt auf lange Sicht eine riesige Lücke.Die wird zunächst vielleicht größer. Selbst 2010 wird die Unterbeschäftigung im Osten noch etwa 25 Prozent betragen... ..und der Aufbau der Ost-Infrastruktur wird sogar noch 30 Jahre andauern...Deshalb werden selbst Städte wie Dresden und Leipzig eine Anziehungskraft wie Köln, Düsseldorf, München oder Hamburg nur sehr langsam wieder erreichen können.Sie kennen Hamburg-Wilhelmsburg, und sie kennen Leipzig-Grünau. Fehlt den Deutschen Zivilcourage, wenn es um die Bekämpfung des Rechtsextremismus geht, oder muss der Staat seine Instrumente schärfen?Ja, das muss er. Mit Zivilcourage hat das wenig zu tun. Der Anteil der Türken in Hamburg-Wilhelmsburg liegt in Teilen bei 30 bis 40 Prozent, und trotzdem leben die meisten ganz friedlich miteinander. Die Vorfälle in der jüngsten Zeit haben weniger mit rechts oder links und nicht einmal so sehr mit Ausländern zu tun, auch Obdachlose wurden attackiert. Einige Kriminelle versuchen eine bestimmte Linie zu nutzen, um ihre kriminelle Gewalttätigkeit auszuleben. Und dem muss man hart entgegentreten. Unlängst hat es harte, aber gerechte Urteile gegeben. So muss es weitergehen.Das Gespräch führten Peter Kirnich und Ingo Preißler.