Über die letzten Felder brummen Mähdrescher, bald ist es geschafft. Wenn sich der Staub gelegt hat, wird die Ernte abgeschlossen sein und der Herbst kann kommen. Dann beginnt der Wahlkampf. An den Laternen in Dörfern und Städten wachsen Plakate heran, so als gehöre dies zur Natur in dieser Zeit. Slogans, lächelnde Gesichter, einfältige Fotos mit den mehr oder weniger hässlichen Logos der politischen Parteien – sie ähneln einander in Farbe und Symbolik und darin, dass sie nicht aufregen, sondern werben wollen.

Die NPD macht es anders, sie braucht Aufregung, denn ohne die geht es nicht mehr. Doch etwas hat sich geändert, und das ist gut so: Die Leute regen sich wirklich auf – über die NPD. Sie haben die Nase voll von Nazis und bedrängen sie, wo immer die sich zeigen. Es gilt nicht mehr als Schande, Nazis als Symbol der Menschenverachtung zu geißeln; der Protest ist kein Spleen trotteliger Gutmenschen – mit Ausnahmen natürlich. Der Trend geht bundesweit zum Nazigegner.

Wer die NPD dennoch wählt, weiß, dass er sich mit dem Unappetitlichsten gemeinmacht, was das Land zu bieten hat. Überall organisieren Bürger Gegenveranstaltungen, wenn die NPD eine Bustour macht, einen Parteitag veranstaltet oder auch nur einen Infostand aufbaut. Die gelungenste war wohl der Demokratiekarneval in Pasewalk, einer kleinen Stadt in Ostvorpommern, einer Region mit sehr hohen Wahlerfolgen der Rechtsextremen, wann immer es zur Wahl ging. Hunderte Menschen dort feierten sich selbst und ihre Lust daran, gegen die Nazis aufgestanden zu sein. Auf Wagen und mit Skulpturen zogen sie durch die Stadt, in verrückten Kostümen und mit witzigen Slogans, die sogar etwas selbstironisch sein konnten.

Künstler von einem internationalen Workshop kamen dazu und auf der Zugmaschine saß eine blonde Maid in luftigem Kleid mit Blumenkrone und Tüll im Haar. „Prinzessinnen gegen Nazis!“ stand auf dem Schild, das sie wie ein Zepter hielt. Die anwesenden Bürgermeister aller angrenzenden Städte – leider nur Männer – jubelten ihr und allen anderen zu.

Ein gelungenes Fest, ein gutes Gefühl. Die Bürgermeister hatten sich zuvor getroffen und beraten, was sie tun können, damit die NPD auch inhaltlich unattraktiv wird und sie niemand mehr wählen will. Sie hatten eine Menge Ideen, tauschten Tricks und echte Erfolgsstorys. Keiner von ihnen zeigte noch jene verdruckste Haltung vergangener Jahre, in der sie die Wahlerfolge der Nazis, oft zornig, mit Strukturproblemen ihrer Region entschuldigten.
Doch noch ist die Ernte in vollem Gange.

So ein Feld braucht mehr als nur die Maschine, die das Korn drischt. Die Schule hat wieder angefangen und dann werden wir sehen, was wirklich dran ist am „Kampf gegen rechts“. Wenn Kinder wegen ihres Namens, ihrer Hauptfarbe oder Kopfbedeckung schlechtere Noten bekommen, Familien von Migranten benachteiligt oder Schwarze von der Polizei schikaniert werden, wie es im Bericht der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes vor einigen Tagen hieß – dann ist wohl noch viel zu tun. Solange Rassismus Alltagserfahrung für viele Menschen bleibt, reicht es nicht, ein Prinzessinnenzepter zu schwingen. Die Ernte ist erst vorbei, wenn alles gründlich beackert worden ist. Nicht nur gegen die NPD und nicht nur zur Bundestagswahl.