KOKAIN IN BERLIN - Das weiße Pulver ist längst keine Schickeria-Droge mehr, sondern in allen Bevölkerungsschichten verbreitet. Ein Rechtsmediziner der Universität Frankfurt am Main spricht über die Schwierigkeiten des Nachweises der Droge.: "Kokain macht nicht erfolgreich, man fühlt sich nur so"

Nach der Party einer Berliner Produktionsfirma für Fernsehserien hing am nächsten Tag ein Aufruf am Schwarzen Brett: Diejenigen, die in der Nacht die Klodeckel zerkratzt hätten, sollten diese doch bitte ersetzen. Gemeldet hat sich niemand, schließlich ist das, was auf den Toiletten passierte, nicht legal. Party-Gäste hatten weiße Kokain-Kristalle auf der glatten Plastikoberfläche mit Rasierklingen zu feinem Pulver zerkleinert, bevor sie sie schnupften. In Film-Kreisen ist Kokain aber nicht nur beim Feiern gebräuchlich. "Mit Koks kann man auch sehr gut arbeiten", sagt der Schauspieler Matthias Konold (Name von der Redaktion geändert). Die Droge nehme einem die Angst zu versagen und das Gefühl, überlastet zu sein, nicht mehr weitermachen zu können. Offen werde Kokain bei Dreharbeiten aber nicht gebraucht. "Man geht auf die Toilette, zieht eine Linie auf dem Klodeckel, ist wieder fit und fühlt sich großartig." Niemand würde einem ansehen, dass man nicht nüchtern sei. "Das kommt erst mit der Zeit", sagt Konold. Eine Bekannte habe durch Kokain den Boden unter den Füßen verloren. Sie habe zum Schluss ihre gesamte Wohnungseinrichtung verkauft, um die Sucht zu finanzieren.Nichts macht so gierigAuch in der Internet-Branche wird gekokst, weil man glaubt, so besser funktionieren zu können. "Die Anforderungen und der Druck werden immer höher", sagt ein Angestellter. "Eine Zeit lang bewältigt man das mit Hilfe von Kokain sehr gut, du kannst dann alles." Wenn man auf Kommando kreativ sein müsse, funktioniere dies mit Hilfe von Kokain. "Als ein paar von uns sich einmal einen neuen Namen für die Firma ausdenken mussten, gab es dazu ein paar Lines." Auch Geschäftsabschlüsse habe man schon mit Kokain gefeiert.Wolfgang Götz, der Leiter der Berliner Drogenberatung "Kokon", der einzigen Beratungsstelle für Kokain-Süchtige in Deutschland, kritisiert den Mythos, Kokain sei die Droge der Erfolgreichen und Kreativen: "Man ist mit Kokain nicht erfolgreich, man fühlt sich nur so." Auf lange Sicht zerstöre die Droge jedoch die Leistungsfähigkeit und die Schöpferkraft. Zudem mache Kokain wie alle euphorisierenden Substanzen extrem süchtig, auch wenn die Abhängigkeit anders als bei dem körperlich abhängig machenden Heroin auf die Psyche beschränkt sei. "Es gibt keine Substanz, die so gierig macht wie Kokain", sagt Götz. "Bei Tierversuchen mit Kokain sterben die Tiere irgendwann, weil sie nichts Anderes mehr tun, als die Droge zu konsumieren." Das sei bei keinem anderen Rauschgift der Fall.Ein anderer Mythos über die Droge hat schon seit Anfang der 90er-Jahre keine Gültigkeit mehr. Kokain ist nicht länger auf exklusive Kreise der Gesellschaft beschränkt wie noch in den 70er-Jahren. Kokain scheint heute in Berlin fast so leicht verfügbar wie in den 20er-Jahren. Auch damals war die Droge nicht nur auf die Schickeria beschränkt, sondern wurde auch in Proletarierkreisen konsumiert. "Kokain ist zur gemeinen Straßendroge geworden und die User finden sich in allen Schichten", sagt der Leiter des Drogenreferats beim Landeskriminalamt Berlin, Rüdiger Engler. Wolfgang Götz sagt: "Kokain ist eine Alltagsdroge." Siebzig Prozent der Leute, die bei Kokon Hilfe suchen, haben ganz normale Berufe. "Zu uns kommen neben Börsianern und Regisseuren auch Bauarbeiter oder Gärtner." Der Hauptgrund für die zunehmende Verbreitung von Kokain sind laut Engler und Götz die sinkenden Preise für das Kokain. Seit zwei, drei Jahren sei die in illegalen Labors in Südamerika hergestellte Droge auf dem Berliner Markt "in erheblichem Maße verfügbar", sagt Engler. Man muss nicht unbedingt einen Dealer kennen, sondern kann Kokain laut Polizei auch an den einschlägigen Drogenverkaufsplätzen wie dem Kottbuser Tor in Kreuzberg oder dem Breitscheidplatz am Ku damm kaufen. Der Preis für ein Gramm liegt zwischen 80 und 100 Mark. In den 70er-Jahren waren es noch um 350 Mark. Ein Gelegenheits-Konsument braucht nicht mehr als ein Gramm am Wochenende, daraus lassen sich etwa drei Linien legen. Wie viele Menschen in Berlin Kokain schnupfen, weiß niemand. Nur dass es viel mehr geworden sind, steht fest. Die Polizei hat dafür zwei Indizien: Die Menge des seit Anfang des Jahres sichergestellten Kokains hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Das Gleiche gilt für die Zahl der auffällig gewordenen Erstkonsumenten. Ihre Zahl ist von 100 auf 200 gestiegen. Wenn man bedenkt, dass die Polizei nicht primär die Konsumenten verfolgt, sondern die Dealer und die Schmuggler, sind das nicht wenige. Gestiegen ist auch die Zahl der Drogentoten, bei denen Kokain eine Rolle spielte. Von 167 Drogentoten seit Anfang des Jahres waren es 65. Engler sagt, dass zwar nach wie vor Cannabis und Ecstasy die am weitesten verbreiteten Drogen sind, doch Kokain möglicherweise bereits vor Heroin an dritter Stelle rangiert. Wolfgang Götz sieht außer dem Preisverfall noch einen weiteren Grund für die zunehmende Verbreitung der Droge: Das massenhaft in der Techno-Szene konsumierte Ecstasy sei eine Schrittmacherdroge für Kokain. Ecstasy ist laut Götz nicht für den Dauergebrauch geeignet, da seine euphorisierende Wirkung schon nach einigen Malen nachlässt, die negativen Nebenwirkungen wie Unruhe-Gefühle oder Kieferverkrampfungen aber bleiben. "Die Leute probieren dann Kokain und merken, dass sie den euphorischen Kick alle halbe Stunde haben können." Die Wirkung von Kokain nutze sich auch nicht so schnell ab wie die von Ecstasy. Vergangene Woche feierte ein Diplom-Kaufmann einen beruflichen Neuanfang in einer Berliner Werbeagentur mit einer Christoph-Daum-Gedächtnis-Party, bei der es für die Gäste Koks statt Champagner gab. "Koks ist zwar eine Ego-Droge, aber man kann dabei auch sehr gut reden", sagt er. Süchtig würde er sich nicht nennen. "Ich kokse nur bei besonderen Anlässen." - Die Vorstellung, den Kokain-Gebrauch kontrollieren zu können, ist nicht in jedem Fall eine Illusion. Wolfgang Götz sagt, diese Phase könne zwei, fünf oder sogar sieben Jahre dauern. Nach den Erfahrungen des Therapeuten führt der dauerhafte Konsum aber mit großer Sicherheit zur Sucht. "Irgendwann wird im Gehirn ein Schalter umgelegt, oft ausgelöst durch eine persönliche Krise in der Beziehung oder im Beruf", sagt Götz. Der Kokain-Süchtige nehme Kokain bis zum Zusammenbruch, auch epileptische Anfälle oder Herz-Rhythmus-Störungen kann die Droge verursachen. Dem Kollaps folgt ein tagelanger Kater mit Depressionen. Doch sobald man sich besser fühlt, folgt bald der nächste Kokain-Exzess. Kokon hat seinen offenen Beratungstermin auf einen Mittwoch gelegt. Das ist nach einem durchgekoksten Wochenende mit anschließendem Kater, der Tag, an dem die Leute wieder etwas unternehmen können. Eine ambulante Therapie beginnen die Süchtigen aber meist erst dann, wenn sie überhaupt kein Geld mehr haben, sie ihre Freunde verloren haben oder die Strafbehörden sie dazu zwingen.Die Polizei beobachtet mittlerweile bei Kokain-Abhängigen einen Anstieg der Beschaffungskriminalität und eine mit der Sucht einhergehende Verelendung, wie man sie bisher vor allem von Heroin-Junkies kennt. "Bei massiver Kokain-Abhängigkeit ist die Sucht mit einem normalen Einkommen nicht mehr zu bezahlen", sagt Engler. Doch noch sind dies Einzelerscheinungen, auch deshalb ist Kokain kaum sozial stigmatisiert. Noch immer zieht die Droge ihre Attraktivität auch aus ihrer glamourösen Vergangenheit in den zwanziger und noch mehr in den siebziger und achtziger Jahren. Wolfgang Götz sagt, Kokain sei eine Droge, die besser als jede andere in die hedonistische Spaßkultur passe, in der man immer gut drauf sein, leistungsfähig und erfolgreich sein müsse. Kokain-Konsumenten hätten eine Gemeinsamkeit, nämlich an diesem gesellschaftlichen Spiel teilnehmen zu wollen. Aber das hochglanzpolierte Gefühl, das einem die Droge gebe, habe nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Die Süchtigen spürten irgendwann nicht einmal mehr Euphorie. Mit jeder Linie, die sie durch die Nase ziehen, jagten sie nur noch der Erinnerung an dieses Gefühl nach."Man geht auf die Toilette, zieht eine Linie auf dem Klodeckel, ist fit und fühlt sich großartig. " Ein Schauspieler "Irgendwann spüren die Süchtigen nicht einmal mehr Euphorie. " W. Götz, Therapeut ACTION PRESS Klassisch koksen: Das Pulver liegt in Lines auf einem Spiegel und wird mit einem Geldschein in die Nase gezogen.