Viele Krankenkassen geben gute Rabatte, wenn man regelmäßig zum Zahnarzt geht. Damit werden, so die Kalkulation, Schäden verhindert, deren Reparatur erheblich höhere Kosten als die Vorsorge verursacht. Wenn es hingegen nur darum geht, die Zähne einem gerade gültigen Schönheitsideal anzupassen, sind die meisten Kassen knausrig. Eine gute Zahnstellung zu einem Hollywood-Lächeln zu verändern, dafür muss der Kunde selbst zahlen.Was die Zahnpflege prägt, fehlt im staatlichen Bauwesen oft: Nachhaltigkeit. Selbst der Kulturbereich, finanziell chronisch klamm, hält seine Bauten nur selten sorgsam instand, modernisiert lieber in großen Schüben als regelmäßig. Es ist nämlich bei weitem einfacher, bei Finanz- und sonstigen Politikern einen großen Happen Geld zu organisieren als den stetigen Nachfluss kleiner Summen. Dabei ließen diese manches Neubauprojekt kleiner oder gar überflüssig werden, zumal, wenn man den Einflüssen der Moden weniger nachgäbe. Doch wer hat daran ein Interesse?Da wäre etwa der Neubauplan für das Kölner Schauspielhaus, der kurz vor Weihnachten vom Stadtrat beschlossen wurde. Das alte Schauspielhaus von 1962 soll deswegen abgerissen werden. Dabei ist es ein durchaus nobel wirkender Bau, vor allem im Zusammenspiel mit der ebenfalls von Wilhelm Riphan geplanten Kölner Oper. Beide wurden seit Jahrzehnten nachlässig gepflegt, die Bühnentechnik ist überaltert, die Installationen sind marode. Der Denkmalpflege und der Stadtbevölkerung gelang es dennoch, den Abriss der Oper zu verhindern. Hier stach das Argument, dass dieses Haus mit dem der Deutschen Oper Berlin als eines der besten seiner Zeit gilt. Schutzbemühungen für das nüchternere Schauspielhaus dagegen scheiterten.Kölner Kritiker des sehr gläsernen und reichlich hohen Neubauprojekts meinen nun, dass es sich bei ihm weniger um eine Antwort auf bau- oder bühnentechnische Fragen handelt. Es sei vielmehr eine Reaktion auf das angeschlagene lokale Selbstbewusstsein - Folge des Umzugs von Regierung und Lobbyisten nach Berlin, diverser Korruptionsskandale oder den selbstverschuldeten Einsturz des Stadtarchivs. Dem alten Schauspielhaus fehlt also schlicht Glamour.Ähnliches kann als letzter, tiefster Grund für den Plan der Stadt Bonn gesehen werden, ein neues Festspielhaus an der Stelle der legendären Beethovenhalle zu errichten. Sie war 1959 nach Plänen von Siegfried Wolski eingeweiht worden. Der elegante Bau bedürfte wohl tatsächlich einer grundlegenden Sanierung. Doch behaupten die Stadtverwaltung sowie die als Sponsoren eines Neubaus auftretenden Konzerne Deutsche Post, Telekom und Postbank, die Halle sei akustisch inakzeptabel. Dass noch 2005 ein Gutachten im Auftrag der Stadt feststellte, die Akustik der Halle rangiere unter den besseren in Europa, minimale Verbesserungen für 800 000 Euro würde sie hervorragend machen, wird ignoriert.Es geht weniger um Akustik als um die Suche einer Stadt nach einer neuen Identität sowie um das Imagebedürfnis einiger Unternehmen mit Staatsbeteiligung, die ihren Sitz in Bonn auf Grund des Bonn-Berlin-Gesetzes haben. Charakteristisch für diese Renommiersucht war, dass in einem Wettbewerb vier Projekte ausgesucht wurden, die alle von weltweit agierenden Architekten wie Zaha Hadid stammen. Nur dank der Bürgerproteste ist das Projekt auf Eis gelegt. Und die Grünen schrieben in den Koalitionsvertrag mit der abrisslustigen örtlichen CDU ausdrücklich hinein, dass sie die alte Beethovenhalle sanieren wollen.In Bonn bestimmen die Sponsoren, in Köln ist es bisher die Stadt selbst, die die Kosten von 295 Millionen Euro für den Neubau des Schauspielhauses tragen will. Berlin hingegen lässt sich den umstrittenen Totalumbau der Staatsoper Unter den Linden vom Bund spendieren: Er zahlt 200 von 239 Millionen Euro. Dabei erfüllt die Deutsche Oper an der Bismarckstraße alle Anforderungen an den ganz großen Opernbetrieb. Warum, fragt man sich nicht nur außerhalb Berlins, muss also ein zweites Haus entstehen, das große Oper und Gastspiele möglich macht? Nur wegen des Hauptstadtstatus'?Manches an diesem Projekt ist die Folge einer dramatischen Baugeschichte. 1742 wurde die Staatsoper zum ersten Mal eröffnet, 1841, 1941 und 1945 brannte sie aus, 1954 wurde der Bau, nach Plänen Richard Paulicks grundlegend neu gestaltet, zum fünften Mal eröffnet. Erst in den 1980er-Jahren gab es eine mit den mageren Mitteln der späten DDR durchgeführte Generalsanierung. Seitdem wird geflickt.Inzwischen müssen die Fundamente abgesichert werden, Orchester und Ballett, Solisten und auch die Verwaltung brauchen bessere Probensäle und Unterkünfte. Ein unterirdischer Verbindungsbau soll den Betrieb effizienter machen. Auch die Bühnentechnik muss erneuert werden: Teilweise stammt sie aus dem Jahr 1927, darf nur dank Sondergenehmigungen des TÜV benutzt werden. Doch muss sie auf ganz großes Format ausgebaut werden? Und muss die Akustik im Saal wirklich von 1,1 Sekunden auf 1,6 Sekunden Nachhallzeit verlängert werden? Immerhin soll dafür die historische Stuckdecke entfernt und vier Meter höher wieder eingebaut werden, der Raumeindruck des denkmalgeschützten Saals wird sich also vollkommen verändern.Das alles sei nötig, so sagen die Oper, der Senat, die Opernlobby und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, um internationalen Standards zu genügen. Wie und von wem aber werden die definiert?Paulick hatte aus der Perspektive seiner Zeit einen anständigen Saal geplant, der mit seiner Intimität auf die Forderungen der Theaterreformer der ersten Jahrhunderthälfte antwortete, in dem aber die Sänger noch ganz traditionell an der Bühnenrampe und nicht im Bühnenraum arbeiten sollten. Die Akustik entsprach diesen Ansprüchen, auch wenn die Orchestermusiker schon früh ihre an Sprechtheater erinnernde Trockenheit monierten. Diese Klagen, vor allem aber ein neues Klangideal setzen sich nun durch. Denn der üppige Orchester- und Opernklang eines Furtwängler oder Toscanini ist feineren, durchsichtigeren Tönen gewichen. Sie benötigen mehr Zeit für die Durchmischung, also mehr Nachhall.Zudem steht jeder historische Aufführungssaal in Konkurrenz mit technischen Medien, die perfekte Klangfülle in jedem Wohnzimmer herstellen, während auf dem Breitwandbildschirm genau für diese Sicht inszenierte Aufführungen zu sehen sind. Und schließlich: Ob in der Met, der Scala oder den Berliner Opernhäusern: Überall ist das Publikum süchtig nach den gleichen Dirigenten, Sängern, Regisseuren. Warum sollte sich da ihr Klang unterscheiden?Die historischen Häuser werden unter diesem Druck zunehmend als unzulänglich betrachtet, dabei sind sie nur einzigartig. Letztlich müsste es also kaum eine dieser Debatten wirklich geben. Wenn die Städte ihre Säle pflegten, wenn die historischen Bauten nicht am Klangideal einer globalisierten Musikindustrie gemessen, sondern als Individuen betrachtet würden. Und wenn die Kassen der Steuerzahler nicht vornehmlich dem Bau neuer Häuser dienten, sondern der Pflege und dem Erhalt - der Nachhaltigkeit.------------------------------Überall ist das Publikum süchtig nach den gleichen Dirigenten, Sängern, Regisseuren. Warum soll sich ihr Klang unterscheiden?Foto: Die legendäre, 1959 eingeweihte Bonner Beethovenhalle von Siegfried Wolske. Wird sie die Modernisierungssucht einer allzu reichen Stadt und ihrer Sponsoren überleben?