BERLIN, 9. September. Sechsmal im Monat dauert Astrid Königs Arbeitstag 24,5 Stunden, von 7 Uhr morgens bis 7. 30 Uhr des folgenden Tages, sie hat zunächst bis 15. 30 Tagesschicht, dann schließt sich der Bereitschaftsdienst an. In der Nacht findet sie selten Ruhe. "Ich kann in diesen Nächten vielleicht zweimal pro Jahr durchschlafen", sagt die 34-Jährige. Die HNO-Ärztin arbeitet seit acht Jahren in Krankenhäusern. Zunächst war sie in Darmstadt, wo sie manchmal 30 Stunden unentwegt Dienst tat, dann in Schwerin und seit 1999 in einer Berliner Klinik. Hier ist sie während ihres Bereitschaftsdienstes die einzige Ärztin für 40 stationäre Patienten und zudem für alle Notfälle zuständig."Mit den Patienten auf der Station habe ich meistens bis gegen 19 Uhr zu tun. Nachdem die Arztpraxen geschlossen haben, kommt dann die erste Welle in die Rettungsstelle. " Nachts muss sie zwar meistens nicht mehr als drei oder vier Notfälle behandeln, doch wenn diese im Abstand von ein bis zwei Stunden im Krankenhaus eintreffen, ist an Schlaf nicht zu denken.Außerdem sind mit den ärztlichen Tätigkeiten die Pflichten eines Arztes im Bereitschaftsdient nicht erfüllt. Auch nachts müssen Befunde und Abrechnungen für die Krankenkassen geschrieben werden. "Ich bin dann irgendwann so erschöpft, dass ich immer langsamer werde und schon mal ein bis anderthalb Stunden brauche, bis ich eine Wunde vernäht habe", sagt Astrid König. Wiederholt hätten sich Patienten über sie beschwert, weil sie nur einsilbig auf ihre Fragen reagiert habe. "Der Patient erwartet einen aufnahmefähigen und zuwendungsbereiten Arzt. Den gibt es um diese Zeit nicht mehr. " Ermüdung führt zu Fehlern.Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, sagt: "Wenn ein Arzt 24 Stunden arbeitet, hat er ein Reaktionsvermögen wie mit einem Promille Alkohol im Blut. " Auf Dauer würden solche "inhumanen Arbeitszeiten" zu chronischer Müdigkeit führen. "Nachlässigkeitsfehler häufen sich und irgendwann erhält dann ein Patient die falsche Blutkonserve". Diese Fehler ließen sich jedoch selten zweifelsfrei feststellen. "Es ist schwer zu sagen, ob eine Krankheit einen von Natur aus schicksalhaften Verlauf nimmt, oder ob die Behandlung unzureichend war. " In dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes sieht der Ärztekammerchef eine große Chance, die Krankenhäuser zu reformieren. "Dort gelten immer noch anachronistische Organisationsstrukturen", sagt er. In einem weniger statischen System sei es zum Beispiel denkbar, dass vormittags, wenn am meisten Arbeit anfalle, besonders viele Ärzte im Einsatz wären und nachmittags entsprechend weniger Personal anwesend sein müsse. So ein Modell soll jetzt im Berliner Vivantes-Klinikum in Friedrichshain erprobt werden und falls es sich bewährt hat, in allen der neun Berliner Vivantes-Häuser eingeführt werden. Auch in anderen Berliner Krankenhäusern werden neue Arbeitszeitmodelle getestet. Im St. - Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte sind die Dienstpläne bereits verändert worden. Die Ärzte dürfen dort nicht mehr länger als 12,5 Stunden arbeiten und müssen danach mindestens elf Stunden frei haben.Neueinstellungen unumgänglich.Der zusätzliche Bedarf an Personal kann mit diesen Regelungen allein jedoch nicht kompensiert werden. Den Krankenhäusern wird nichts Anderes übrig bleiben, als neue Ärzte einzustellen. Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Manfred Dietel schätzt, dass in dem Universitätsklinikum 250 weitere Stellen besetzt werden müssen. "Es wird ein paar Jahre dauern, bis uns das gelingt. Denn gerade bei den Fachärzten zeichnet sich schon jetzt ein Mangel ab. " Junge Mediziner arbeiten nach Auskunft des Ärztekammerpräsidenten Jonitz zunehmend in fachfremden Berufen - oder wechseln ins Ausland, weil dort die Arbeitsbedingungen wesentlich besser seien.Astrid König wird ihrem Beispiel folgen. Sie hat ihre Stelle in Berlin gekündigt und zieht Ende Oktober nach Amsterdam. Durch das Gerichtsurteil würde sich in Deutschland zudem ihr Einkommen verschlechtern. Denn so belastend die Bereitschaftsdienste auch sind, sie sind finanziell interessant. "Ich verdiene netto 3 000 Euro im Monat. Davon bekomme ich 1 000 Euro für Bereitschaftsdienste. " Für Krankenhäuser und Krankenkassen wird das EuGH-Urteil mittel- und langfristig keine schwerwiegenden finanziellen Folgen haben, zeigt sich Gert Wagner, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Mitglied der Rürup-Kommission, überzeugt. Krankenhäuser und Krankenkassen müssten in der Lage sein, die entstehenden Kosten aufzufangen, sagte er der Berliner Zeitung. "Man kann Effizienzpotenziale heben, so dass es nicht zu finanziellen Verwerfungen kommen muss. " Wenn man das Konzept von Wettbewerb ernst nehmen würde, dürfte es auch nicht zwangsläufig zu höheren Krankenkassen-Beiträgen kommen. Wagner betonte zugleich, jeder wisse, dass es unvernünftig gewesen sei, Ärzte so lange arbeiten zu lassen bis sie übermüdet Fehler machen. "Das Gesundheitswesen darf nicht zuerst an der Frage der Kosten ausgerichtet werden, sondern an der Qualität der medizinischen Versorgung", so Wagner.Zwölf Stunden für die Patienten im Einsatz // Der Marburger Bund, eine Organisation der Klinikärzte in Deutschland, hat hat ein Arbeitsmodell entwickelt, das eine durchgängige Versorgung der Patienten und humane Dienstzeiten für Ärzte bietet. Gleichzeitig wird das europäische Recht nicht verletzt.Die tägliche Arbeitszeit für die Ärzte wird in dem Modell in Abschnitte à zwölf Stunden eingeteilt. Eine Arbeitseinheit, genannt Vollarbeit (bislang waren dies acht Stunden) beträgt demnach zwölf Stunden. Sie kann von zwei Ärzten in der Zeit von 8. 30 Uhr bis 16. 30 Uhr und von 12. 30 bis 21. 00 Uhr geleistet werden. Um 20. 30 beginnt ein dritter Arzt seinen Bereitschaftsdienst, der bis um 8. 30 am nächsten Morgen dauert.Durch das Überlappen der Dienstzeiten soll eine bessere Betreuung der Patienten garantiert werden. Wer Bereitschaftsdienst hat, darf weder vorher noch nachher zur normalen Arbeitszeit herangezogen werden.An Wochenenden leistet ein Arzt Bereitschaftsdienst zwischen 8 und 21 Uhr, ein zweiter Kollege arbeitet von 20. 30 bis 8. 30 Uhr.Die maximale Wochenarbeitszeit eines Arztes beträgt in diesem Modell 48 Stunden.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER 24 Stunden Anwesenheitspflicht in der Klinik, eine 80-Stunden-Woche - solche Arbeitszeiten von Klinikärzten gehören jetzt der Vergangenheit an.