Offensichtlich fördert die gemeinsame Währung nicht das politische Miteinander, sondern Streit und Interessengegensätze. Das hatten die Befürworter des Euro vor 15 Jahren verdrängt. Sie redeten sich damals ein, mit der Währungsunion entstünde quasi von selbst eine gemeinsame Finanz-, Sozial- und Lohnpolitik. Die Hoffnung trog. Mit Milliardenhilfen, Garantien, nie gekannter Geldschwemme und harten Auflagen („notwendige Reformen“) sollen die einst als freiwillig gedachten Integrationsleistungen nun erzwungen werden. Daraus rühren Desinteresse, Wut, Skepsis und Ängste, und zwar aus gegensätzlichen Motiven: Die einen wollen nicht für Schuldenmacher einstehen, die anderen fühlen sich als Kostgänger verunglimpft. In den nächsten Jahren wird sich am Reformwillen Italiens und Frankreichs (nicht Griechenlands) entscheiden, ob die Spannungen überwunden werden können oder die Eurozone zerbricht.

Das Problem ist so alt wie die EU. Als 1957 deren Vorläuferin, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), gegründet wurde, konstatierte der 1933 aus Deutschland verjagte, dann in Genf lehrende Meisterökonom Wilhelm Röpke: „Es ist unmöglich, freien Handel, stabile Wechselkurse und Unterschiede der monetären Disziplin miteinander zu vereinbaren.“ Feste Wechselkurse, ein Vorgängerprojekt des Euro, mussten bald aufgegeben werden. Belustigt zitierte Röpke einen französischen Kollegen, „der allen Ernstes auf den Druck Deutschlands innerhalb des Gemeinsamen Marktes“ hoffe, „damit sein Land endlich wieder auf den Pfad der Tugend geführt werde und lerne, nicht mehr über seine Verhältnisse zu leben“, und entgegnete: „Was ist ansteckender: Gesundheit oder Krankheit?

Wo liegt die Linie des geringsten politischen Widerstandes: in Inflation oder monetärer Disziplin? Wie ist das natürliche Gefälle: zum Wohlfahrtsstaat hin oder vom Wohlfahrtsstaat weg?“ Röpke warnte: „Ganz Unentwegte denken sogar an eine Währungsverschmelzung“, obwohl das „einen gemeinsamen Staat“ voraussetze – mit einheitlicher Geld-, Kredit-, Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik. Stattdessen sei „die Wahrscheinlichkeit einer ,Integration nach unten’ sehr groß“: „Man erkennt es schon heute“, so Röpke 1957, „an dem steigenden Druck, der auf Deutschland ausgeübt wird, in diese Richtung zu gehen.“

Er favorisierte die Freihandelszone, die sich nicht (wie die EWG/EU) mit gemeinsamen Schutzzöllen nach außen abschottet, die nach innen freie Wechselkurse beibehält, nationale Besonderheiten wahrt und mit einem Minimum an Bürokratie auskommt. Britischer Initiative folgend gründeten Dänemark, Großbritannien, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden und die Schweiz 1960 mit der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) eine solche Zone. Sie hielt auf Dauer der EWG/EU nicht stand.

Doch widerlegt das nicht die Vorzüge des Konzepts. Der alte Streit zwischen lockerer Freihandelszone und möglichst einheitlicher und verregelter Gemeinschaft lebt heute fort in der Opposition der britischen und skandinavischen Regierungen gegen den Eurokraten Jean-Claude Juncker. Diese Länder verweigerten sich dem Euro. Sie wissen geschichtlich nicht widerlegte Argumente auf ihrer Seite, und deshalb sollte ihre Kritik ernsthaft geprüft werden.