Das Foto bei Facebook zeigt eine Frau, auf deren Gesicht eine Mischung aus Wehmut, Naivität und Gewissheit zu sehen ist. Sie hält ein Schild aus Pappe in die Kamera, auf dem steht: „Solidarität mit Kobane! US-Bombardement stoppen!“

Die Frau heißt Christine Buchholz und ist Abgeordnete der Linken im Bundestag. Ihr Pappschild verrät weit mehr als nur die zynische Dummheit des Widerspruchs, der in diesen Zeilen liegt. Bombardements stoppen, obwohl die Eingeschlossenen dringend darum bitten? Solidarität als abstrakter Begriff wird zu Aggression, wenn ihr im gleichen Satz die Anwendung verwehrt wird. Der Spruch auf dem Pappschild zeigt aber auch eine Selbstgefälligkeit, die sogar dann noch Geltung beansprucht, wenn aus ihr nur Ratlosigkeit spricht. Und das geht nicht allein der Linkspartei so.

Unsinn paralysiert Menschlichkeit

Alle Gewissheiten sind verloren. Mit Kobane, der vom Terror des IS bedrängten Stadt, wird die Idee von Demokratie in der Region wahrscheinlich ebenso fallen. Vor unseren Augen spielen sich seit Jahren Massaker in Syrien ab, ohne dass der demokratische Westen dies zu verhindern vermöchte. Hier stirbt die Illusion, dass wir nie wieder sehenden Auges Genozide hinnehmen würden. Wir haben es hingenommen und tun es weiter. Die Hilfe für die Kämpfer gegen die islamistischen Möderarmeen des IS wird – der kalten Logik des Kalküls aller Zuschauer entsprechend – in dem Maße anwachsen wie auch die Bedrohung des Westens wächst.

Solidarität vor allem daran zu messen (nicht an Opfern von IS und Assad), ist keine gute Werbung für die Demokratie und ihre Freiheiten. Zu der kalten Gleichgültigkeit gegenüber Konflikten, die mit dem eigenen scheinbar nichts zu tun haben (was in unserer globalisierten Einwanderungsgesellschaft ohnehin ein Irrtum ist), gesellt sich noch ein anderer Grund, nicht zu handeln. Er folgt der Devise: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund Paralyse“.

Der Erfolg des IS zeigt die Absurdität ideologischer Fallen, in dessen Mitte der amerikanische Imperialismus als Feindbild sitzt. Wenn Terroristen der Hamas und der Hisbollah als antiimperialistische Befreiungshelden gelten, was sind dann deren Kollegen des IS?

Und wo bleibt dann die deutsche Kurdenliebe? Sie hat Tradition und ist jene Mischung aus linker Befreiungsromantik und einem ethnisch geprägten Nationalismus, den man sich in Deutschland so nicht auszusprechen traut. Wer sind nun die besseren Widerstandskämpfer gegen den Imperialismus Amerikas? Die Kurden oder die Islamisten als Opfer einer amerikanisch/israelischen Nahostpolitik? Wer ist das bessere Opfer? Und wenn die Kämpfer des IS wirklich so grausam sind? Ist das dann alles vielleicht eine Verschwörung der Zionisten, um die antiimperialistischen Kämpfer schlecht dastehen zu lassen? Derlei Unsinn muss zu Denk- und Wahrnehmungsblockaden führen. Wie immer, wenn Ideologie sich vor die Wirklichkeit schiebt.

Bedauerlicherweise ist dies weiter verbreitet, als man denkt. Er verhindert echte Solidarität mit den Kurden, er wendet sich von wirklich Unterdrückten ab. Dieser Unsinn paralysiert Menschlichkeit. Er ist der Grund für das Pappschild der Abgeordneten. Den Betroffenen in Kobane und anderswo nützt es so viel wie das Material, auf dem sie es geschrieben hat. Pappe, sonst nichts.