Die Gefahr kommt aus der Luft. „Wir schauen die ganze Zeit in den Himmel“, sagt Roberto Alberto, Präsident des Aero-Clubs San Francisco nahe der argentinischen Großstadt Córdoba. „Man sieht neuerdings merkwürdige Dinge.“ Flugzeuge, die nachts landen und sofort wieder verschwinden. Seltsame Maschinen wie die, die hier kürzlich am helllichten Tag landete: „Der Pilot sprach mit bolivianischem Akzent und sagte, er wolle nur mal pinkeln.“

Es geht um Drogen, worum sonst. Um den Verdacht, dass die ungebetenen Gäste heimlich ihren Stoff ins Land schaffen oder ihn hier in andere Flugzeuge umladen oder dass sie – wie vermutlich der Bolivianer – die Lage auskundschaften wollen. Und es geht um die Angst, beklaut zu werden. In jüngster Zeit seien mindestens acht Maschinen gestohlen worden, sagte Oscar Repetto, der dem Verband der 400 argentinischen Fliegerclubs vorsitzt, der Zeitung La Nación. Attraktiv sei vor allem die Cessna 182: „Wenn man die Sitze entfernt, kann man bis zu einer halben Tonne Drogen zuladen.“

Fast mexikanische Verhältnisse

In Nord-Argentinien gibt es 1500?mehr oder weniger geheime Landepisten. Aber auf dem Luftweg wird nur etwa ein Achtel des Rauschgiftes eingeschmuggelt, schätzt die Drogenexpertin Laura Etcharren. Ein weiteres Achtel komme auf den Flüssen, drei Viertel jedoch auf dem Landweg nach Argentinien – so wie die Drogen im Rucksack eines Siebenjährigen, der kürzlich beim Grenzübertritt aus Paraguay gefasst wurde.

Die Sorge, wo das alles noch hinführt, treibt auch den prominentesten Argentinier weltweit um: Papst Franziskus. „Hoffentlich können wir die Mexikanisierung Argentiniens noch aufhalten“, mailte er kürzlich einem Freund in Buenos Aires, der in der Drogenprävention aktiv ist. Das Schreiben löste internationale Verwicklungen aus: Mexiko störte sich an der Formulierung Mexikanisierung, und ein Vatikansprecher musste das Papst-Wort zurechtrücken. Aber jenseits diplomatischer Empfindlichkeiten: In Mexikos Drogenkrieg sind 120.000 Menschen umgekommen – dramatisiert Franziskus da nicht die Lage in seinem Heimatland?

„Sicher hat er etwas übertrieben, aber er wollte eben warnen“, sagt die argentinische Soziologin Adriana Rossi, die seit 25 Jahren über den Drogenhandel forscht. Denn tatsächlich ist Argentinien im vergangenen Jahrzehnt zum Tummelplatz für Drogenhändler geworden: Das Land produziert Drogen wie nie zuvor, konsumiert wegen des großen Angebots zu den angeblich niedrigsten Preisen weit und breit, und obendrein ist es zum drittwichtigsten Kokain-Exporteur nach Europa aufgestiegen.

Niederlassen und Geld waschen

Aus Peru, Bolivien und Kolumbien wird zunächst Kokain-Paste eingeschmuggelt. Zur Weiterverarbeitung dieses Vorprodukts sind chemische Substanzen nötig, die in Argentinien mit seiner entwickelten Pharma-Industrie relativ leicht zu beschaffen sind. In Argentinien Kokain zu produzieren, ist also einfacher, als die Chemikalien in die Nachbarländer zu schmuggeln. Nebenher fällt noch die Arme-Leute-Droge „paco“ an, eine Art Crack.

Der erste große Drogenboss, der Argentinien für sich entdeckte, war Amado Carrillo Fuentes, einst Chef des Juárez-Kartells, der wegen der Boeing-Flotte, die sein Kokain in die USA flog, auch „Herr der Lüfte“ genannt wurde. Der Mexikaner kaufte schon in den 90er-Jahren Landsitze und Wohnungen in Argentinien, um sich hier niederzulassen und sein Geld zu waschen. Allerdings starb er 1997 bei einer Operation, mit der er sich sein Gesicht verändern lassen wollte.

„Damals hat Argentinien das Kapital von außen gerne akzeptiert, ohne groß zu fragen, wo es herkam“, beschreibt Adriana Rossi, wie es der weltweit operierenden Organisierten Kriminalität gelang, im Land Fuß zu fassen. Heute werden von den argentinischen Häfen aus riesige Mengen Drogen über den Atlantik nach Afrika verschifft und dort entweder durch die Sahara oder weiter auf dem Seeweg nach Europa geschleust. „Und Südafrika und Mosambik haben sich als Zwischenstation auf dem Weg nach Asien etabliert, das sich neuerdings stärker dem Kokain öffnet“, berichtet Rossi.

Stillhalte-Abkommen mit den Banden

„In den 80er-Jahren war Argentinien sozusagen noch halb jungfräulich, es gab nur ein bisschen Konsum“, resümiert die Soziologin Laura Etcharren die jüngere Geschichte. „In den Neunzigern aber schauten sich die internationalen Drogenbosse hier nach neuen Betätigungsfeldern um.“ Als mit dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 „das soziale Gewebe zerriss“, seien Armut und Perspektivlosigkeit zum Nährboden für Drogenkonsum und Drogenkriminalität geworden.

Und die Politiker? Warum haben sie zugelassen, dass das Land zu einem Drogen-Paradies wurde? „Zuerst hat niemand glauben wollen, dass die Gefahr besteht“, antwortet Rossi. „Dann haben sie weggeschaut. Und schließlich ist eine Interessengemeinschaft entstanden.“ Was das heiße? Zum Beispiel, dass die Politiker Stillhalte-Abkommen mit den Banden schließen, damit etwa vor Wahlen die schlimmsten Gewalt-Exzesse unterbleiben.

Viele verdienen mit

Und wenn Politiker erst einmal so weit gehen, dann stehen der Korruption Tür und Tor offen. Viele Polizisten seien bestechlich, sagt Etcharren. Üblich sei die „caja negra“, die schwarze Kasse, die mit Schmiergeldern aus Drogen- und Menschenhandel, Glücksspiel und Prostitution gefüllt werde. Ausgeschüttet werde je nach Rang in der Beamten-Hierarchie.

Der Staat versage, sagt Adriana Rossi. Der Versuch, eine neue Drogenpolitik zu formulieren, sei vor ein paar Jahren im Sande verlaufen. Die Rechtslage – Konsum ist erlaubt, Besitz jedoch verboten – führe zu willkürlichen juristischen Entscheidungen. Es fehle an systematischer Prävention und Repression. Nötig sei der politische Wille, die Elendsviertel der Herrschaft der Banden zu entreißen, anhaltende Sozialarbeit zu leisten, die Polizei zu säubern und über eine Reform der Drogenpolitik nachzudenken.

Im Oktober werden in Argentinien Präsident und Parlament neu gewählt – ist das Drogenthema Gegenstand von öffentlichen Debatten? Laura Etcharrens nüchterne Antwort: „In Argentinien wird gar nichts debattiert.“