Wer weiß schon, was in Käthe vorgegangen ist, als ihr Vater plötzlich einen Kasten mit einer Glühbirne vor sie hinstellte. Dann beugte sich Papa auch noch mit der Stirn hinunter, berührte den Lichtschalter neben der Birne und schaltete so das Licht an. "Käthe hat nur gelächelt", berichtet Papa Harold. Käthe ist zwölf Monate alt, und es ist gut möglich, dass sie solche Experimente öfter über sich ergehen lassen muss. Ihr Papa, der Niederländer Harold Bekkering, ist nämlich Entwicklungspsychologe an der Universität in Groningen. Er untersucht, wie und warum Babys Handlungen von Erwachsenen nachahmen. Und er weiß: In zwei Monaten könnte Käthes Reaktion auf Papa mit seinem Lichtschalter ganz anders ausfallen. Denn mit eben diesem Lichtschalter-Experiment bei vierzehn Monate alten Babys erzielten Bekkering und seine Kollegen György Gergely und Ildiko Kiraly von der ungarischen Akademie der Wissenschaften jüngst überraschende Resultate, die sie vor einigen Wochen im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten. Die Quintessenz: Babys sind klüger, als man bisher angenommen hat; sie ahmen noch lange nicht jede Handlung nach, die Erwachsene ihnen vormachen. Bisher gingen die Entwicklungspsychologen davon aus, dass Babys vom neunten Monat an nachahmen, wie Erwachsene mit Dingen umgehen - egal, wie sinnvoll oder abstrus die demonstrierte Aktion ist. Also würden sie auch das Licht mit der Stirn anschalten, wenn ein Erwachsener ihnen dies vormacht, so die Hypothese. Genau das hatte der amerikanische Entwicklungspsychologe Andrew Meltzoff 1988 herausgefunden. Bekkering und seine Kollegen aber gaben sich nicht zufrieden mit dem Befund von Meltzoff. Also ließen sie erneut Babys eine erwachsene Frau beobachten, die statt mit den Händen mit ihrem Kopf einen Lichtschalter betätigte. Die Kleinkinder wussten nicht, warum die Frau ihren Kopf dafür benutzte. Vielleicht dachten sie, das gehöre sich so. Acht der zehn Babys ahmten die Aktion jedenfalls nach. So weit war auch Meltzoff schon gekommen. Bekkering und seine Kollegen erweiterten nun das berühmte Experiment. Bei einer zweiten Gruppe von ebenfalls vierzehn Monate alten Babys, die parallel untersucht wurde, hatte die Frau ihre Hände nicht frei: Sie hielt damit eine um ihre Schultern geschlungene Decke fest. Dann berührte sie den Lichtschalter wiederum mit ihrem Kopf. Das Resultat kehrte sich um: Acht von zehn Kindern schalteten das Licht diesmal mit den Händen an. Sie hatten verstanden, warum die Frau ihren Kopf benutzen musste. "Für die Babys gab es plötzlich einen Grund für die umständliche Bewegung", sagt Bekkering. Seine Schlussfolgerung: Schon im Alter von vierzehn Monaten, viel früher als bisher angenommen, können Kinder zwischen sinnvollen und unsinnigen Handlungen unterscheiden. "Wenn sie merken, dass eine Handlung albern ist, dann wählen sie eine in ihren Augen sinnvollere Alternative, um dasselbe Ziel zu erreichen", erläutert Bekkering."Für die Säuglingsforschung ist diese Erkenntnis sensationell", sagt Birgit Elsner vom Münchner Max-Planck-Institut für psychologische Forschung. "Wenn vierzehn Monate alte Babys eine Aktion beobachten, können sie schon unterscheiden zwischen zwei Dingen: der Bewegung an sich - dass man seine Hand zum Lichtschalter führt - und der Absicht, die damit verfolgt wird, dass also das Licht angeschaltet wird." Der US-Entwicklungspsychologe Michael Tomasello, derzeit am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sieht das ähnlich: "Die Fähigkeit Absichten zu erkennen, unterscheidet uns von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen." Was menschliche Intelligenz einzigartig mache, sei die Kombination aus Imitation und dem Ausprobieren eigener Lösungen - wie in dem Experiment.Was aber ist mit den Babys, die in Bekkerings Experiment auch beim zweiten Versuch ihren Kopf benutzten? "Imitation ist für die Babys eine Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren - noch fehlt ihnen ja die Sprache", sagt Birgit Elsner. "Vermutlich wollten diese Babys der Versuchsleiterin mitteilen: Ich erinnere mich an dich!" Und Michael Tomasello hat noch eine weitere Erklärung parat: "In unseren Experimenten haben wir herausgefunden, dass Kleinkinder vor allem in solchen Situationen Erwachsene imitieren, in denen sie sich nicht sicher fühlen."Nicht nur für Entwicklungspsychologen sind solche Erkenntnisse spannend. Seit einiger Zeit interessieren sich auch Wissenschaftler für die Säuglingsforschung, die sich ansonsten mit der Künstlichen Intelligenz (KI) von Robotern beschäftigen. Harold Bekkering etwa ist Mitglied einer internationalen Forschergruppe, die vor wenigen Wochen mit dem von der Europäischen Union geförderten Projekt "Artesimit" (Artefact Structural Learning through Imitation) begonnen hat. "Wir wollen Roboter konstruieren, die ähnlich wie Menschen durch Imitation lernen", erläutert Alois Knoll, KI-Forscher an der Technischen Universität München und Koordinator des Artesimit-Projekts, an dem Psychologen, Affenforscher, Neurologen und Informatiker teilnehmen. Die Wissenschaftler wollen das Verhalten der Roboter nicht immer wieder neu programmieren. Stattdessen sollen die Roboter einfach das nachahmen, was Menschen ihnen vormachen. "Dazu muss man verstehen, wie dieses Imitationslernen beim Menschen überhaupt funktioniert", sagt Knoll. Die Artesimit-Gruppe nutzt für ihre Experimente einen normalen Industrieroboter. Der ist ausgerüstet mit einer Hand, die Dinge greifen kann, sowie mit einer Kamera und Sensoren, die einen "menschlichen Instrukteur" beobachten. Langfristig wollen die Forscher Serviceroboter konstruieren, die bei der Haushaltsarbeit helfen. Knoll: "Es wäre toll, wenn wir dem Roboter beibringen könnten, ein Bett zu beziehen."In einem nächsten Schritt will Bekkering seine aktuellen Forschungsergebnisse auf Roboter übertragen. "Wenn der Roboter eine Handlung imitiert, soll er selbst entscheiden können, ob es sinnvoller ist, dies mit der rechten oder der linken Hand zu tun", sagt Bekkering.Irgendwann, so glaubt der niederländische Psychologe, wird die Säuglingsforschung von den Erkenntnissen der Robotik profitieren. Er hofft, durch die Programmierung solcher Roboter zu verstehen, was bei der Imitation im menschlichen Gehirn passiert. Dann wüsste Bekkering vielleicht auch, was in seiner Tochter Käthe damals eigentlich vorgegangen ist.Nature, Bd. 415, S. 755BERLINER ZEITUNG/MATTHIAS GÜNTHER Psychologen untersuchen, wie Kinder Erwachsene nachahmen. Gemeinsam mit Informatikern wollen sie nun Roboter bauen, die ähnlich lernen.NATURE Mit diesem Experiment zeigten Harold Bekkering und seine Kollegen, wie Babys im Alter von vierzehn Monaten zwischen sinnvollen und albernen Handlungen unterscheiden können. Sie ließen die Frau das Licht mit ihrem Kopf anschalten. Einmal hatte sie dabei die Hände frei (Bild oben), woraufhin die Babys die Aktion nachahmten. Als die Frau aber ihre Hände nicht frei hatte (unten), berührten die Babys den Schalter mit ihren Händen. Sie erkannten den Grund, warum die Frau ihre Hände nicht benutzt hatte.

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