Bis vor Kurzem war es einfach, sich von seinem unbekannten Gegenüber in der Bahn ein grobes Bild zu machen, wenn er Zeitung las. War es die, hinter der immer ein kluger Kopf stecken soll, oder jene, die angeblich Meinung bildet; hatte sie ein buntes Cover oder einen blauen Schriftzug, war sie regional oder international, liberal, links oder konservativ? Es ließ sich zumindest auf den ersten Blick feststellen, ob man mit dem Unbekannten die Vorliebe für ein Blatt teilt oder nicht. Mehr aber auch nicht.

Heute lesen Leute in den sozialen Netzwerken und posten parallel ihre eigenen Gedanken dazu – spontan, halbfertig oder auch mal wohlüberlegt. Seitdem erfahren wir oft, was die Leser denken, selbst wenn sie uns nicht gegenübersitzen. Wer diese Welt betritt, wird augenblicklich zum Gedankenleser. Informationen und Gruppen, die sich einem im realen Leben nie erschlossen hätten, drängen sich in den sozialen Netzwerken auf. Kaffeehaus, Marktplatz und Schulhof der Internetgeneration sind Jappy, Ask.fm, Xing oder Facebook.

Für die Neugierigen tun sich dort einen Klick vom Tagesgeschehen entfernt Abgründe auf. Der Meldung über Flüchtlinge von Lampedusa folgt gleich ein Link zu den „Identitären“, eine Gruppe übler Menschenfeinde. Sie werben mit dem Bild einer jungen Frau, die einsam im Kaffeehaus sitzt. Drüber steht: „Sehnsucht nach den eigenen Städten“, weil die von Muslimen „überfremdet“ seien. Einen Klick weiter geht’s zu den Roma, die nach Ansicht des Mobs unmöglich ein blondes Kind haben können, weshalb die Polizei nicht rassistisch handelt, sondern allen Grund dazu hat, die kleine Maria zu „retten“.

Blond und bei den Roma? „Das geht gar nicht“ – ein Satz, den wir gerade auch von der Kanzlerin hören. Der Kanzlerin ist nach Ansicht „freier Nationalisten“, wieder einen Klick weiter, nun hoffentlich auch klar, was die „Neue Weltordnung“ aus ihr gemacht hat – eine Marionette der USA, der NSA und der Zionisten. Letztere seien auch Kindermörder. Und Kinderschänder oder Pädophile. Außerdem seien die Achtundsechziger schuld am „Volkstod“. Wer nicht im Chaos von Multikulti untergehen, sondern zu den „Unsterblichen“ mit Masken und Fackeln gehören will, muss Wagner hören und blonde Kinder machen. Von da aus kommt der Nutzer auf die Seite für härtere „Rebellen gegen das System“. Dort weist ein Klick auf die Vermummten des „nationalen Widerstands“, die bei dröhnender Nazirockmusik den Weltimperialismus untergehen lassen. In der „Deutschen Zukunft“ ist auch Platz für ganz, ganz schwarzen Humor, der keinerlei Rücksicht kennt. Dort bekommen Minderheiten wie Schwarze, Schwule, Roma oder Juden gesagt, was „das deutsche Volk“ wirklich von ihnen halte!

Politisch inkorrekt zu sein, ist Pflicht. Und natürlich auch, Gutmenschen zu verachten und sie bei Gelegenheit auch aufzuhängen. Klingt unheimlich? Steht da aber so. Jedem einzelnen Thema der Nachrichten von heute folgt eine vergiftete Flut von Kommentaren und bösartigen Ideologien, die immer nur einen einzigen Klick entfernt sind. Diesen Dreck zu löschen oder zu ignorieren, hilft nicht weiter. Es wird Zeit, auch im Web 2.0 – dem Marktplatz von heute –, Haltung zu zeigen. Wenn jeder seine Sau durchs Dorf treibt, stinkt es am Ende überall.