Die Forderungen nach personellen Konsequenzen der S-Bahn-Krise werden immer lauter. Gestern bekräftigte die rot-rote Koalition, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Hermann Graf von der Schulenburg und der frühere Chef-Rationalisierer Ulrich Thon entlassen werden müssten. "Es ist ein Unding, dass Menschen, die überzogene Sparvorgaben exekutiert und bei der S-Bahn eine Atmosphäre der Angst geschaffen haben, weiterhin Verantwortung tragen", sagte der SPD-Verkehrspolitiker Christian Gaebler. "Wie will die Bahn das Vertrauen zurückgewinnen, ohne Personalien zu bereinigen?", fragte Jutta Matuschek von der Linken. Unterdessen bestätigte ein Bahnsprecher, dass die am 2. Juli auf Druck von oben zurückgetretene S-Bahn-Geschäftsführung "weiterhin beurlaubt" sei. Dem Vernehmen nach werden den vier Ex-Chefs ihre sechsstelligen Jahresgehälter weiter gezahlt. Auch ihre Arbeitsverträge mit der Deutschen Bahn (DB) haben sie offenbar nicht verloren.Thomas Prechtl, der geschasste Finanzchef, hat nun mehr Zeit, mit seiner Familie im Wald von Frohnau spazieren zu gehen - wie erst kürzlich. Tobias Heinemann war offenbar zu Hause, als ihn gestern der Anruf der Berliner Zeitung erreichte. Im Hintergrund war das jüngste seiner drei Kinder zu hören. Besonders mitteilsam war der 38-Jährige aber nicht: "Ich möchte zu dem Thema S-Bahn nichts sagen."Auch Ulrich Thon war kurz angebunden. "Ich rufe zurück", sagte der 53-Jährige, der einen Monat vor der Zuspitzung der S-Bahn-Krise seinen Job als Geschäftsführer Produktion aufgegeben hatte, um nach Frankfurt in die Zentrale von DB Regio zu wechseln - auf einen Chefposten, der ihm ebenfalls eine sechsstellige Summe pro Jahr einbringen dürfte. Doch Thon, der bei der S-Bahn Wartungsintervalle verkürzen, Fachleute vergraulen sowie Werkstätten schließen ließ, meldete sich nicht.Die rot-rote Koalition ist sich einig: Einsparungen in den Werkstätten haben der S-Bahn die Probleme beschert, unter denen Berlin seit vielen Monaten leidet. Wenn sie aus dem Debakel herauskommen will, müsse geklärt werden, wer dafür verantwortlich sei, sagte Matuschek. "Dabei muss man differenzieren, wer wie viel Verantwortung auf sich geladen hat."Thons Nachfolger Peter Büsing ist aus ihrer Sicht ein "tragischer Fall": Er war wenige Wochen Technik-Chef, bevor er den Posten verlor. Tobias Heinemann habe dagegen seit Mai 2007 Verantwortung getragen - er war als Sprecher der Geschäftsführung dafür verantwortlich, die Sparvorgaben umzusetzen. Ein S-Bahner sagte, dass dank Thomas Prechtls Ausgabenstopps in die Datenverarbeitung der Werkstätten kaum investiert wurde - so kam es zu der "Zettelwirtschaft", die Versäumnisse bei der Wartung der Bremszylinder verschleierte.SPD warnt Bahn-Manager HomburgAuch Betriebsratschef Heiner Wegner sieht die Hauptverantwortlichen jedoch weiter oben. "Ulrich Thon hat das Desaster verschuldet - mit Billigung und Förderung von Hermann Graf von der Schulenburg", sagte er. "Der Aufsichtsratsvorsitzende hat als Statthalter des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn den radikalen Sparkurs exekutiert", pflichtete Gaebler bei. Es fallen aber noch zwei andere Namen. Auf Andreas P. Meyer, 2004 bis 2006 von der Schulenburgs Vorgänger als Chef von DB Stadtverkehr, gingen die Anfänge des Sparkurses zurück, so Matuschek. Und ein S-Bahn-Insider sagte: Karl-Friedrich Rausch, der inzwischen bei der DB das Vorstandsressort Transport und Logistik leitet, habe als damaliger Aufsichtsratschef Thon 2005 inthronisiert.Für Wegner sind die am 2. Juli zurückgetretenen S-Bahn-Chefs "Bauernopfer". "Die personelle Erneuerung ist ausgeblieben", kritisierte er. Doch der DB-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg belässt Thon und von der Schulenburg auf ihren Posten. Aufgrund von vagen Anschuldigungen werde er nicht tätig, sagte er. Im Übrigen sei Thon gar nicht bei der S-Bahn gewesen, als es 2004 die ersten Versäumnisse bei der Wartung der Bremszylinder gab. Doch da irrt er, sagte ein S-Bahner: "Herr Thon war bereits ab Mitte 2004 bei uns und wurde wenige Monate später Leiter des Projekts ,Optimierung S-Bahnen'." Gaebler: "Herr Homburg sollte aufpassen, dass er sich nicht in einer Situation wiederfindet, in der er kein glaubwürdiger Gesprächspartner mehr ist."------------------------------Auf der Stadtbahn sollen zuerst wieder Züge rollenKeine Besserung gibt es bislang bei der S-Bahn. Seit dem Beginn der jüngsten Krise am 8. September hat sich die Zahl der eingesetzten Züge nicht erhöht. Weiterhin darf nur ein Viertel der Fahr- zeugflotte Fahrgäste befördern - etwas mehr als 160 Zwei-Wagen-Einheiten (Viertelzüge) fahren.In den Werkstätten stauen sich die Züge, an denen aus Sicherheitsgründen Prüf- und Wartungsarbeiten erforderlich sind. Dazu zählen nicht nur Fahrzeuge der jüngsten Baureihe 481, die bislang im Mittelpunkt stand. Auch mehr als 60 Viertelzüge der älteren Baureihen 480 und 485 mussten in die Werkstatt.Die Bremszylinder sind nach Informationen der Berliner Zeitung auch an Wagen dieser S-Bahn-Typen nicht richtig gewartet worden. Bei der Baureihe 480 müssen außerdem die brandanfälligen Heizungsanlagen untersucht werden. Dort war offenbar ebenfalls an der Wartung gespart worden.Mit überschrittenen Prüffristen darf kein S-Bahn-Wagen mehr in den Einsatz - das hat Maik Dreser festgelegt, der Anfang Juli für die Übergangszeit eingesetzte Geschäftsführer Produktion. Wer Nachfolger des Interims-Technikchefs wird, soll demnächst auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung entschieden werden.Auf der Stadtbahn zwischen Alexanderplatz und Westkreuz sollen so bald wie möglich wieder Bahnen fahren, heißt es intern - vielleicht schon ab 28. September. Doch noch immer ist unklar, wann der Betrieb wieder hochgefahren werden kann. Sechs Strecken sind derzeit außer Betrieb.------------------------------PERSONALFoto: Ulrich Thon (53), von Juli 2005 bis Juni 2009 Geschäftsführer Produktion, fuhr in den Werkstätten einen harten Sparkurs. Heute trägt er bei DB Regio für alle Nahverkehrszug-Bauarten die Verantwortung - auch für Berlins S-Bahn.Foto: Tobias Heinemann (38) löste 2007 den schon lange isolierten Fachmann Günter Ruppert als Sprecher der S-Bahn-Geschäftsführung ab. Der promovierte Jurist wurde am 2. Juli mit der übrigen Führungsriege der S-Bahn beurlaubt.Foto: Peter Büsing (40) wurde zum Opfer der S-Bahn-Krise, ohne sie verschuldet zu haben. Im Juni war er von DB Regio aus Hannover gekommen, um Technik-Chef Thon abzulösen. Am 2. Juli war er den Chefposten wieder los.Foto: Hermann Graf von der Schulenburg (47) ist seit 2006 Chef der DB Stadtverkehr - und als Vorsitzender des S-Bahn-Aufsichtsrats sein eigener Kontrolleur. Er drückte Gewinnvorgaben durch und drohte Kritikern mit Kündigung.Foto: Olaf Hagenauer (48) war von Januar 2007 an Geschäftsführer Personal - bis 2. Juli 2009. Er habe Erfahrungen mit Umstrukturierungen und Optimierungen, lobte die DB. Ende 2006 gab es 3 546 Vollzeitstellen, zwei Jahre später 2 786.Foto: Thomas Prechtl (49), 2006 bis 2. Juli 2009 Geschäftsführer Finanzen, beaufsichtigte die Geldströme von der S-Bahn zur DB. Überwiesen wurden nicht nur Gewinne, auch Konzernumlagen, Energie-, Stations-, Trassengebühren.