Kleinstadtidylle am Müggelsee - auf den Spuren des Friedrichshagener Dichterkreises: Beiderseits der Bölsche

BERLIN. Der Ort hat etwas von der Beschaulichkeit einer Kleinstadt - man möchte es kaum glauben, dass man auch in Friedrichshagen in Berlin ist. Der Ortsteil zwischen Stadtforst und Fernbahn auf der einen und der Bürgerbräu-Brauerei am Müggelsee auf der anderen Seite gruppiert sich übersichtlich beiderseits der Bölschestraße. Die "Bölsche" mit ihren kleinen Geschäften und Lokalen, den schmucken Siedlerhäuschen, dem Markt mit der Statue des Alten Fritzen sowie der Christophoruskirche mit dem gekappten Turm ist Lebensader und Dorfanger zugleich. Hier kauft man ein, hier bummelt und hier zeigt man sich. Den Namen trägt die Straße nach Wilhelm Bölsche, dem Journalisten, der Friedrichshagen einst den Ort "hinter der Großstadt" nannte.Reichlich 100 Jahre ist es her, da war Friedrichshagen so etwas wie die Literaturhauptstadt Deutschlands. Um 1890 schlossen sich hier naturbegeisterte Dichter, Künstler und Wissenschaftler zum Friedrichshagener Dichterkreis zusammen. Das anarchistische Völkchen diskutierte leidenschaftlich über Literatur, Politik und Gesellschaft und verfasste sozialkritische Schriften. Bald zog sein Ruf selbst so herausragende Geister wie den Dramatiker Gerhart Hauptmann, den schwedischen Bühnenautor August Strindberg oder den norwegischen Maler Edvard Munch an den Müggelsee.Antiquariat mit OrtsgeschichteNoch heute kann man auf den Spuren der Dichter wandeln. Die literarische Tour beginnt mit einem Besuch im Antiquariat Brandel in der Scharnweberstraße 59, ein paar Minuten zu Fuß vom S-Bahnhof entfernt. "Wer Fried-richshagen kennen lernen will, der muss zu mir kommen", sagt Inhaberin Katrin Brandel.Die 43-Jährige übertreibt nicht. Ihr Antiquariat beherbergt seit 1997 auch das Dichterkreis-Museum, betrieben vom Kulturhistorischen Verein Friedrichshagen, einer Gruppe literaturbegeisterter Lehrer, Buchhändler, Kulturwissenschaftler und Verlagsvertreter. Der Verein verlegt sogar eine eigene Schriftenreihe, die "Mitteilungen", die sich mit den Dichtern von damals kritisch auseinandersetzt. Fündig wird auch, wer mehr über den Ort erfahren möchte, denn das Antiquariat selbst gibt die "Friedrichshagener Hefte" heraus, die sich vor allem der Ortsgeschichte widmen.Gut informiert verlässt man die Buchhandlung und biegt nach links in die erste Seitenstraße ein. Dort, in der Kastanienallee 11, steht ein weißes, zweistöckiges Haus. Eine Gedenktafel an der Fassade erinnert an Bruno Wille, der von 1893 bis 1920 in der Wohnung im ersten Stock lebte. Der angesehene Doktor der Philosophie, Begründer der Freien Volksbühne, Schriftsteller und bekannter Vortragsredner, verfasste über 40 Bücher und Broschüren, etwa 25 davon in Friedrichshagen. Ihm zu Ehren wurde 1920 die Kaiserstraße in der Nachbarschaft in Bruno-Wille-Straße umbenannt.Wieder zurück in der Scharnweberstraße, läuft man rechts bis zur Straße am Goldmannpark. Hausnummer 11 gehört der eingeschossigen Villa Amalia, wo Fidus (alias Hugo Höppener) wohnte - einer der bedeutendsten Grafiker des Jugendstils und Illustrator vieler Bücher. Weiter geht es über die "Bölsche" hinweg in die Lindenallee 20. In dem im Originalzustand erhaltenen und hübsch restaurierten Haus wohnte 1892 für einige Wochen der große schwedische sozialkritische Bühnenautor August Strindberg. Eine Plakette erinnert daran.Am Ende der Lindenallee biegt man nach links in die Ahornallee. Wo das Haus Nummer 52 stand, klafft heute eine Baulücke. Einst wohnten dort die Gebrüder Heinrich und Julius Hart, zwei Journalisten, die mit ihren Heften "Kritische Waffengänge" platte Theaterstücke an den Pranger stellten und sich für moderne Lyrik einsetzten. Das Wohnhaus brannte 1945 ab.Einige Schritte weiter, in der Ahornallee 19 und auch in der 22, wohnte Wilhelm Bölsche. Der Verfasser von "Das Liebesleben in der Natur" (1898) gilt als Schöpfer des modernen Sachbuches. Außerdem war er Initiator der ersten Volkshochschule in Deutschland.Am Ende führt die Tour zur Ahornallee 26, wo von 1953 bis 1965 Johannes Bobrowski lebte. Der hat mit dem Gedichtband "Sarmatische Zeit" (1961), vor allem aber mit seinem Roman "Levins Mühle" (1964) literarischen Ruhm erworben. Fast hätte Bobrowski auch den Dichterkreis, der mit dem Wegzug von Bruno Wille 1920 erloschen war, wiederbelebt. Doch bevor es dazu kam, starb der erst 48-Jährige 1965 an einem Blinddarmdurchbruch. Eine Straße in Hellersdorf trägt seit 1988 seinen Namen.Bobrowskis Arbeitszimmer ist erhalten geblieben - die Liege mit der zerschlissenen Decke, die Beatles-Platten, der Fernseher. Besichtigt werden kann es aber nur von April bis Oktober. Die Ehre kann man dem Dichter aber auch an seinem Grab auf dem Friedhof an der Ecke Aßmann-/ Peter-Hille-Straße erweisen.------------------------------Zwischen Stadtforst und MüggelseeHinter der Großstadt: 1753 auf Geheiß Friedrichs II. als Friedrichsgnaden gegründet, werden in dem Dorf Kolonisten aus Böhmen, Sachsen, Württemberg, Hessen angesiedelt. Mit der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn kommen ab 1849 zunehmend Sommerfrischler aus Berlin. 1880 wird Friedrichshagen Kurort, hat ab 1899 ein eigenes Rathaus, wird aber 1920 in Groß-Berlin eingemeindet.Friedrichshagener Dichterkreis: Die lose Vereinigung von Dichtern, die den Ideen des Naturalismus verbunden waren, traf sich seit 1888/89 zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille und später der Gebrüder Hart. Er zog zeitweise Geistesgrößen wie Gerhart Hauptmann, Fidus, Buno Wille, Edvard Munch, Erich Mühsam und August Strindberg nach Friedrichshagen und erlosch um 1926.Informationen: Mehr zur Geschichte des Ortes erfährt man u.a. im Antiquariat Brandel (Scharnweberstr. 59, Tel. 030/6411160). Dort findet man das Dichterkreis-Museum sowie die ZeitGalerie (beide Mi-Fr 12 - 18 Uhr, Sa 9-12, Eintritt frei). Informationen im Internet: www.friedrichshagen.de, www.friedrichshagener-dichterkreis.deDie Bölsche und mehr: Die Bölsche- straße führt vom S-Bahnhof zur Brauerei (Berliner Bürgerbräu). In den sanierten Bürger- und Kolonistenhäusern findet man zahlreiche Läden, Restaurants und Cafés sowie das 1923 eingeweihte Union-Kino. Auf dem Markt, gegenüber der Christophorus-Kirche, steht seit 2003 wieder ein Denkmal für Friedrich II. Wer am Ende der "Bölsche" links an der Brauerei vorbei zum Spreetunnel geht, erlebt einen tollen Ausblick auf Müggelsee und -berge.------------------------------Karte, Foto: Am Ende der Bölschestraße, die den Ort Friedrichshagen von Nord nach Süd durchschneidet, beginnt ein schöner Weg zum Ufer des Müggelsees. Von dort öffnet sich nach Osten ein herrlicher Blick über das Wasser. Der Weg mündet im Spreetunnel, der Spaziergänger zur waldreichen Seite des Müggelsees führt. Die Dichtertour beginnt am S-Bahnhof Friedrichshagen.------------------------------Foto: Katrin Brandel in ihrem Antiquariat weiß viel über Friedrichshagen.