Mittlerweile habe ich mir die ungeschnittenen Interviews angehört, die das Fernsehmagazin Panorama vor 14 Tagen mit Pegida-Demonstranten in Dresden geführt hatte. Wie also begründen diese Protestler ihre Empörung? Durchgängig tun sie so, als lebten sie im Armenhaus der Republik, würden von „den Politikern“ missachtet und von „der Lügenpresse“ getäuscht. Dabei zählt ihre Stadt zu den größten Wendegewinnerinnen. Das gelang mit viel fremdem – gewissermaßen zugewandertem – Geld und dank des bürgerlichen Selbstbewusstseins, das sich in Dresden über alle Zerstörungen hinweg so wunderbar erhalten hat. Ob auf dem Weißen Hirsch, am Hauptbahnhof, in der Neustadt, in der Universitätsbibliothek oder im Weichbild der Frauenkirche – die Stadt blüht, sie entwickelt eine angenehme Balance zwischen Tradition und Modernität.

Um die Verkehrsströme besser zu lenken, verzichteten die Dresdner mit absichtsvollem Trotz auf den Unesco-Titel Weltkulturerbe und bauten ihre Waldschlösschenbrücke. Kaum verschuldet, wird die Stadt sehr ordentlich regiert, ebenso das Bundesland Sachsen. Menschen, die als Ausländer auffallen könnten, leben dort kaum. Pegida-Dresdner protestieren gegen Zustände, die sie aus dem Fernsehen, von Reisen oder vom Hörensagen zu kennen glauben, und befürchten, Fremdlinge könnten ihnen eines Tages die Butter vom Brot nehmen.

Mehr als der ängstliche Vorbehalt tritt in den Interviews blanker Neid als das Hauptmotiv des Protests hervor, und der äußert sich so: „Die kriegen einen Haufen Geld, und ich bin Rentner, der dazu verdienen muss … Viele kommen, die auf unsere Kosten hier ihren Urlaub verbringen … Viele deutsche Kinder werden zu Weihnachten nicht beschenkt, weil die Eltern das Geld nicht haben, und daran wird nicht gedacht … Wir haben weder Arbeitsplätze noch Platz … Mir geht es darum, dass mein Geld bei mir bleibt … Ich hätte auch mal gern auf Kosten eines anderen Volkes gelebt … Die kommen daher und kriegen alles – Schmarotzer …“

Kleinmütige und Ehrgeizlinge

Der Neid zählt zu den sieben Todsünden. Doch im Gegensatz zu den anderen sechs (Faulheit, Habgier, Völlerei, Wollust, Zorn und Hochmut) macht diese Sünde keinerlei Spaß, sondern hässlich – sprichwörtlich gelb und grün. Der Neid zersetzt das soziale Miteinander, zerstört Vertrauen, konstituiert die Herrschaft des Verdachts, verleitet Kleinmütige und Ehrgeizlinge dazu, ihr geringes Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie andere herabsetzen. Ihre scheelen Blicke, ihre üblen Nachreden, ihre Lust am Rufmord zielen auf Außenseiter. Dabei vergiftet sich der Neider selbst.

Er weiß das und verbirgt sein Ekelwesen hinter biedermännischem Getue. Er richtet seine Energie „auf Zerstörung des Glücks anderer“, wie Immanuel Kant beobachtete. Werden die Beneideten Opfer von Unrecht und Gewalt, genießt der Neidhammel Schadenfreude und murmelt: „Was geht mich das an.“ Sein Gewissen bleibt ruhig. Er ist es nicht gewesen. So kann sich die dumpfe Missgunst der vielen mit dem Terror weniger zur „direkten Aktion“ bereiten Gewalttäter verbinden.

Diese Gefahr besteht in Dresden noch nicht, und weil sich mit von chronischem Neid angefressenen Leuten schwer reden lässt, sollten die Pegida-Mitläufer vorläufig ignoriert werden.