Berlin - Am Anfang der großen Koalition steht das große Knuddeln. Zumindest, wenn man CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt glaubt. Er sagt. „Wir haben uns als erstes alle mal umarmt. Das war sehr hilfreich.“ Sigmar Gabriel, Angela Merkel, Horst Seehofer und 70 andere CDU-, CSU- und SPD-Politiker, die sich in der CDU-Zentrale um den Hals fallen, sind ein schönes Bild.

Ganz so war es nicht, es war ein eher verbales Umarmen in den ersten 90 Minuten der Koalitionsverhandlungen.  Aber das ganz ausführlich: Freundliche Merkelworte, Seehofer überläßt Gabriel den Vortritt beim Reden. Es reicht, dass hinterher  alle schwärmen. „So viel Anfang war selten“, sagt ein Unions-Mann.  SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, bislang einer der bissigsten gegenüber der Union, bekennt:. „Es hat nicht wehgetan.“

Ein wenig mulmig war den Sozialdemokraten wohl  schon gewesen, als sie sich um kurz vor zwölf Uhr mittags nach den langen Wochen des Wahlkampfs erstmals der Zentrale ihres bisherigen Gegners näherten. „Es gibt eine gewisse Grundanspannung“, gestand Generalsekretärin Andrea.

Der hessische Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel ließ seine Limousine vorsichtshalber und erstaunlich zielsicher gleich in die Tiefgarage steuern. Parteichef Sigmar Gabriel hatte mit dem Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, einen schwergewichtigen Begleiter an der Seite. So musste er sich nicht alleine durch das Kameraspalier quälen. Seine Gefühle? „Ist ja nicht das erste Mal“, spielte Gabriel, der schon bei den Verhandlungen zur großen Koalition 2005 dabei war, die ungewöhnliche Situation herunter.

Niemand schaut auf den anderen herab

Drinnen sitzen die 75 um einen großen rechteckigen Tisch im Erdgeschoss, im größten Raum des Hauses. Es gibt Obstspieße, Kekse und Kaffee.  Oppermann hat vorher gelästert, es handele sich um eine „Mischung von Wiener Kongress und Bundesversammlung“. Es reden nur die Spitzenleute, nicht alle 75. Und auch wenn vor der Tür Sozialdemokraten über Steuererhöhungen reden und die Pkw-Maut: Es geht nicht um Inhalte an diesem Tag, es geht um den Verhandlungs-Fahrplan und um die Atmosphäre.

Gabriel betont, seine Partei strebe eine stabile Regierung für die vollen vier Jahre der Legislaturperiode an. Das ist der Union wichtig, denn es hatte Spekulationen gegeben, Gabriel könne das Bündnis aus taktischen Gründen vorzeitig platzen lasen. Auf den Hinweis Gabriels, man wolle auf Augenhöhe miteinander reden, erwidert Merkel, das sei selbstverständlich.

Sie kenne das von der CSU. Auch da gebe es einen Größenunterschied und trotzdem schaue niemand auf den anderen herab. Diese Zusicherung ist für das angeknackste Selbstbewusstsein der Genossen sehr wichtig. Selbst die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die noch vor kurzem starke Vorbehalte gegen eine große Koalition angemeldet hatte, spricht nachher von einer guten Atmosphäre. 

90 Minuten dauert der Austausch von Freundlichkeiten. Dann treten die drei Generalsekretäre vor die Mikrophone. Hermann Gröhe  (CDU) und Alexander Dobrindt (CSU) nehmen Andrea Nahles von der SPD in die  Mitte. Die CDU hat eine neutrale blaue Wand aufgestellt statt der üblichen mit Parteilogo. Nahles bedankt sich beim „lieben Hermann“ für die Gastfreundschaft und fügt  erst nach kurzem Zögern  den Nachnamen an. „Wir packen es gemeinsam an“, sagt sie.

Eine ganz besondere Gemeinsamkeit ist bereits gefunden: CDU und SPD stellen fest, dass sie ihr Essen beim selben Caterer bestellen.