BERLIN, 24. Oktober. Die Sozialpolitiker von Union und SPD erwägen, die kostenlose Mitversicherung von Familienangehörigen in der gesetzlichen Krankenversicherung einzuschränken. Nach Informationen der Berliner Zeitung stellen die Experten die Mitversicherung von Ehepartnern in Frage, nicht aber die beitragsfreie Mitgliedschaft der Kinder. Konkret geht es um die Einführung eines so genannten "negativen Ehegattensplittings", mit der ein Gerechtigkeitsproblem im bisherigen System der gesetzlichen Krankenversicherung behoben und zusätzliches Geld eingenommen werden soll. Betroffen davon wären ausschließlich Einverdiener-Haushalte mit hohem Einkommen.Beitragssenkung möglichDerzeit sind in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht-berufstätige Ehepartner beitragsfrei beim berufstätigen Partner mitversichert. Dieser muss Beiträge bis zur so genannten Beitragsbemessungsgrenze von gegenwärtig 3 525 Euro zahlen. Das Gehalt oberhalb dieser Grenze bleibt unberücksichtigt. Bei einem Einkommen von zum Beispiel 7 050 Euro beträgt der maximale Beitrag in einer derartigen Familie also 493,50 Euro (bei 14,0 Prozent Beitragssatz, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil).Anders sieht es bei einem Doppelverdiener-Haushalt mit durchschnittlichen Einkommen aus. Liegen beide Gehälter zum Beispiel bei 3 525 Euro, müsste diese Familie für die Krankenversicherung 987 Euro aufwenden. Das heißt, bei einem gleichen Haushaltseinkommen werden Zweiverdiener-Ehepaare gegenüber dem Einverdiener-Ehepaar deutlich benachteiligt. In dem Beispiel ist die Belastung doppelt so hoch.Das Problem könnte durch ein negatives Ehegattensplitting gelöst werden. Dabei wird das Einkommen der Eheleute rein rechnerisch auf beide Partner verteilt. Anschließend werden beide Einkommenshälften bis zur Beitragsbemessungsgrenze mit Beiträgen belegt. Die Methodik folgt dem Ehegattensplitting bei der Steuer: Auch hier wird das Einkommen rechnerisch auf beide Ehepartner verteilt. Hier führt das Splitting zu einer geringeren Steuerbelastung. Das negative Splitting sorgt dagegen für eine höhere Belastung mit Versicherungsbeiträgen.Nach einer Studie des IGES-Instituts, das im vergangenen Jahr für die Grünen erstellt worden war, würde eine derartige Einschränkung der Familienmitversicherung zu Mehreinnahmen von fünf Milliarden Euro führen. Damit könnte der Beitragssatz um rund 0,5 Prozentpunkte abgesenkt werden. Würde man das negative Splitting nur auf kinderlose Ehepartner anwenden, dann könnte der Beitragssatz den Wissenschaftlern zufolge noch um 0,2 Punkte reduziert werden.Offen ist, ob dieses Modell in den Koalitionsverhandlungen tatsächlich eine Mehrheit finden kann. Die Verhandlungspartner stehen jedoch unter Druck, den wieder erwarteten Anstieg der Kassenbeiträge zu verhindern oder wenigstens zu dämpfen.------------------------------Wer sitzt am Verhandlungstisch?Mit je 16 Mitgliedern sitzen sich Union und SPD in den großen Runden der Koalitionsverhandlungen gegenüber. Außerdem hat jede Seite je eine Steuerungsgruppe zur Koordinierung der Verhandlungen.Die Unions-Delegation steht unter Führung der Parteivorsitzenden Angela Merkel (CDU) und Edmund Stoiber (CSU). Für die CDU nehmen die Ministerpräsidenten Christian Wulff (Niedersachsen), Roland Koch (Hessen), Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen), Peter Müller (Saarland) und Dieter Althaus (Thüringen) teil. Für die CSU verhandeln neben Stoiber Landesgruppenchef Michael Glos, Generalsekretär Markus Söder und Parteivize Horst Seehofer.Der Steuerungsgruppe der Union gehören CDU- Generalsekretär Volker Kauder und der bayerische Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU) an.Die SPD-Delegation führt Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering. Weitere Teilnehmer sind Bundeskanzler Gerhard Schröder, der nominierte Fraktionschef Peter Struck und die künftigen Minister Peer Steinbrück (Finanzen), Wolfgang Tiefensee (Verkehr), Frank Walter Steinmeier (Außen), Sigmar Gabriel (Umwelt). Zudem sitzen die Ministerinnen Brigitte Zypries (Justiz), Ulla Schmidt (Gesundheit), Heidemarie Wieczorek-Zeul (Entwicklung) und die scheidenden Ministerinnen Edelgard Bulmahn (Bildung) und Renate Schmidt (Familie) am Verhandlungstisch. Hinzu kommt im Wechsel ein SPD-Ministerpräsident. Weitere Teilnehmer sind Fraktionsvize Ludwig Stiegler, Präsidiumsmitglied Andrea Nahles und Wolfgang Thierse.Der Steuerungsgruppe der SPD gehören der Parlamentarische Geschäftsführer Olaf Scholz und Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel an.Ressorthemen werden in Arbeitsgruppen verhandelt.Union und SPD haben je einen Verhandlungsführer ernannt: Franz Müntefering, Ronald Pofalla (Arbeit), Ulla Schmidt, Wolfgang Zöller (Gesundheit), Peer Steinbrück, Roland Koch (Finanzen), Renate Schmidt, Ursula von der Leyen (Familie), Edelgard Bulmahn, Annette Schavan (Bildung), Brigitte Zypries, Wolfgang Schäuble (Inneres), Zypries, Wolfgang Bosbach (Justiz), Müntefering, Edmund Stoiber (Agrar), Zypries, Horst Seehofer (Verbraucher), Wolfgang Tiefensee, Dirk Fischer (Verkehr), Tiefensee, Wolfgang Böhmer (A ufbau Ost), Frank Walter Steinmeier, Michael Glos, Heidemarie Wieczorek-Zeul (Außen/Entwicklung), Peter Struck, Franz Josef Jung (Verteidigung), Ludwig Stiegler, Stoiber (Wirtschaft), Wolfgang Thierse, Norbert Lammert (Kultur).------------------------------Foto: Gleich dreifach verantwortlich: Brigitte Zypries.------------------------------Foto: Vor der zweiten Runde der Koalitionsgespräche: Gastgeberin Angela Merkel (CDU) gibt den SPD-Unterhändlern Franz Müntefering und Gerhard Schröder eine kurze Führung durch das Konrad-Adenauer-Haus.