Sozialleistungen sind weltweit derart ungleich verteilt, dass nur hartherzige Imperialisten, nationalistische Gewerkschaftsfunktionäre und Liebhaber der Kreuzschifffahrt darüber hinwegsehen: Die Europäer stellen 7,5 Prozent der Weltbevölkerung und verbuttern 50 Prozent sämtlicher Sozialleistungen, die auf dem Globus ausgeschüttet werden. Wie an dieser Stelle gleichfalls schon dargelegt, sind die Altersbezüge für deutsche Beamte fast dreimal so hoch wie für Arbeiter und Angestellte. Betrachten wir heute die Löhne deutscher Männer und Frauen.

Aus täglicher Erfahrung weiß jeder Gymnasial- und Hochschullehrer, dass Schülerinnen und Studentinnen im Durchschnitt bessere Leistungen erzielen, selbstbewusster vortragen und geistig mindestens so beweglich sind wie ihre männlichen Kommilitonen. Weil die bürgerliche Gesellschaft ihrem Anspruch nach weder Herkunft, Religion noch Geschlecht honoriert, sondern individuelle Leistung, müssten demnach Frauen im Durchschnitt besser verdienen als Männer. Dem zum Trotz bleibt Deutschland hinsichtlich der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern eine Provinz altväterlichen Brauchtums. Anders gesagt: Die Deutschen erweisen sich in einer entscheidenden gesellschaftspolitischen Frage als Ignoranten.

Lohndifferenz beseitigen

Dazu einige Zahlen: Die Alterseinkünfte der Frauen liegen rund 40 Prozent unter denen der Männer. Während hiesige Unternehmen eine Lücke von vier Millionen Fachkräften beklagen, arbeiten 62 Prozent der Frauen zwischen 25 und 54 Jahren auf Teilzeitstellen. In Frankreich sind es 26 Prozent. Das erklärt die geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede nur zum Teil. Denn in Deutschland liegt der durchschnittliche Stundenlohn für Frauen um 22 Prozent unter dem der Männer – auch für Akademikerinnen. In Norwegen beträgt diese Lohndifferenz 8,7 Prozent, in Polen 10, in Spanien 12, in Frankreich 13 Prozent. Kein anderes europäisches Land diskriminiert Frauen in dem Ausmaß wie das in Deutschland tagtäglich mit aller Selbstverständlichkeit geschieht.

Wie im Fall der Altersbezüge kann das Problem nicht gelöst werden, indem einfach sämtliche Frauenlöhne auf das Niveau der Männer angehoben werden. Das würde zu weiterer Staatsverschuldung, zu höheren Lohnstückkosten, zu Pleiten und wirtschaftlichen Nachteilen führen. Vielmehr geht es vorrangig um den Binnenausgleich zwischen den Geschlechtern. Für begriffsstutzige Herren: Privilegierte Männer müssen zugunsten benachteiligter Frauen verzichten!

Demnach hätte beispielsweise eine Universität die durchschnittlichen Gehälter ihrer Professoren einerseits und ihrer Professorinnen andererseits offenzulegen. Daraus würde die Pflicht folgen, die Differenz pro Jahr um zwei Prozent nach dem Prinzip „Nehmen und Geben“ abzubauen und in zehn Jahren verschwinden zu lassen. Nach einem solchen Modell hätte ein Bundesgesetz alle Personalchefs, Aufsichtsgremien, Betriebsräte und Tarifpartner darauf zu verpflichten, die Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen innerhalb einer Übergangsfrist zu beseitigen und darüber regelmäßig zu berichten. Fehlende Kindergartenplätze dürfen dabei nicht als Ausrede herhalten. Die werden dann aus wirtschaftlichem Interesse gewiss geschaffen werden.