BERLIN, 16. November. Nach tagelangem Ringen in der rot-grünen Koalition hat der Bundestag am Freitag Kanzler Gerhard Schröder (SPD) das Vertrauen ausgesprochen und den Weg für einen Einsatz der Bundeswehr im Afghanistan-Krieg frei gemacht. Die beiden von Schröder verknüpften Anträge erhielten 336 Stimmen und damit nur zwei mehr als die erforderliche "Kanzlermehrheit". Der Fortbestand des rot-grünen Bündnisses ist damit vorerst gesichert. Schröder zeigte sich "sehr zufrieden" mit dem Votum. Die Opposition prognostizierte ein baldiges Ende der Koalition.Die Grünen hatten sich erst unmittelbar vor der Plenarsitzung auf ihr Abstimmungsverhalten festgelegt. Vier der ursprünglich acht Gegner des Bundeswehreinsatzes schwenkten um und entschieden sich für ein positives Votum. Die 293 SPD-Abgeordneten unterstützten den Kanzler geschlossen. Die einzige verbliebene Abweichlerin, Christa Lörcher, war am Vortag aus der Fraktion ausgetreten. 16 SPD-Abgeordnete erklärten jedoch ausdrücklich, dass sie trotz ihres Ja-Votums in der Vertrauensabstimmung den Bundeswehreinsatz für falsch halten. In der kommenden Woche wollen sich die Parteitage von SPD und Grünen mit dem Votum befassen. Vor allem bei den Grünen wird eine kontroverse Debatte erwartet. Schröder sagte, der Bundestag habe die Regierung "glasklar" ermächtigt, die von den Amerikanern gewünschte militärische Hilfe bereitzustellen. Diese Entscheidung sei unanfechtbar, "das gilt ausdrücklich auch für Parteitage". Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sprach von einer sehr wichtigen Entscheidung des Bundestags. Dass bei den Grünen unterschiedliche Meinungen diskutiert würden, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.In der Bundestagsdebatte hatte die Opposition die Vertrauensfrage als Zeichen für einen bevorstehenden Bruch der rot-grünen Koalition interpretiert. "Der heutige Tag ist der Anfang vom Ende der Regierung Gerhard Schröder", sagte Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU). CSU-Landesgruppenchef Michael Glos bezeichnete die Verknüpfung von Sachentscheidung und Vertrauensfrage als Erpressung und sprach von einem "verlogenen Ergebnis". Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle nannte die Abstimmung den "Abgesang einer sterbenden Koalition" und forderte eine Neuwahl. PDS-Fraktionschef Roland Claus sprach von "Irreführung der Öffentlichkeit und Nötigung des Parlaments".Schröder verteidigte die Verknüpfung von Vertrauens- und Sachfrage damit, dass es um die Verlässlichkeit deutscher Politik gehe. Für eine Entscheidung von solcher Tragweite sei es unabdingbar, dass sich Kanzler und Regierung auf eine Mehrheit der eigenen Koalition stützen könnten.Der Beschluss ermöglicht den Einsatz von 3 900 deutschen Soldaten aller Waffengattungen zur Unterstützung der USA im Kampf gegen den Terror. Schröder erklärte in der ARD-Sendung "Brennpunkt", die ersten Einheiten würden nicht vor Dezember im Einsatz sein.MEHR ZUM THEMA // Die Zukunft von Rot-Grün ist weiter unsicher Seite 2 Unmut in der SPD-Fraktion Seite 2 Kämpferisch - die Debatte im Bundestag Seite 3 Stoiber ante portas Seite 3 Leitartikel Seite 4 Wo die Bundeswehr-Truppen eingesetzt werden Seite 5 Ost-Ost-Streit im Parlament Seite 6 Kritik aus den Kirchen Seite 6 Vertrauensantwort - über die Kultur des Zweifels Seite 11.AP/JOCKEL FINCK Gespannte Erwartung: Kanzler Schröder und Außenminister Fischer kurz vor Verkündung des Ergebnisses.