Kolumne: Lieber Herr Thadeusz, fällt es Ihnen schwer, anderen zu vertrauen?

Im Restaurant Platz nehmen, die Bestellung aufgeben und, wenn der Kellner außer Sichtweite ist, schnell hinterher. Die Pfuscher in der Küche überraschen.

Auf dem Wagenstandsanzeiger klären, wo das zu stehen kommen soll, was früher Lokomotive hieß und heute wohl Triebkopf genannt wird. Einfach mal einsteigen und fragen, wo der anwesende Herr das Lokführen gelernt hat. Vorbereitete Fangfragen stellen und zu dem Ergebnis kommen: Dilettant! Hier reise ich nicht mit.

Gemeinsam mit der Internistin das Bild des eigenen Herzens im Ultraschall betrachten. Wenn die Medizinerin erklärt, warum es keinen Grund zur Sorge gibt, gleich hart nachfragen. Schwer erkennbare Herz-Missbildungen im Netz gesucht haben und den Quacksalberin-Vorwurf unausgesprochen in den Raum stellen.

Misstrauen ist manchmal nötig: Wenn zwei Tagediebe in Camouflage-Hosen angeblich Geld für „Tiere und Kinder in Not“ sammeln, bimmelt in mir ein Nepp-Alarm. Zuerst bin ich beleidigt. Denn die Abzocker von den ausgedachten Hilfsorganisationen halten uns Passanten immerhin für so doof, dass wir weder Tier- noch Kinderschutzbund kennen.

Ich glaube der Telekom nicht, dass sie nur mein Bestes will, wenn sie mich mit einem ganz neuen Global-Mobil-Surf-allover-Superangebot beschenken will. Stattdessen ahne ich nur ein weiteres Tarif-Dickicht und weniger Taschengeld für mich, weil die Bonner Telefon-Leute noch fester an meinem Konto saugen. Die Telekom hat auch schon einmal anrufen lassen. Eine junge Frau, die durch ihren Ton aufscheinen ließ, dass ich entweder einen neuen Tarif sofort bestelle. Oder mich zu harter Arbeit in einem Steinbruch auf einer sehr kalten Insel im Nordmeer einfinde. Nur der Vollständigkeit halber: Ich habe ihr misstraut und das Angebot abgelehnt.

Vertrauen in Lufthansa

Ohne Vertrauen durch das Leben zu gehen, wäre aber nicht nur unerfreulich, sondern auch undankbar. Erst kürzlich saß ich bei meiner Ärztin und die war von den vielen Patientengesprächen mitten in der Grippewelle zwar erschöpft. Aber trotzdem ganz bei meiner Sache. Was würde ich eigentlich machen? Kann man mir immer vertrauen? Womöglich ist das die Quelle des Misstrauens: Was, wenn der Bauunternehmer, die Versicherungsleute, oder wem immer ich gerade vertrauen soll, nicht besser sind als ich?

Momentan drängen sich wieder Journalisten in den Vordergrund, die der quasi-religiösen Überzeugung anhängen, alle Unglücke könnten unmöglich gemacht werden. So lange nur keiner einen Fehler macht. Oder Systeme geschaffen werden, die Fehler ausschließen. Unmenschlich, undenkbar. Aber vor allem die Kollegen beruhigend, die mit dem anarchischen Charakter des Schicksals nicht klarkommen.

Die Misstrauischen unter Ihnen werden jetzt annehmen, ich würde von denen bezahlt. Aber ich habe der Lufthansa immer vertraut und tue das weiterhin. Als es noch erlaubt war, durfte ich für eine Reportage eine Verkehrspilotin bei ihrer Arbeit im Cockpit beobachten. Bei einem Landeanflug auf Nairobi gab es ein ernstzunehmendes technisches Problem. Die Umsicht, die Ruhe, die Professionalität der jungen Frau waren beeindruckend. Verbunden mit der beruhigenden Einsicht, dass andere gut können, was jenseits meiner Fähigkeiten liegt. Darauf vertraue ich weiterhin.

Jörg Thadeusz, RBB-Moderator