„Warnung! Einiges vom Material dieser Seite ist in Ländern mit Votzen-Arsch-Regierungen wie Deutschland und Kanada verboten.“ Mit diesem Fäkalsprachen-Zitat aus der Neonazi-Szene beginnt eine Reportage, die ich 1996 in den Frühtagen des World Wide Web geschrieben habe. Fünf Tage lang sah ich mich um im elektronischen Global Village der Rechtsradikalen, die schon damals mit unfassbarer Geschwindigkeit die neue Technik für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Zum Speien die Inhalte vom Start weg.

Es war die erste herbe Nuss, die ich zu knacken hatte: das Internet als Tor zu einer transparenten, toleranten und friedlichen neuen Welt, ohne Rassenhass, ohne Diskriminierung. Wie naiv war das denn? Meine „Briefe von der Front“ berichteten schon damals aus der rechten Subkultur (Kultur?) des Netzes mit der unverblümten Hetze gegen alles, was nicht zur angeblich so edlen weißen Rasse gehörte. Und weil das Internet so herrlich offen und dezentral ist, geht jeder Versuch, diese Hetze abzuschalten, gnadenlos ins Leere.

Derzeit wird wieder mal diskutiert, ob man nicht Nazifilme wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“ oder „Der ewige Jude“ doch endlich freigeben sollte. Sie kursierten ja ohnehin munter zugänglich im Internet. Jeder Idiot weiß, wo er sie findet. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die für viele dieser einschlägigen Filme die Rechte hält, berät gerade mit YouTube, ob und wie man diese sogenannten Vorbehaltsfilme nach dem Hochladen herausfischen und sofort löschen kann. Angesichts der mittlerweile rund 100 Stunden Videomaterial, das weltweit im Minutentakt neu bei YouTube eingestellt wird, eine Herkulesarbeit.

Die alten Nazi-Schinken sind nicht verboten. Die Murnau-Stiftung verlangt aber bei jeder Vorführung eine historische Einführung und anschließende Diskussion. Ein Eingriff in das Recht der Meinungsfreiheit? Das ich nicht lache! Die Goebbels’sche Filmpropaganda im Dritten Reich war ja nicht nur plump, im Gegenteil, das braune Gift wurde fein dosiert unter die Seele gespritzt.

Verschlüsselte Botschaften dechiffrieren

Hitlerjunge Quex zum Beispiel kommt ganz im Stil der proletarischen Spielfilme der Weimarer Republik daher und bedient sich stilistische ungeniert aus „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von 1929. Der als Kommunist bekannte Schauspieler Heinrich George spielt Quex Senior und mutiert im Film zum Nationalsozialisten. Quex war einer der letzten offenen Propagandafilme der Nazis. Goebbels ordnete an, fortan die NS-Ideologie noch raffinierter zu verpacken.

Deshalb finde ich es so wichtig, bei öffentlichen Vorführungen die verschlüsselten Botschaften zu dechiffrieren. Es ist unerlässlich zu signalisieren, dass es unserer Gesellschaft nicht egal ist, ob rassistische und menschenverachtende Inhalte im Netz herumstreunen. Eine Gesellschaft mit solch einer gleichgültigen Haltung gäbe sich und die Zukunft ihrer Kinder auf.

Sicher, ich will auch Freiräume für Kunst, Kultur und Weltanschauung – auf dem Fundament einer Moral der Freiheit und Menschenrechte. Und dieses Fundament muss jede Generation neu erstreiten. Vom Umweltschutz bis hin zur Homo-Ehe. Wir haben alle davon profitiert, sind in vielen Bereichen toleranter und fortschrittlicher geworden, ein lebendiges und lernfähiges Gemeinwesen. Es lohnt sich also. Aber das geht nur, wenn es Luft zu freiem Atem gibt.