Im Grunde verlief alles nach Plan. Nachdem sich die Berliner Musiker 2001 bei einem Pop-Seminar in Hamburg kennen lernen, veröffentlichen sie bald in Eigenregie eine erste EP, die sich bei Konzerten recht zügig verkauft. Die Kunde von ihrer Band Wir Sind Helden geht schnell herum, das Virgin-Sublabel Labels wittert Potenzial und nimmt die Gruppe unter Vertrag. Als dann im Februar dieses Jahres die erste Single "Guten Tag" erscheint, entwickelt sie sich zur allgemeinen Überraschung zu einem kleinen Hit. Weil die Band in dem dazugehörigen Video mittels Sprechblase die Möglichkeit erwähnt, in die Harald-Schmidt-Show eingeladen werden zu können, kommen die Redakteure der Harald-Schmidt-Show verblüffenderweise auf die gleiche Idee und laden die Wir-Sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes in die Sendung ein, wo sie mit Witz und Charme weiteres Interesse an der Band wecken kann. Weil auch die zweite Single "Müssen nur wollen" wie der Vorgänger "Guten Tag" die Glücksversprechen des modernen Lebens als durchschaubare Lügen geißelt, wird allmählich auch das Feuilleton aufmerksam und erkennt in Wir Sind Helden die neue Stimme einer kritischen Generation. Denn in Zeiten chronischen Geldmangels leistet man sich Lieder über Konsumzweifel wieder gern, weshalb auch die Tournee, die noch vor der Veröffentlichung des Albums anberaumt wird, sich zu einem Triumphzug entwickelt (vgl. Berliner Zeitung v. 31. 5. 2003); alle Termine sind ausverkauft, in manchen Städten werden die Konzerte der Nachfrage wegen gar in größere Hallen verlegt. Das Debütalbum "Die Reklamation", das nun in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, ist aus dem Stand auf Platz sechs der deutschen Alben-Charts gelandet.Doch nicht nur die messbaren Erfolge dieser Newcomerband scheinen sensationell, sondern auch der Umstand, dass die zuständige Plattenfirma - Teil eines Major Labels, aber organisiert wie ein Indie - ihr offenbar genügend Zeit ließ, sich zu entwickeln. Denn obwohl die Karriere von Wir Sind Helden bisher wie nach Plan verlief, so verlief sie doch nach einem Plan, dem Plattenfirmen heute nur noch selten trauen. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an das tragische Schicksal der Berliner Band Mia, die von ihrer Marketingabteilung derart durchschaubar zu einem Spektakel frisiert wurde, dass man hinterher gar nicht anders konnte, als die Band als Zumutung zu empfinden.Wir Sind Helden sind hingegen nicht einmal interessant. Sie pflegen ein natürliches Image, machen ihre Musik mit der Hand und beziehen ihre Einflüsse aus dem Gesamtwerk von Rio Reiser, Nena und Ideal. Auf zahllosen Konzerten haben sie sich eine stabile Fangemeinde erspielt, sie haben die notwendige Bühnenerfahrung und wirken sympathisch und souverän. Sie machen also nichts, weshalb man zu Hause anrufen müsste, sie machen aber auch nichts falsch. Von den insgesamt zwölf Songs, die es auf ihrem Album gibt, kann man fünf zwar vergessen. Die sieben anderen sind jedoch gut. Und von den guten sieben sind wiederum vier dermaßen gut, dass man die fünf, die man vergessen kann, auch tatsächlich vergisst. Judith Holofernes kann singen, sie kann mit Worten umgehen und denkt sich Stücke aus, die reizende Titel wie "Die Zeit heilt alle Wunder" tragen. Die aktuelle Single "Müssen nur wollen" ist ein Popsong, dem man sich, selbst wenn man wollte, nur sehr schwer entziehen kann. Dagegen gibt es also im Grunde nichts zu sagen.Ähnlich verhält es sich mit der Band Virginia Jetzt! Das Quartett findet 1999 im brandenburgischen Elsterwerda zueinander, zieht später nach Berlin und werkelt dort still, aber beharrlich vor sich hin. Nach einem Beitrag auf der Compilation "Berlin macht Schule", einer Reihe von selbst gebrannten EPs, vielen Konzerten und einem kleinen Hit bei Radio Fritz unterschreibt das Quartett schließlich bei einer großen Plattenfirma und veröffentlicht ihr Debüt "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!". Zwar fordert die Band in dem Titel "Das Beste für alle" "ein Päckchen Dynamit auf das Gebiet der Rockmusik". Doch statt die Bombe zu bauen, feilt sie mit viel Liebe zum kompositorischen Detail an relativ konservativen Songs. Da kommen satte Streicher-Arrangements zur Geltung, da wird geschmackvoll auf dem Piano gespielt, da wird alles in allem sehr darauf geachtet, dass kein Ton an der falschen Stelle erklingt. Sänger Nino Skrotzki hat zwar keine große Stimme, aber er hat einen Sinn für schöne Melodien. Um einer Kritik an stimmlichen Unzulänglichkeiten vorzubeugen, schmettert er in die "Die Musik von dort bis hier": "Und das klingt so / Mein Kopf, mein Mund, mein Bauch, mein Herz klingt so". Und so klingt es eigentlich nicht schlecht. Es klingt zwar höhepunktsfrei, dafür sind aber auch keinerlei Tiefpunkte zu erkennen. "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!" ist in diesem Zusammenhang ein seltenes Beispiel für absolut unpeinliche deutsche Popmusik und in diesem Sinne auch ein großer Schritt nach vorn. Denn so wie es zuvor viele peinliche Bands brauchte, auf deren Basis sich unpeinliche Bands wie Virginia Jetzt! und Wir Sind Helden entwickeln konnten, braucht es für das Zustandekommen interessanten deutschsprachigen Gitarrenpops nun eine Basis von in erster Linie grundsoliden Bands. Ein Anfang ist immerhin gemacht.Wir Sind Helden + Virginia Jetzt! // Zwei Debütwerke von Berliner Bands: Wir sind Helden: Die Reklamation (erschienen bei Labels/Virgin/EMI).Virginia Jetzt!: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt! (erschienen bei Motor Urban DefJam/Universal).Auf Platz 6 ist das Wir-Sind-Helden- Debüt in dieser Woche in die deutschen Charts eingestiegen. Neben The Notwist und Calexico ist die Band für die Berliner Labels-Firma damit der erfolgreichste Act.LABELS "Guten Tag": Wir Sind Helden.