Als "unverständlich" kommentierten Berliner Denkmalschützer die Forderung der Erben der Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867 bis 1945), auf die Aufstellung von den Denkmälern der preußischen Generäle Scharnhorst und Bülow zu beiden Seiten der Neuen Wache Unter den Linden zu verzichten. Der Enkel der Künstlerin und überzeugten Pazifistin, Arne Kollwitz, hatte sich Mitte der Woche sehr prononciert gegen die vom Senat befürwortete Wiederherstellung des historischen Ensembles ausgesprochen. Es war von dem Baumeister Karl Friedrich Schinkel und dem Bildhauer Christian Daniel Rauch geschaffen worden. Keine Kriegsgloriolen Schinkel hatte 1816 die Unterkunft für die Schloßwache als Erinnerungsmal an die Gefallenen der Befreiungskriege entworfen, "einem römischen Castrum ungefähr nachgeformt". Der später eingefügte Figurenschmuck im Giebel schildert Kampf und Leiden von Kriegern. Er korrespondiert mit Schlüters "Masken sterbender Krieger" im Hof des Zeughauses, die keinesfalls den Tod auf dem Schlachtfeld verherrlichen. Die vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. befohlene Aufstellung von Standbildern erfolgreicher Feldherren führte Traditionen aus dem 18. Jahrhundert fort, denn schon Friedrich der Große ließ seine Helden in ähnlicher Weise feiern.Scharnhorst und Bülow hatten eingemauert den Zweiten Weltkrieg überstanden, wurden danach aber vom Sockel geholt. Links und rechts der Neuen Wache stehend, waren sie stumme Zeugen von monarchischen Triumphzügen und makabren Heldengedenkfeiern der Nazis. Als die Wache in der Weimarer Republik durch den Architekten Tessenow in eine Erinnerungsstätte an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet wurde, standen die Generäle nicht zur Disposition.Mit massivem Geschütz feuert jetzt der Enkel von Käthe Kollwitz auf Rauchs Figuren. Sollten sie wieder am alten Platz aufgestellt werden, würde er dafür sorgen, daß die im Inneren der Gedenkstätte befindliche Figur der "Mutter mit dem toten Sohn" entfernt und eingeschmolzen wird, erklärt Arne Kollwitz. Seine Großmutter habe mit ihrer Pieta an die Schrecken des Krieges und an die Pflicht der Menschen zum Erhalt des Lebens erinnern wollen. Ihr dem Frieden gewidmetes Werk vertrage sich nicht mit Vertretern des preußisch-deutschen Militarismus, so die Charakteristik der beiden Generäle durch Arne Kollwitz im Fernsehen. Durch die Aufstellung der Figuren würde die Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft entwertet. Kollwitz beruft sich bei seiner Ablehnung auch auf Zusicherungen des Bundeskanzleramtes und des Senats aus dem Jahre 1993, als eine vergrößerte Kopie der Pieta in der Neuen Wache aufgestellt worden war. Bei der jetzigen Diskussion über die beiden Generalsstandbilder wird vergessen, wer Scharnhorst und Bülow waren. Das 1820 von Rauch begonnene Denkmal General Gerhard David von Scharnhorsts, der 1813 an den Folgen einer Verwundung in der Schlacht von Großgörschen verstarb, würdigt einen Mann, der sich große Verdienste um die Reformierung der preußischen Armee erworben hat. Rauch stellt seinen Helden nicht in strammer Haltung dar, sondern eher nachdenklich. Verwitterter Scharnhorst Da der Reformgeneral Scharnhorst ins Geschichtskonzept der DDR-Führung paßte, wurde die Figur in den sechziger Jahren der Wache gegenüber aufgestellt, während man Bülow, mit dem man nicht viel anfangen konnte, ins Depot verbannte. Für ihn war das durchaus nützlich, denn der Marmor der Bülow-Figur ist besser erhalten als die schon stark abgewitterte Scharnhorst-Plastik. Im Berliner Denkmalamt wird betont, daß Scharnhorst und Bülow Militarismus und Völkermord nicht vorgeworfen werden könne. Sie stünden für den Versuch, den Staat zu modernisieren, die preußische Armee aus den feudalen Bindungen der friderizianischen Zeit zu lösen und die Fremdherrschaft abzuschütteln. Man könne gerade sie nicht für Verbrechen in den Weltkriegen verantwortlich machen, und auch nicht dafür, daß Schinkels Wache in der Vergangenheit mißbraucht wurde.Ähnlich lautet ein Votum der Historischen Kommission zu Berlin. Auch der Chef des Deutschen Historischen Museums, Christoph Stölzl, plädert für die Wiederherstellung der originalen Situation an der Neuen Wache beziehungsweise ihr gegenüber. Scharnhorst und Bülow gehörten aus historischen und gestalterischen Gründen neben das klassizistische Wachgebäude. Die drei ebenfalls von Rauch geschaffenen Bronzedenkmäler des "Marschalls Vorwärts" Blücher sowie der Generale Yorck und Gneisenau sollten aus ihrem "Exil" im hinteren Teil des Prinzessinnengartens wieder nach vorn, an die "Linden", gebracht werden, wo sie im frühen 19. Jahrhundert aufgestellt worden waren. Einzigartiges Ensemble Ähnlich argumentiert auch Berlins Landeskonservator Jörg Haspel. Er verweist auf inhaltliche und künstlerische Zusammenhänge zwischen den zwei Marmor- und den drei Bronzegenerälen und den an antike Götterbilder erinnernden Marmorfiguren auf der Schloßbrücke, die ebenfalls Erinnerungsmale an die Befreiungskriege darstellen, was kaum noch jemand wisse. Bei der Debatte um Rauchs Generäle sollte nicht vergessen werden, daß sie zu den Spitzenwerken der Berliner Bildhauerkunst gehören. Die "Linden" seien von der Schloßbrücke bis zum Brandenburger Tor mit Schadows Quadriga obenauf im frühen 19. Jahrhundert als "Via triumphalis" konzipiert worden. Auf dieser Triumphstraße seien nicht nur Könige und Feldherren, sondern auch Geistesgrößen wie die Gebrüder Humboldt, Theodor Mommsen und Hermann von Helmholtz verewigt worden. Dem Denkmalschutz liege sehr daran, das "in der Welt einmalige Ensemble" wiederherzustellen. +++