Der neue Bundestag ist gewählt, immerhin, auch wenn der Wahlausgang den Parteien noch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Ein neues Parlament ist vergleichsweise schnell gewählt, Regierungsbildungen können mitunter etwas länger dauern. Und große Koalitionen erfordern in der Regel noch einiges mehr an Geduld.

Dreißig Tage, nicht mehr dürfen nach der Bundestagswahl vergehen, bis das neu gewählte Parlament zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten muss. So sieht es das Grundgesetz vor. Und so will es auch der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert. Er schlug den Fraktionen am Montag den 22. Oktober als ersten Sitzungstag vor, also den letztmöglichen Termin für die konstituierende Sitzung. Dann müssen auch der neue Bundestagspräsident und sein Stellvertreter gewählt sein. Ein Termin für die Kanzlerinnenwahl steht dagegen noch aus, und es kann dauern, bis er gefunden ist.

In der Regel beginnen Verhandlungen über eine Koalitions- und Regierungsbildung unmittelbar nach der Bundestagswahl und vor der Wahl eines neuen Bundeskanzlers. Dafür haben die beteiligten Parteien dann allerdings alle Zeit der Welt. Das Grundgesetz sieht keine Frist für die Bildung einer neuen Regierung vor.

65 Tage dauerte es 2005

Bleiben im konkreten Fall die Sondierungsgespräche der Union mit SPD und Grünen bis zum 22. Oktober ohne Resultat und Angela Merkel damit ohne die erforderliche Kanzlermehrheit von 50 Prozent plus einer Stimme, bleibt die alte Bundesregierung geschäftsführend im Amt, bis eine erforderliche Mehrheit organisiert ist.

Und das kann noch dauern. Die SPD will, bevor sie auf das Gesprächsangebot der Union eingeht, zunächst ihren Parteikonvent am Freitag abwarten. Zudem wird der Parteivorstand der SPD noch einmal über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen beraten. Der zweite mögliche Koalitionspartner der Union, die Grünen, ist, wie es aussieht, noch eine Weile mit sich selbst beschäftigt.

Einen Erfahrungswert, der angibt, wie lange es bei unklaren Mehrheitsverhältnissen im Bundestag dauern kann, bis ein Kanzler oder eine Kanzlerin gewählt ist, liefert die Bundestagswahl 2005. Damals nahm das Zustandekommen der großen Koalition von Union und SPD 65 Tage in Anspruch. Wegen der langwierigen Koalitionsverhandlungen konnte Angela Merkel erst über einen Monat nach der konstituierenden Sitzung des Bundestages mit der erforderlichen Mehrheit ins Amt gewählt werden. Grund dafür war der vergleichsweise knappe Wahlausgang. Weder die damalige rot-grüne Regierungskoalition noch Union und FDP kamen auf die erforderliche Kanzlermehrheit von damals 308 Stimmen.

Zu Beginn ihrer Gespräche 2005 waren sich Union und SPD nicht einmal einig, wem der Auftrag zur Regierungsbildung zukam und wer am Ende den Kanzler stellen sollte. Gemessen an diesen Kalamitäten sollte die Regierungsbildung den Beteiligten diesmal leichter fallen.