Manche Journalisten tun so, als sei Berlin ein verkommenes Nichts zwischen faulen Beamten und einer Bauruine im Vorort Schönefeld – kurzum eine „scheiternde Stadt“. Nun mal langsam. Warum ziehen jedes Jahr 40.000 Neuberliner zu uns? Warum wächst die Berliner Wirtschaft deutlich stärker als die gesamtstaatliche und sinkt die Arbeitslosenquote kontinuierlich? Warum liegt Berlin mit 30 Millionen Übernachtungen im Jahr 2015 gleich hinter London und Paris?

Eben weil es eine sehenswerte, weltoffene, lebendige und boomende Metropole ist. Hier gelangt man so schnell und billig von den Flughäfen ins Zentrum wie sonst nirgends. Hier findet die Schwiegertochter aus Paris angesichts der Spielplätze, Parklandschaften und Fahrradwege aus dem Staunen nicht mehr heraus. Insgesamt funktioniert der öffentliche Nahverkehr gut. Es gibt Probleme, aber nicht mehr als bei der Münchner S-Bahn, und anders als dort musste und muss das hiesige Verkehrssystem weithin grunderneuert werden, weil es von der Weltwirtschaftskrise 1929 an bis 1991 auf Verschleiß gefahren worden ist.

Über die Mängel Berlins soll öffentlich verhandelt werden, und das möglichst genau. Zum Beispiel bearbeitet ein Mitarbeiter im Bürgeramt Friedrichshain-Kreuzberg 11 Fälle pro Tag, in Marzahn-Hellersdorf 20, in Tempelhof-Schöneberg 17, in Pankow 12. Im Durchschnitt haben die Mitarbeiter dieser Ämter die Zahl der erledigten Fälle im Jahr 2015 um 15 Prozent gesenkt. Das bedeutet: Die Herrschaften dort müssten einfach so arbeiten wie 2014 beziehungsweise so wie in Marzahn-Hellersdorf und schon wären die Probleme gelöst. Die Quote krankgeschriebener öffentlich Bediensteter liegt mit deutlich mehr als 30 Tagen pro Person und Jahr extrem hoch. Auch hier könnte die Differenzierung nicht nur nach Bezirken, sondern nach einzelnen Verwaltungen, Abteilungen, Schulen, Polizeidirektionen usw. aufschlussreich sein.

Vermutlich erkranken nämlich in den gut, also intensiver arbeitenden Ämtern die Mitarbeiter seltener als in den verschlampten, weit weniger effizienten Ämtern, in denen die Bürger zu lästigen Bittstellern erniedrigt werden. Bevor solche Statistiken nicht vorliegen, sollte das verwaltende Personal keinesfalls vermehrt werden. Für Polizisten und Lehrer gelten andere Kriterien: Zuwachs an Schülern, Kriminalität oder Demonstrationen usw. Statistisch längst erwiesen ist, dass es sich die Herumhänger unter den Hartz-IV-Empfängern vorzugsweise im ehemaligen Westberlin gemütlich machen.

Die Ursachen des Versagens unserer Ämter müssen präzise erforscht werden. Parteien, Landesrechnungshof, Senatoren und Journalisten hätten das zu tun, fürchten sich jedoch vielfach vor klaren Worten und konsequentem Einschreiten. Dazu gehören freilich auch moderne Datenbänke und Computer. Trotz alledem: Das Leben funktioniert, die Grundschule und der Kindergarten meiner Berliner Enkel in Kreuzberg sind ausgezeichnet, ebenso die Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen, mit denen ich 2015 zu tun hatte, Straßen wurden erneuert, unzählige Bäume nachgepflanzt. Das neue Berlin erblüht auf dem Boden selbstzerstörerischer Vergangenheiten. Das gelingt dank der vielfältigen, auch international erfahrenen Bürgerschaft, die ihre Stadt nicht schlecht machen, sondern mit Schwung voranbringen will.