Gemäß vorweihnachtlicher Gefühlsseligkeit lädt die Friedrich-Ebert-Stiftung zu ihrer „diesjährigen Gerechtigkeitswoche“. Frei nach Margot Käßmann lautet das Thema „Zeit für Gerechtigkeit“. Mal ehrlich, nichts ist gut in Deutschland und schon gar nicht anderswo! Deshalb lasset uns gemeinsam mit der sozialdemokratisch dominierten Friedrich-Ebert-Stiftung „Geschlechtergerechte Konjunkturprogramme“ einfordern! Nur nicht an die eigene Kraft, an selbstbestimmte unternehmerische Lust und Leistung glauben! Schrecklich, wenn jemand ohne Geld von Vater Staat eine Idee entwickeln würde.

Unter dem Stichwort „Stealing Africa“ geißelt die Stiftung einen „schweizerischen Rohstoffkonzern“, der in Kupfer macht. Außer diesen eidgenössischen Räubern hat bekanntlich niemand sonst Interesse an billigen Rohstoffen, zum Beispiel an Baumwolle für Drei-Euro-T-Shirts. Gewiss bestiehlt kein deutscher Bauer Afrika, nur weil er von den hohen Subventionen profitiert, mit denen die EU afrikanische Konkurrenten abwürgt. Merke: Arbeiter und Bauern, kleine Angestellte und Verbraucher verhalten sich niemals ungerecht; sie sind stets Opfer von Ungerechtigkeit! Und nun singen wir mit anschwellender Stimme im Chor: Uhuhungeheherähäähächt!

Derart stumpf wird das Problem der Gerechtigkeit, das es tatsächlich gibt, nur vernebelt statt diskutiert. Die anderen, das sind die Bösen, und wir, wir wollen mehr Gerechtigkeit – für uns. Demgegenüber erscheint eine Rede aufschlussreich, die Angela Merkel Ende September zu der simplen Frage hielt: „Wie wollen wir leben?“ Vor der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft führte die Kanzlerin aus, die Europäer stellten nunmehr 7,5 Prozent der Weltbevölkerung und fuhr fort: „Wir schaffen noch etwa 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt, wir haben aber auch rund 50 Prozent der Sozialausgaben der Welt – sieben bis acht Prozent der Menschen haben 50 Prozent der Sozialausgaben.“

Derart klare Sätze lösen unter Gerechtigkeitsfreunden Gedankenflucht aus und führen zu chronischen Gehirnspasmen. Was haben unsere Sozialausgaben mit weltweiter Gerechtigkeit zu tun? Allein schon die Frage! Dem entgegnet die Kanzlerin: „Seid ihr euch eigentlich ganz sicher, dass wir auch in 20 Jahren noch Automobilindustrie haben werden, dass die BASF dann immer noch das größte Chemieunternehmen in der Welt sein wird und dass wir vielleicht auch einmal wieder Speicherchips oder Computerprogramme in großer Masse herstellen können?“

Um ihre ökonomischen Grundlagen zu erhalten, müssen die Europäer aufhören, mehr Geld auszugeben als sie einnehmen. Sie müssen zeigen, dass Demokratien zu tiefgreifenden Strukturreformen fähig sind, zu solchen, die der Mehrheit oder großen Teilgruppen der Wahlberechtigten viel abverlangen. Wer Geld für Griechenland ausgibt, kann damit nicht Aidskranken in Afrika helfen oder Subventionen für Biobauern bezahlen. Wer die Rente mit 67 abschaffen will, hat weniger Geld für Kindergärten, Schulen und Universitäten. 7,5 Prozent der Menschen vereinigen 50 Prozent der Sozialausgaben dieser Welt auf sich, das empfinden die meisten Europäer als gerecht – und bilden sich zugleich ein, sie seien die besten Schiedsrichter in Sachen Gerechtigkeit.