BERLIN, 16. November. "Na endlich", sagt eine Abgeordnete im Lift des Reichstages, der sie am Donnerstagmorgen hochbringt zur Sondersitzung der SPD-Fraktion, "ist besser so". Die anderen nicken. Einer fragt: "Und, wer wird Nachfolger?" Keiner trauert.Am Abend zuvor hat sich die Affäre Klimmt entschieden. Der Minister besucht noch den "Verband der Importeure von Kraftfahrzeugen" in der Hamburgischen Landesvertretung. Er redet zur Verkehrspolitik und lässt sich nicht anmerken, dass es seine letzte Rede als Verkehrsminister ist. "Locker hat er gewirkt", schildert ein Teilnehmer. Anschließend gibt es ein Essen. Gänsebrust, Jacobsmuscheln. Um 21.15 Uhr verlässt Klimmt die Runde und fährt ins Kanzleramt. Dort treffen sich um 22 Uhr Gerhard Schröder, Klimmt, Fraktionschef Peter Struck und SPD-Generalsekretär Franz Müntefering. Sie zurren alles fest: Die Sondersitzung der Fraktion am nächsten Morgen, den Nachfolger Kurt Bodewig und die Sprachregelung für den Rücktritt: "Um Schaden von Partei und Regierung abzuwenden...". Klimmt legt Wert darauf, dass der Rücktritt nicht wie ein Eingeständnis wirken darf. Die SchlüsselszeneEin Ereignis hat den Ausschlag gegeben. Es ist die Szene aus der Bundespressekonferenz am Mittwochnach-mittag, als Klimmt entnervt von den bohrenden Fragen der Journalisten aufsteht und geht. Die Szene läuft an diesem Abend auf allen Kanälen im Fernsehen. Sie zeigt: Klimmt verliert die Nerven. Die SPD-Mitglieder des Untersuchungsausschusses melden sich unmittelbar nach dem Auftritt bei dem Minister. Sie sagen ihm, wie verheerend der Eindruck sei, den so etwas hinterlasse. Jetzt ist klar: Die Kritik, auch aus der eigenen Partei, hört nicht auf. Kurz danach, gegen 18 Uhr, kommt es zu einem Telefonat mit dem Bundeskanzler. Unklar bleibt, wer wen zuerst angerufen hat. Bekannt ist, dass Klimmt sagt: Es geht nicht mehr, ich will nicht mehr. Und Gerhard Schröder stimmt zu. Die SPD-Führung hat die Affäre bis zuletzt nicht ernst genommen. Nicht der Kanzler, nicht Müntefering, nicht Struck. Schon im Herbst 1999, als Klimmt berufen wurde, gab es Warnungen aus der Fraktion, erinnert sich der Abgeordnete Günter Graf. "Aber das wurde alles in den Wind geschlagen." Schröder wollte mit Klimmt nach dem Abgang Oskar Lafontaines einen Linken in das Kabinett einbinden und einen Querulanten ruhig stellen. Er empfand das als Coup. Die so genannte sozialdemokratische Solidarität hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass die Affäre so hoch kochen konnte und so dramatisch endete. Man kann es auch Betriebsblindheit nennen. Oder Arroganz der Macht. Von Anfang an glaubte die Führung, die Sache aussitzen zu können. Frühzeitig legte sich Müntefering fest: Klimmts Vergehen habe nichts mit seinem Amt als Minister zu tun, sondern nur mit seinem Engagement für den Fußball. Es sei quasi privat. Frühzeitig war die Richtung klar: Wenn es nur einen Strafbefehl gibt, dann stehen wir das durch. Das sei doch keine richtige Vorstrafe. Alles weitere, hieß es in der Parteizentrale, müsse man abwarten. "Ob Klimmt zu halten ist, das entscheiden nicht wir. Das entscheidet ihr", wurden Journalisten belehrt. Der Ball wurde so ins Feld der Öffentlichkeit gespielt.Gerhard Schröder hat noch keinen entlassen. Nicht in Hannover, wo erst jetzt Ministerpräsident Siegmar Gabriel ein Kabinett umbildet, dessen Mitglieder zum Teil seit Schröders Amtsantritt vor zehn Jahren agieren. Nicht in Bonn und Berlin. Wenn einer ging, dann umständehalber oder freiwillig wie Bodo Hombach oder Oskar Lafontaine. Schröder wirkt hart, aber nicht bei Personalentscheidungen. Das Wort Parteifreund gilt ihm etwas. Allenfalls lässt er die Dinge laufen, bis einer von sich aus geht. "Gleiche Maßstäbe" Im Fall Klimmt fürchtete Schröder eine größere Personaldebatte. Was ist mit Walter Riester, was mit Andrea Fischer, würde gefragt werden. Und das mitten in der Rentendiskussion. Nie war der richtige Zeitpunkt. Bis der Zeitpunkt verpasst war. Während der Kanzler sich raushielt, hatte der Fraktionschef mit der Affäre irgendwie umzugehen. Struck ist am Ende auch der Einzige aus der Spitze, der einräumt, die Reaktionen auf einen Strafbefehl falsch eingeschätzt zu haben. In der Fraktion gärt es bereits am Dienstag. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses zur Parteispendenaffäre wagen sich dort zum ersten Mal mit Kritik vor, Volker Neumann, der Vorsitzende, sogar öffentlich. Er fordert "gleiche Maßstäbe" bei Kohl und bei Klimmt ein. Juristisch bewanderte Abgeordnete melden sich zu Wort. Einer schildert, dass ein Autofahrer, der nachts einen anderen Wagen zerbeult und flüchtet, "also schon eine schlimme Straftat" begehe, mit 30 Tagessätzen davonkomme. Klimmt hat 90 erhalten. Der Unmut wächst. Die Tatsache, dass Klimmt sich für unschuldig erklärt, aber den Strafbefehl angenommen hat, empört fast alle in der SPD-Fraktion. Dabei ist Klimmt damit genau der Strategie der Parteispitze und seiner Anwälte gefolgt. Die Berliner Abgeordnete Ingrid Holzhüter berichtet von einem Treffen mit Laubenpiepern. "Die sagen: Früher bei Willy Brandt hat es mehr politischen Anstand gegeben." Klimmt beklagt sich später über die Kritik aus den eigenen Reihen. Er habe einen "unterschiedlichen Grad an Solidarität verspürt", sagt er bitterSchröder muss angesichts der Stimmung in der Fraktion am Dienstag ad hoc reagieren. Struck übernimmt die Aufgabe. Er drängt Klimmt am Rande der Sitzung, nun doch Einspruch gegen den Strafbefehl zu erheben. Noch immer hat sich keiner aus der Führung getraut, Klimmt die harte Wahrheit mitzuteilen: dass er am Ende ist.Einen Prozess wollte Klimmt eigentlich vermeiden. Auch wegen des Risikos. Denn bei einem Urteil kann die Geldstrafe weit höher ausfallen als die 27 000 Mark, die er jetzt zahlen muss. Aber Klimmt willigt wohl oder übel ein. Struck sagt, er glaube ehrlich, dass, wer unschuldig ist, auch kämpfen soll. Deshalb habe er Klimmt zur Klage geraten. Und er bleibe dabei: "Reinhard Klimmt ist ein anständiger Mann." Der böse Effekt der guten Tat ist jedoch, dass Klimmt nun den Medien zum Fraß vorgeworfen ist. Die Spitze schaut nur noch zu: Wie lange hält er durch. Wochen, Tage? Am Ende sind es nicht einmal 24 Stunden."Diese zwei Tage hätten wir uns schenken können", sagt der Abgeordnete Günter Graf Donnerstagfrüh sauer, als die Mitteilung in der Fraktion gemacht ist. Missmanagement ist das Wort der Stunde unter den Abgeordneten. Bundeskanzler Schröder versucht sich, als er die Sitzung verlässt, an den Kamerateams vorbeizudrücken. Nur ein paar dürre Worte, "Respekt", "Dank", presst er heraus. Dann wendet er sich ab und will gehen. Aber der Lift kommt nicht. Minutenlang wartet er schweigend und mit gesenktem Kopf im Medienpulk bis die Tür sich endlich öffnet."Wir mussten Reinhard Klimmt Zeit lassen, das Ende einer erfolgreichen politischen Karriere selber zu verarbeiten, dafür hat er diese Zeit gebraucht. " Gerhard Schröder "Links ist soziale Verantwortung nicht nur für die heutige Generation. " Kurt Bodewig, neuer Bundesverkehrsminister.