Klaus Zwickel hat immer nur als Kämpfer posiert. Tatsächlich will der IG-Metall-Chef vor allem eines: nicht anecken: Noch ein Genosse der Bosse

FRANKFURT A. M., 25. Juli. Müde sieht er aus, müde und ernst. Ernst wie die Lage, ernst wie die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. Untreu soll er gewesen sein. Jetzt ist Klaus Zwickel ungehalten. "Nein", sagt der IG-Metall-Chef, "ich habe den Abfindungszahlungen an die Vorstände von Mannesmann nach der Übernahme durch Vodafone nie zugestimmt." Er versucht, ein entspanntes Gesicht zu zeigen. "Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage." Immer die gleiche Antwort auf die Fragen der Journalisten in Frankfurt. Dann sinkt er in den Sessel zurück und blickt auf die Erde. Da sitzt er nun, "Kollege Klaus", Chef der größten Industriegewerkschaft Europas und spielt mit seiner Brille und rechtfertigt sich. Ein bisschen hölzern, wie man ihn kennt, ehrlich aber und immer ein wenig ungehalten. Seit bald fünfzig Jahren kämpft er in der IG Metall, schimpft auf den kalten Kapitalismus, wettert gegen maßlose Manager. Und jetzt das. Nicht dass er sich selbst bereichert habe, wird ihm vorgeworfen, sondern andere, die Manager, ausgerechnet die Gegenseite.In seiner Gewerkschaft sagt man Zwickel schwäbische Sparsamkeit nach. Einmal jedoch, da hat er sich großzügig gezeigt. Das war Anfang des Jahres 2000. Die teuerste Firmenübernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte hatte ihr Ende gefunden. Nach monatelanger Abwehrschlacht kapitulierte Mannesmann am 3. Februar vor dem Angebot des britischen Konkurrenten Vodafone und wurde für 188 Milliarden Dollar geschluckt. So muss man es wohl nennen. Doch die Mannesmann-Manager hatten sich abgesichert. Auf ihre Privatkonten floss viel Geld, sehr viel Geld. Nach Schätzungen der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft waren es rund zweihundert Millionen Mark. Die Entschädigungen und Prämien wurden an die gezahlt, die unterlegen waren. Denn während der Verhandlungen hatten die Mannesmann-Aktien einen Kursgewinn von rund acht Milliarden Euro erzielt. Für diese Leistung sollte das Management nun belohnt werden. Allein Mannesmann-Chef Klaus Esser erhielt rund sechzig Millionen plus zusätzliche Annehmlichkeiten wie das lebenslange Recht auf ein Büro und eine Sekretärin. Die "kolossalste Abfindung aller Zeiten", schrieb "Bild".Und ausgerechnet der grundsolide Klaus Zwickel, der Gewerkschafter, nickte die Millionen ab. Das heißt - er nickte nicht. Er schüttelte aber auch nicht den Kopf. Als Mitglied im vierköpfigen Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten tat er nichts, um die Zahlung zu verhindern. "Ich habe der Sache nie zugestimmt", sagt er. Das stimmt. Er sagte weder Ja noch Nein, sondern enthielt sich der Stimme. "Ich habe einen Fehler gemacht", sagt er heute. Das findet auch die Staatsanwaltschaft. Und die Presse und die Gewerkschaftsmitglieder. Denn wer schweigt, stimmt zu. Und alle fragen sich: Warum hat er das getan? Klaus Zwickel weicht aus: "Ich hielt das damals für richtig."Der große Arbeitgeberschreck ist gar keiner. Er posiert nur als Kämpfer. Tatsächlich will Zwickel vor allem eines: zuverlässig sein, ein Partner für Arbeitgeber und Regierung. Er will nicht siegen, weil Siege immer auch Verlierer kennen. Er will mit gestalten. Und dafür kämpft er dann auch schon: um als Gesprächspartner anerkannt zu sein. Nichts hasst der gelernte Werkzeugmacher aus Heilbronn so sehr wie übergangen zu werden.Zwickel ist einer der letzten Gewerkschafter, die die "Ochsentour" absolviert haben. In der IG Metall ist er zu Hause. Schon 1954 trat er mit fünfzehn Jahren der Gewerkschaft bei, stieg zum Vertrauensmann und Beitragskassierer auf und wurde 1968 Erster Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Neckarsulm. 1984 wechselte er zur Verwaltungsstelle Stuttgart und erwarb sich dort das Vertrauen des IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler. Lange galt Zwickel als idealer und gleichzeitig ewiger Zweiter. Eher brav als inspiriert, mit wenig Unterhaltungswert, dafür aber geradeaus. Doch dann geriet sein Chef Steinkühler in Versuchung. Sein Aufsichtsratsmandat bei Daimler wurde Steinkühler zum Verhängnis. Am 18. März und am 1. April 1993 kaufte er 2 100 Aktien der Mercedes Aktiengesellschaft Holding. Einen Tag später, am 2. April, wurde in der Aufsichtsratssitzung von Daimler-Benz die Fusion der Mercedes Holding und der Daimler-Benz beschlossen, was zu einem starken Kursanstieg der Mercedes-Aktien führte. Daraufhin verkaufte Steinkühler sein Aktienpaket - nach eigenen Angaben mit einem Gewinn von 65 000 Mark. In der Börsensprache nennt man das "Frontrunning", es war damals eher verpönt als verboten.Steinkühler musste zurücktreten, und damit kam der große Auftritt des Klaus Zwickel, den bis dahin niemand so recht wahrgenommen hatte. Mit einer Zustimmung, die es sonst nur in Diktaturen gibt - 90,1 Prozent - wählten ihn die Delegierten zu ihrem Chef und Walter Riester zu seinem Vize. Und seit dem fragt sich die Öffentlichkeit, wer Klaus Zwickel eigentlich ist?Die einen sehen in ihm den Dogmatiker, den Klassenkämpfer alter Schule, der die Interessen seiner Klientel im Auge hat. Dieses Rabaukenimage pflegt der 1,93 Meter große Zwickel gerne, wenn er bei den Treffen mit der Basis ans Mikro tritt, zum Beispiel am 1. Mai. Andere wiederum feiern ihn als den stets unterschätzten Modernisierer, von dem alle tarifpolitischen Reformen der letzten zehn Jahre ausgegangen sind. Das Nebeneinander von kämpferischem Gestus und permanenter Kompromissbereitschaft hat Klaus Zwickel den Ruf eingetragen, ein Mann mit zwei Gesichtern zu sein. Dabei vereinigt er nur den Richtungsstreit seiner Gewerkschaft in seiner Person: Den Streit zwischen der Fraktion "Beton", die in den Arbeitgebern das gegensätzliche Interesse entdeckt; und der Fraktion der "Reformer", die die IG Metall zu einer Art Servicebetrieb in Zeiten der Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit machen und daher die alten Fronten aufgeben will. Zwickel neigt ohne Zweifel eher zu den Reformern. Er geht dem Streit nicht aus dem Weg, sucht ihn aber nicht. Er will keinen Kampf, sondern gemeinsame Lösungen. Das hat er immer wieder bewiesen.So hatte Zwickel wesentlichen Anteil an den Stufentarifverträgen für die ostdeutsche Metallindustrie, die die schrittweise Anhebung der Grundlöhne auf Westniveau vorsahen. Als sich die Wirtschaftslage verschlechterte, zeigte er sich nachsichtig, der Stufenplan wurde um mehrere Jahre gestreckt. Und schon 1995 erschreckte Zwickel die Gewerkschafter, als er für eine "kontrollierte Öffnung des Flächentarifvertrags" plädierte, um Betrieben in schlechter Situation zu helfen. Nachgiebigkeit zeigte er auch mit seinem Vorschlag für ein "Bündnis für Arbeit", in dem er den Unternehmen sogar real stagnierende Löhne sowie die Einführung von befristeten niedrigen Einstiegsentgelten für Langzeitarbeitslose vorschlug. Eine unangemessene Anbiederung an die Gegenseite, urteilten viele seiner Kollegen. Nachdem die Kohl-Regierung im Gegenzug den Kündigungsschutz abschwächte und auch noch die volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall infrage stellte, stieg Zwickel aus dem Bündnis aus - nur um einige Zeit später der neuen SPD-Regierung ein zweites Bündnis anzutragen. Nach Protesten nahm er es sogar hin, dass dort über die Höhe der Löhne gesprochen wurde, eigentlich ein Privileg der Tarifpartner.Im vergangenen Jahr machte er als Aufsichtsrat von Volkswagen sogar den Weg frei für das 5 000-mal- 5000-Modell bei VW, obwohl dieses für alteingesessene Gewerkschafter schwer vorstellbar war. 5 000 neue Jobs sollten hier entstehen, allerdings zu Löhnen unter Tarif. Das vereinbarte "VW-Programm-Entgelt" koppelt die Löhne direkt an den Betriebserfolg. Viele in der Gewerkschaft finden ihren Chef zu weich. Und ebenso viele geben ihm keine große Zukunft mehr. Die harten Kämpfe im eigenen und mit dem anderen Lager, die vielen Zugeständnisse haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Der IG-Metall-Chef wirkt resigniert, als er sich an diesem Tag in Frankfurt gegen die neuerlichen Vorwürfe verteidigt. Neben ihm sitzt die Zukunft: Jürgen Peters, Zwickels Vize, der wohl 2003 auf den Chefposten wechseln wird, wenn Zwickel altersbedingt ausscheidet. Denn bei der IG Metall beerbt traditionell der zweite Chef den ersten. Zwickel sieht das nicht gerne. Ihm ist Peters fremd, er gehört zu der "Nordkoreaner" genannten Betonfraktion und gibt sich als Hardliner. Künftig wird Peters die Aufgabe zufallen, den Arbeitgebern entgegenzukommen und gleichzeitig als Sieger aufs Podium zu steigen.Es scheint, Zwickel hat die Basis verloren. Die Vorwürfe im Mannesmann-Fall sind nur eine weitere Stufe auf dem Weg nach unten. Mit seiner Enthaltung in der Mannesmann-Abfindungs-Frage ersparte er sich die Mühe, eine weitere Front aufzumachen und erhielt sich das Image eines verlässlichen Partners des Managements. Nein sagen konnte er damals nicht. Aber Ja sagen auch nicht. Er muss gewusst haben, dass die Prämien unanständig hoch sind. Sonst hätte er nicht lange abgestritten, etwas davon gewusst zu haben. Aber er konnte nicht anders. "Ich bin wie ich bin und ich werde mich nicht mehr ändern", sagt er und lächelt auf einmal. Den IG-Metall-Vorsitz will er nicht aufgeben. Denn Aufgeben gilt nicht. "Weglaufen", hat er seinem Parteifreund Oskar Lafontaine nach dessen Rücktritt als Finanzminister hinterhergerufen, "Weglaufen ist nicht die Sache von Sozialdemokraten."Warum hat er das getan? Klaus Zwickel weicht aus: "Ich hielt das damals für richtig. " BERLINER ZEITUNG/GEORGE KALOZOIS Klaus Zwickel - die harten Kämpfe im eigenen und mit dem anderen Lager, die vielen Zugeständnisse haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.